Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- Seite 542 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 542 - An den bestehenden Verhältnissen haben sie absolut nichts geändert, wie die beständigen Klagen über Nichtbeförderung jüdischer Soldaten bis zur Evidenz beweisen. Dagegen haben sie die antisemitische Meute noch inehr erbittert; ja, man hat sogar den Versuch gemacht, den italienischen Kriegsminifter bloßzustellen und den Nachweis zu führen, daß auch in der dortigen Armee der Antisemitismus weit verbreitet sei. General Ottolenghi wurde mit unerhörter Keckheit zu einem getauften Juden degradiert; das Auftreten des Ministers im Parlament wurde als ein klägliches bezeichnet und seine Politik als eine im Dienste der jüdischen Senatoren und Abgeordneten stehende hingestellt. Schließlich wurde noch berichtet, daß eine Maßregelung italienischer Offiziere wegen antisemitischer Aeußerungen gegen den Kriegsminister stattgesunden habe. Unsere Erkundigungen an Ort und Stelle haben damals ergeben, daß an allen diesen Mitteilungen kein wahres Wort gewesen ist. Im Gegenteil! Die Gewandtheit und Schlagfertigkeit, mit der General Ottolenghi, ein Neuling im parlamentarischen Kampfe, sein Ressort in der Kammer vertrat, hat allgemein verblüfft, und sein schneidiges Eintreten für die Armee und den Militarismus hat ihm gerade auf seiten der konservativen Partei, die ja das Ministerium Zanardelli hart befehdete, großen Beifall eingetragen. Es dürfte vielleicht heute von besonderem Interesse sein, einige Aeußerungen zu wiederholen, die Ottolenghi damals gegen den Vorwurf des Militarismus getan hat: „Bedeutet Militarismus Kastengeist und Kastenprivitegien, so lehne ich ihn mit aller Entschiedenheit ab; bedeutet er indessen Freude am Heer und an den militärischen Einrichtungen, so nehme ich ihn herzlich gerne an, denn das Heer ist der Schutz des Vaterlandes am Tage der Gefahr." So sprach ein Jude. Wären alle Konservativen und Antisemiten ehrlich und wahr, dann hätte, ihnen diese Sprache eines Juden imponieren müssen. Aber sie sind eben nicht ehrlich, und die Ansichten, die sie öffentlich äußern, sind aller Wahrhaftigkeit bar. Wie sehr sticht von diesem Treiben der Mut und die Offenheit ab, mit der Ottolenghi zeitlebens sein politisches und sein religiöses Bekenntnis vor aller Welt bekundet hat! Schon als Minister schrieb er an den Herausgeber eines Kalenders, der seine Biographie veröffentlichte, folgende merkwürdige Zeilen: „Von dem außerordentlichen Wohlwollen für mich absehend, beglückwünsche ich Sie von Herzen, daß Sie durch Ihre unverdrossene Werktätigkeit die Ehre des Judentums gegen die unglückliche Idee des leider noch in vielen Ländern allzuherrschenden Vorurteils Hochhalten. Ich bin stolz darauf, dargetan zu haben, wie man bei uns in der Armee zu den höchsten Würden gelangen und auch — zum erstenmal — die höchste Stufe eines Kriegsministers erreichen kann, ohne den Glauben seiner Ahnen verheimlichen oder verleugnen zu müssen." Nun denn, wenn auch sein Leben und sein Beispiel nicht nach außen Eindruck gemacht hat, so wird es doch vielleicht, so hoffen wir zuversichtlich, eine Wirkung nach innen üben, indem es unserer Jugend das Muster eines Juden vorführt, der zu den höchsten Ehrenstellen im Staate gelangt ist, ohne sein Judentum zu verleugnen. Ja, der es im Gegenteil stets bei jedem Anlasse bestimmt und feierlich betont hat. Ein solches Beispiel muß seine Wirkung ausüben. Und so wird auch, nachdem General Ottolenghi von uns geschieden ist, sein Nachruhm einen reichen Segen über die Gemeinschaft verbreiten, der er entsprossen, und der er bis zum letzten Atemzug treu geblieben ist. Die Woche. Berlin, 8. November, as wichtigste Ereignis der Woche ist für uns die Nachricht, daß die russische Regierung sich bereit erklärt hat, die Pässe für die in Rußland reisenden amerikanischen Juden anzuerkennen. Der russische Botschafter hat bereits in Washington die Revision des Paßgesetzes notifiziert, wodurch die bisherige Ausschließung der Israeliten allgemein fortsällt. Die Bundesregierung verlangt jedoch auch Gleichstellung der in Amerika naturalisierten russischen Juden. Allgemein wird nun die Frage aufgeworfen: Wie wird sich die deutsche Reichsregierung zu diesem Beschlüsse verhalten? Als im Reichstag die Lage der jüdischen Handlungsreisenden, die nach Rußland gehen müssen, erörtert wurde, versprach der Staatssekretär Freiherr v. Richthosen, daß die Frage bei der Beratung der Handelsverträge mitbesprochen werden solle. Es ist auch bekannt, daß der Reichskanzler bei den Verhandlungen in Norderney diesen Gegenstand mit Herrn v. Witte erörtert hat. Graf Bülow hat die Besprechung dieses Punktes mit den durchaus zutreffenden Worten eingeleitet: „Was ich jetzt fordern werde, liegt vielleicht noch mehr in Ihrem als in unserem Interesse." Vermutlich wollte der Kanzler darauf Hinweisen, daß die zurzeit bestehende Gesetzgebung in ganz Europa als rückständig empfunden wird und ihre Abänderung in allen Kulturländern günstigen Eindruck Hervorrufen werde. Herr v. Witte sagte darauf: „Vous avez parfaitement raison!“ Demnach steht zu erwarten, daß die deutschen Wünsche in dieser Richtung Berücksichtigung finden. Wir sind begierig, zu erfahren, wie lange es dauern wird, bis die Meldung von der Abschaffung der Paßgesetze für alle ausländischen Juden überhaupt erfolgen wird. * Ein kleines Intermezzo in der großen parlamentarischen Schlacht, die die französischen Nationalisten gegen den Kriegsminister Andre führen, darf beileibe nicht übersehen werden. Im Eifer seiner Rede, als General Andre seinen Gegnern ihre Sünden aufzählte, berichtete er auch u. a. das folgende, unwidersprochen gebliebene Faktum: „Ein jüdischer Kandidat erhält im Offiziersexamen eine gute Note. Der Oberst ändert sie in eine schlechte und sagt: Wir wollen keine Juden! (Großer Lärm, alles schreit durcheinander.)" . Diese kleine Notiz spricht Bände. Sie ist belehrender als alle großen Artikel und als alle eingehenden Untersuchungen über die Frage. Sie wird vielleicht gar einmal ihren Platz in der Geschichte des Jahrhunderts finden. * Während die Russische Telegraphenagentur die neuen Judenkrawalle bisher krampfhaft ableugnete, muß sie sie nun doch zugestehen. Aber natürlich tragen die Juden die Schuld daran. „Die Erbitterung der Christen gegen die Juden wurde in diesen Orten auch dadurch hervorgerufen, daß diese in großer Anzahl desertierten, wodurch die christlichen Reservisten gezwungen wurden, die im Heer entstehenden Lücken anszusüllen. Die Mehrzahl der Deserteure sind Juden und die Wohltätigkeitsgesellschaften in Lemberg erwiesen ihre Fürsorge nicht Kernrussen. Die von jüdischen Deserteuren verbreiteten Gerüchte, nach denen die Familien der Flüchtlinge den' strengsten Strafen unterliegen, sogar angeblich nach Sibirien verurteilt würden, sind vollkommen aus der Lust gegriffen." Jedes Wort in diesem Commnnigue ist eine dreiste Unwahrheit. Vielmehr charakterisieren sich die Ausschreitungen