Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 45 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- Seite 534 (sequence 6)
- Language
- German
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Wir verlangen, daß das Verständnis für den Gottesdienst, namentlich bei Frauen und Kindern und die Anhänglichkeit an das Judentum durch einen Planmäßigen, nur von geeigneten Lehrern erteilten Religionsunterricht geweckt und genährt werden.. Wir verlangen, daß die Gemeinde für den Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen Sorge trage und von ihrem Rechte zur Leitung dieses Unterrichts Gebrauch mache. Wir verlangen, daß die bestehenden Synagogenvereine soweit unterstützt werden, wie sie lebensfähig und berechtigt sind. Unser Endziel bleibt aber, daß Synagogen in genügender Zahl — zunächst im äußeren Westen, im Nordwesten und Südosten — errichtet werden. ' Wir verlangen eine Aenderung des Gemeindewahlrechts, dergestalt, daß es leicht zu handhaben und geeignet ist, . den verschiedenen Meinungen und Wünschen aller Glaubensgenossen zum Ausdruck zu verhelfen. Wir verlangen, daß die Steuerkraft der Mitglieder, insbesondere der weniger bemittelten, nach Möglichkeit geschont werde. Für große und berechtigte Pläne hat die freiwillige Opferwilligkeit unserer wohlhabenden Gemeindemitglieder noch nie versagt. Wir verlangen, daß auf dem Gebiete der Wohltätigkeit alle Bestrebungen und Einrichtungen den strengsten und höchsten Anforderungen der Gegenwart genügen. Wähler! Mannigfaltige und schwierige Ausgaben harren Eurer Vertreter. Die Lösung dieser Aufgaben fordert von den Männern, denen Ihr Euer Vertrauen schenkt, volle und pflichteifrige Hingabe, es müssen Männer sein mit offenem Blick und warmem Herzen, die den Pulsschlag der Zeit fühlen, die die Ansprüche unserer Tage verstehen und für die Zukunft unserer Gemeinde und unserer Glaubensgenossenschaft zu sorgen wissen. Der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde hat seit Jahren seine warnende Stimme erhoben und gezeigt, wohin wir treiben, wenn die liberalen Gemeindemitglieder der Wahl fernbleiben. Wähler, es ist an Euch, das höchste Recht, das Euch die Gemeindeverfaffung gibt, das Wahlrecht als Pflicht aufzufaffen. es auszuüben und die Gefahr abzuwenden, daß die Verwaltung völlig nach einseitig konservativen Anschauungen geleitet und jedwedem Liberalismus verwehrt werde, sich geltend zu machen. Darum geht noch einmal die dringende Mahnung im Interesse eines gesunden Gemeindelebens an Euch Tretet aus Eurer Beschaulichkeit heraus, nehmt teil an unserer Arbeit, werbet Freunde für unsere Sache, helft dem Liberalismus zu seinem Recht im Repräsentanten-Kollegium! Vor drei Jahren sind wir unterlegen. Weshalb? Viele Wähler waren der Zuversicht, daß es besonderer Anstrengungen nicht bedürfe, um den liberalen Kandidaten den Sieg zu sichern. Diese Vertrauensseligkeit war unbegründet. Sie war umso verhängnisvoller, je unverantwortlicher unsere Gegner das unbegründete Gericht ausstreuten, wir wollten den Sabbat auf den Sonntag verlegen. Diese Anschuldigung war hinfällig. Was wir der Erwägung der Wählerschaft und der Verwaltung anheimgaben, war nichts als die Frage, ob nicht, unbeschadet der, allgemeinen Sabbatfeier, denjenigen jüdischen Familien, die am Sonnabend durch die wirtschaftlichen Verhältnisse verhindert sind, dem Gottesdienst beizuwohnen, Gelegenheit zu gottesdienstlicher Erbauung in einer einzelnen Gemeindesynagoge an einem arbeitsfreien Tage gegeben werden solle. Um eine Ausnahme handelte es sich, nicht um die Regel. Von einer Abschaffung/ von einer Verlegung des Sabbats war bei uns nirgends und niemals die Rede. Aber die Mehrheit der Wählerschaft hat auch diese Ausnahme nicht gewollt,' und wir haben uns ihrer Entscheidung gefügt. Weil der Nutzen, den wir uns von der gewünschten Einrichtung versprachen, nicht groß genug ist, um eine Verschärfung der Gegensätze unter unseren Glaubensgenossen zu rechtfertigen; d aru m h ab en wir das, was unsere Gegner Sonntagsgottesdienst nannten, aus unserem Programm gestrichen. Um so ernster ergeht an die Wählerschaft die dringende Mahnung, nicht jedwedem Liberalismus in der Gemeindeverwaltung den Garaus zu machen. Und diese Gefahr besteht, sie wird zur Wirklichkeit, wenn Lässigkeit und Gleichgiltigkeit der liberalen Wähler den Konservativen auch die letzten Repräsentantenmandate in die Hände spielen. Die letzten acht liberalen Mitglieder scheiden jetzt aus der Vertretung der Gemeinde. Unterliegt die liberale Partei auch am 24. November wie vor drei Jahren, so gebieten die Konservativen über die Zweidrittelmehrheit, wenn nicht über alle Stimmen im Kollegium und sie haben dann die Macht, die Verwaltung und den Kultus rückwärts zu schrauben, im Gegensatz zu den besten Ueberlieferungen der Berliner Gemeinde. In der Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte aller Juden und in der tatkräftigen Abwehr aller gegen unsere Religion gerichteten Angriffe werden wir uns von niemand übertreffen lassen. In der Vertretung nach außen gegen Unbill und Ungerechtigkeit kennen wir keine Parteien, sondern nur ein einiges Judentum. Wähler! Was an uns ist, haben wir getan, um den Grundsatz gleichen Rechts in unserer Gemeinde durchzusühren. Wir haben jederzeit auf dem Standpunkt gestanden, daß die Einrichtungen für den Gottesdienst mannigfaltig sein müssen, um den Forderungen und Anschauungen jeder religiösen Richtung gerecht zu werden, der orthodoxen sowohl, wie der fortgeschrittenen. Wir haben gefordert und fordern, daß durch Errichtung neuer Gotteshäuser, namentlich in den Außenbezirken, einem dringenden Bedürfnis genügt werde. Aber wir werden uns nicht herbeilassen, eine Einrichtung, die seit Menschengedenken in vielen Synagogen besteht, plötzlich für einen Verstoß gegen die Grundprinzipien unseres Glaubens und gegen seine hehrsten Satzungen zu betrachten. Seit Jahren hat die konservative Partei im Repräsentanten-Kollegium die Mehrheit. Sie hat nahezu aus allen Verwaltungsbereichen verdiente, liberale Mitglieder ausgeschieden und durch konservative ersetzt, obwohl anerkanntermaßen an der Verwaltung der Institute in religiöser wie in anderer Hinsicht nichts ausgesetzt werden konnte. Sie hat ihre Macht gebraucht, um der neuen Synagoge in der Rykestraße die Orgel vorzuenthalten, deren Klänge anderweit bei Tausenden und Abertausenden eine weihevolle Stimmung Hervorrufen und die Andacht nicht stören, sondern vertiefen. Wähler, jede seit 40 Jahren in Berlin errichtete Synagoge ist mit^einer Orgel ausgestattet worden; die Rabbiner erklären einmütig, daß sich vom religiösen Standpunkte dagegen nichts einwenden lasse: der Gemeindevorstand tritt einmütig für die Orgel auch bei der Synagoge in der Rykestraße ein; aber die Konservativen wollten es anders. Und so entbehrt die neueste Synagoge der. Orgel gegen den Vorschlag des Vorstandes, gegen das Gutachten der Rabbiner, gegen den Wunsch der überwiegenden Mehrheit der Gemeindemitglieder, denen das Gotteshaus dienen soll.