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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-11-04 · Heft 45 (4.11.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 45 (4.11.1904)
Date
1904-11-04
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Der ’^:v'’^^ '"^ 8. Jahrgang. No. 45. Berlin, 4. November 1904. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums". lkorrelpondrnren und Kachrichten. Veutschlsntz. ' 8. Berlin, 30. Oktober. In zweieinhalbstündiger, zum teil sehr bewegter Sitzung, tagte die heutige Repräsentantenversammlung. Zwei wichtige Vorlagen standen unter vielen anderen Beratungsgegenständen geringerer Bedeutung zur Verhandlung, welche in der ihnen gebührenden -Ausführlichkeit diskutiert wurden: zunächst die Interpellation Blaschke betreffend die Vorbereitung akademisch, gebildeter Lehrer und Studenten zur Erteilung jüdischen Religionsunterrichtes an öffentlichen Lehranstalten und ferner die Vorlage betreffend Einführung von Schrifterklärungen an predigtfreien Sabbaten. Mit einem warmempfundenen Nachruf, auf den jüngst verstorbenen Herrn Gustav Loewenberg und dessen mustergültiges Wirken seit beinahe fünfzig Jahren im Dienste der Gemeindeverwaltung eröffnete der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung Geheimrat Blumenthal die Sitzung. Zwei hocherfreuliche Erklärungen wurden alsdann vom Vorsitzenden des Gemeindevorstandes Herrn Julius I aco.bi vor Eintritt in die Tagesordnung abgegeben. Es ist schon ein altes Postulat, Mittel und Wege zu finden, um eine völlig erschöpfende Heranziehung aller jüdischen Steuerpflichtigen zu bewirken; diese durchaus berechtigte Forderung, welche auch schon vor langer Zeit zur Einsetzung einer gemischten Deputation führte, die sich ausschließlich mit dieser Materie zu befassen hatte, hat nunmehr eine glänzende Erledigung gefunden. Der Polizeipräsident hat nämlich jetzt die Polizeireviere angewiesen, von den ihnen seitens des geschäftsführenden Ausschusses der Berliner Stadtshnode zur Eintragung des Religionsstandes zugehenden Auszügen aus der Liste der Steuerpflichtigen Berlins in Form einer Liste Abschriften der Auszüge aller derjenigen Personen anzufertigen, die als Juden gemeldet sind; diese Listen werden dem Vorstande der jüdischen Gemeinde dann von den einzelnen Polizeirevieren direkt zugehen. Eine fernere Erklärung des Gemeindevorsitzenden muß nicht minder unser Interesse erregen. Die Flugblätter des Dreschgrafen Pückler-Klein-Tschirne. die in Tausenden von Exemplaren auf der Straße verteilt wurden, sind schon seit geraumer Zeit bei unseren Glaubensgenossen sowohl wie bei vielen Andersgläubigen ein Gegenstand des Aergernisses gewesen; besonders das letzterschienene Flugblatt hat wohlberechtigte Erregung hervorgerufen, Der Gemeindevorstand ist sich deshalb in seiner letzten Sitzung vom 26. d. M. schlüssig geworden, bei der Staatsanwaltschaft die Erhebung einer Anklage gegen Pückler zu erbitten.. In umgehender Beanwortung hat die Staatsanwaltschaft nunmehr dem Gemeindevorstand die dankenswerte Mitteilung zugehen lassen, daß „von vornherein und ohne besondere Anregung das Strafverfahren gegen den Grafen Pückler eingeleitet worden ist und das Geeignete veranlaßt werden wird." Beide Erklärungen wurden von den Repräsentanten mit lebhaftem Beifall begrüßt. Die durch den Tod des Herrn Loewenberg in den einzelnen Kommissionen ein getretenen Vakanzen wurden fast debattelos erledigt. Es wurden gewählt: in den Ausschuß III Herr Gerson Simon, in die Kommission zur Beschaffung des Koscherfleisches Herr Berthold I s r ae l, in die Kommission zur Unterstützung hilfsbedürftiger durchreisender Glaubensgenossen Herr Gerson Simon und in die Veranlagungskommission Herr Isidor Sachs. Die Ergänzungswahl für den Vorstand der alten Synagoge verfiel der Vertagung, nachdem die beiden vorgeschlagenen Kandidaten Isidor Sachs und Professor Baginsky die Annahme einer etwaigen Wahl abgelehnt hatten. Dann folgte die beteits im Eingänge dieses Berichts erwähnte Interpellation Blaschke. Auf die Anfrage des Antragstellers, ob der Gemeindevorstand die Einrichtung von Kursen zur Vorbereitung akademisch gebildeter Lehrer und Studenten zur Erteilung jüdischen Religionsunterrichts an öffentlichen Lehranstalten in Aussicht genommen hat, erwiderte Gemeindesyndikus Justizrat Lilienthal, daß für die Gemeindeverwaltung keine Veranlassung hierzu vorliege, nachdem der Deutsch-Israelitische Gemeindebund die Veranstaltung solches Kurse; die wahrscheinlich schon nächste Woche ins Leben treten, beschlossen hat. In ausführlicher Weise begründet alsdann Professor Blaschke die Vorlage. - Dagegen beantragt-Professor Baginsky, daß die Gemeinde die Kurse selbst in die Hand nehme. Es erhebt sich eine sehr erregte Debatte, über die wir, in' der nächsten Nummer ausführlich referieren werden und deren erfreuliches Resultat die Ablehnung des-Antrags Baginsky ist. Ebenso wird die Petition der Vorstände der drei Orgelsynagogen, an den predigtfreien Sabbaten Schrifterklärungen einzuführen, nach Antrag des Vorstandes einstimmig angenommen. Ausführlicher Bericht wegen Raummangel in der nächsten Nummer. — Berlin, 29. Oktober. . Die vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde eingerichteten unentgeltlichen Vorlesungskurse für akademisch gebildete jüdische Religionslehrer und Religionslehrerinnen werden am Montag 7. November abends 7 Uhr in dem Konferenzzimmer der zweiten Religionsschule- Lindenstraße 48/50, eröffnet werden. Es lesen die Herren: Dozent Dr. Elbogen und die Rabbiner Dr. Dr. Blumenthal, Galliner und Warschauer über Bibelkunde und biblische Geschichte, hebräische Grammatik, Bibel- und Gebetübersetzen, jüdische Geschichte und Religionslehre, außerdem finden seminaristische Uebungen statt. Anmeldungen sind an Herrn Dr. Blumenthal, Berlin N. 24, Monbijouplatz 4, zu richten. 8. Berlin, 26. Oktober. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur fand heute ein Rezitationsabend des rühmlich bekannten Vortragsmeisters Alexander Strakosch statt. Schon vor Beginn des Vortrages war der Saal völlig überfüllt, so daß einer zahlreichen Menge der Zutritt nicht mehr gestattet werden konnte. Das Programm brachte die' Forumszene aus „Julius Cäsar", „Belsazar", eine Szene aus „Uriel Acosta" und „Frau Judith" von Kis, die in vollendeter Weise vorgetragen wurden. Alle Darbietungen fanden den ungeteilten Beifall des. Auditoriums, das seinen Dank in herzlichster Weise dem großen Künstler zu. erkennen gab. Aus den auswärtigen Literaturvereinen: In Königsberg sprach Dr. G. Huth-Verlin über die Juden in Sibirien, in Tilsit über die Juden in Turkestan, in Samter Dr. Wreschner über, die Kämpfe im jüdischen Lager um die Mitte des-18. Jahrhunderts, in Wreschen Dr. Sonderling-Berlin über jüdische Kunst, in Dresden Dr. Beermann-Jnsterburg über die Zeit des Herodes in der modernen Dichtung, in Köln Dr. Frank ,-Rückblick auf das verflossene Jahr". — Neue Literaturvereine wurden begründet in Neustadt i./Westpr., in Osnabrück und Wanfried. In Neustadt gehören dem Vorstand an die Herren- Dr. Heiß, Dr. Fischer, I. Rosenthal, Schoeps, M. Riese und als Beisitzer Chrzanowski und Gottschalk. Der Verein hat für jeden Monat einen größeren Vortrag bestimmt, sowie regelmäßig Dientags stattfindende Diskussionsabende vorgesehen. Der Verband westpreußischer Synagogengemeinden unterstützt das Unternehmen insofern, indem er uns jedes Quartal populär-wissenschaftliche Bücher zur Verfügung stellt. 8. Berlin, 23. Oktober. Der Gemeindevorstand von Wilmersdorf hat, wie die „Charlottenbg. N. Zeit" erfährt, ein Gesuch des Vorstandes der jüdischen'Gemeinde in Berlin, es möge die Hergabe von Räumen zur Erteilung jüdischen Religionsunterrichts in Wilmersdorf bewilligt werden, unter folgender Begründung abgelehnt: Wenn zurzeit auch einige Räume disponibel sein sollten, so könne dennoch eine dauernde Ueberweisung nicht stattfinden, weil bei der schnell fortschreitenden Entwicklung von Wilmersdorf und den sich fortwährend steigernden Bedürfnissen an Schulräumen vorauszusehen sei, daß diese Räume sehr bald für eigene Zwecke gebraucht würden. Die inzwischen fortgesetzten Bemühungen des Vorstandes der jüdischen Gemeinde um Beschaffung geeigneter Räume haben bisher zu einem Ergebnisse nicht geführt. Das Verhalten des

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