Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 46 (11.11.1904)
- Date
- 1904-11-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang. No. 46. ... Berlin, 11. November 1904, Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen oierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Rarpeler. Begründet. von Rabbiner D"- Ludwig Philipxson. VürlSN-LpeSitimi: Berlin, Jerusalemersir. 46/49. 2llle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Msfse, Berlin. Gmrrs! Ottotrnghl, | Berlin, 7. November. ,YT | it tiefer Betrübnis wird aller Orten die'Trauerkunde von dem Hinscheiden eines Mannes vernommen werden, dev dem Judentum unserer Zeit zur hohen Zierde gereichte. Am 2. d. M. ist in. Turin General. Gniseppe Ottolenghi nach kurzen Leiden im 65. Lebensjahre gestorben. Als Ottolenghi am 14. Mai 1902 in dem. rekonstruierten 'Kabinett Zanardelli zum Kriegsminister Von Italien ernannt wurde, bezeichneten wir das als ein Ereignis, das wie ein Lichtblick aus dem dunklen Gewölk unserer Tage hervorgebrochen, und das durch die begleitenden Umstände noch eine höhere Bedeutung gewonnen. Unsere Leser erinnern sich auch gewiß, daß. diese Ernennung eines Juden zum höchsten Beamten der italienischen Armee weit über die Grenzen Italiens hinaus nicht geringes Aufsehen erregt hat, da der Fall, daß ein Jude in einem modernen Staat mit dem wichtigen Portefeuille'der Landesverteidigung vertraut wurde, bis dahin einzig dastand, i In einem weltgeschichtlichen Augenblick ist der Raine des 'Generals Ottolenghi zum erstenmal einer breiten Oeffentlichkeit bekannt geworden. Es war am 23. April 1893, als' er den deutschen Kaiser als Adjutant zum Oberhaupt der katholischen Kirche nach dem Vatikan begleitet hat. 25 Jahre vorher wären die Juden in Rom noch gedrückt und in ihrem Ghetto eingesperrt. .. Gsiuseppe Ottolenghi wurde, 1839 in Turin geboren.. Am 11. April .1859 trat er als'Freiwilliger in die Militärakademie ein, drei Monate später, nach mit Auszeichnung abgelegtem Offiziersexamen, empfing er die Epauletten als Leutnant, nach weiteren 15 Monaten wurde er Oberleutnant, machte die Feldzüge in den Jahren 1859 und 1861/62 mit; während dieser Kriegsepochen avancierte er von Stufe zu Stufe und 1865 ward er! bereits zum Oberst befördert. 1866 gehörte Oberst Ottolenghi dem Maison militaire des Königs Viktor Emanuel an, der? ihm bei Custozza eigenhändig den savoyschen Hausorden für militärische Verdienste überreichte. 1878 war er Mitglied der internationalen Kommission zur Festsetzung der neuen.türkisch-montenegrinischen Grenze auf Grund des Berliner Vertrages. 1888 wurde Ottolenghi vom König Humbert in den Grafenstand erhoben und zum Generalleutnant ernannt. In dieser Eigenschaft wurde er in Neapel Brigadier und als solcher Vorgesetzter des damaligen Kronprinzen, jetzigen Königs Viktor Emanuel III. 1895 wurde er zum Festungskommandanten ' in Turin ernannt und erhielt gleichzeitig das. Kommando der Turiner Division. 1899 wurde er zum Kommandanten des 12. Armeekorps in Palermo ernannt und von da zum Kommando des 1. Armeekorps in Genua trans- Wiert. Zahlreiche Orden und Ehrenzeichen schmückten seine Brust aber mehr noch als diese zeugten von seiner Tapferkeit und Kaltblütigkeit in Schlachten und Treffen die Wunden, welche er erhalten.. Der ganze Leib des tapferen Mannes war bedeckt von Narben; insgesamt erhielt er von dem Feinde acht durchwegs schwere Verwundungen. Bei der Belagerung von Gaeta schickte dem Kriegsfreiwilligen bei der Artillerie unter Cialdini ein bourbonischer Schweizerschütze eine Kugel in die. rechte Hüfte, nachdem er vor Capua am linken Schenkel eine tiefe Wunde erlitten hatte. . Im Kampfe gegen die Briganten in den Abruzzen wurde ihm der rechte Arm durchbohrt und durch zwei Schüsse mit gehacktem Blei , der ganze Brustmuskel der rechten Seite bis zur Achselhöhle zerrissen. 1864 erlitt er im Kampfe gegen eine Räuberbande in der Basilikata eine lebensgefährliche Verwundung am Unterleib und erhielt für einen äußerst kühnen, mit kaltem Blute dnrchgeführten Angriff am Monte Croce das Militärkreuz von Savoyen; auch dabei wurde der damalige Führer der Guiden und Feldgendarmen des Generalstabes schwer verletzt. Auch als Militärschriftsteller h'at er sich vielfach bewährt König Viktor. Emanuel III. hatte Ottolenghi drei Monate vor seiner Ernennung zum Kriegsmlnister zum „Heerführer" im Kriegsfälle' vormerken lassen; tzs ist dies der höchste Grad* in der italienischen Armee, welchen außer Ottolenghi nur noch die Generale Mirri, Valdissera.und Peloux erreicht haben. - Ottolenghi war der Sprößling einer-alten Familie,, die auch in Gelehrtenkreisen einen güten Namen hat und in der hervorragende italienische Rabbiner sich befinden. Ursprünglich stammte aber die Familie aus Oettlingen in Bayern. Er selbst hlieb trotz aller Ehren und Auszeichnungen ein glaubenstreuer Jude, der fast an jedem Sabbat die Synagoge besuchte, und der am Versöhnungstage, in seinen Gebetmantel gehüllt, im Tempel zu Turin mit seinen Glaubensgenossen den einig einzigen Gott freudig bekannte. Die Bedeutung der Tatsache, daß ein. solcher Mann zum Generalfeldmarschall und Kriegsminister der italienischen Armee berufen, die in dem Dreibund eine hervorragende . Rolle spielt, hätte, so müßte man glauben, irgend eine Rückwirkung auf die betreffenden Verhältnisse in den anderen europäischen Staaten ausüben müssen. Kurze Zeit darauf hat der deutsche Generaloberst und Generaladjutant des Kaisers von Loe bei einem Feste in Bonn die Tätigkeit der jüdischen Soldaten in anerkennenswerter Weise hervor- Hehoben. Welchen Eindruck haben nun diese beiden Tatsachen damals gemacht? V