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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-28 · Heft 44 (28.10.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 44. Der Gemeindebote. Berlin, 28. Oktober 1904 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums LorrelpondenM und Kschrichten. Deutschland. •A. Berlin, 25. Oktober. Der Hilfsverein der Deutschen Inden hat unmittelbar nach dem Bekanntwerden der großen Nnzuträglichkeiten, welchen die aus wandernden Glaubensbrüder ans Rußland an der preußischen Grenze ausgesetzt sind, Verhandlungen mit den Direktionen der Hamburg-Amerika-Paketfahrt-Aktiengesellschaft und des Bremer Lloyd eingeleitet und diese erfreulicherweise zu einem günstigen Abschluß gebracht. Die Schwierigkeiten, welche sich bei den Verhandlungen bei dieser vom wirtschaftlichen und politischen Gesichtspunkte aus sehr komplizierten Frage entgegengestellt hatten, wurden endlich in einer Konferenz, welche im Hilfsverein der Deutschen Inden zwischen dem Generaldirektor Ballin und den Präsidenten des Hilfsvereins der Deutschen Juden, den Herren James Simon und Dr. Paul Nathan, stattgefunden, in befriedigender Weise beseitigt. Durch ein umfassendes Tatsachenmaterial, welches Herr Dr. Paul Nathan in den wichtigsten Grenzorten in Ostpreußen gesammelt hatte, konnte die Sachlage bis ins Detail geklärt werden. Dank dem freundlichen und sachlichen Entgegenkommen des Herrn Generaldirektors Ballin, welcher vorübergehend von der Presse für die sattsam bekannten Zustände an der Grenze persönlich verantwortlich gemacht wurde, mit dem auch Herr R. Gumpertz in Hamburg, Mitglied des Zentralkomitees der Alliance Israelite Universelle, bereits Unterhandlungen gepflogen hatte, sind nun die Mißstände beseitigt. Das Uebereinkommen zwischen dem Hilfsverein der Deutschen Juden und den deutschen Schiffahrtsgesellschaften ist im Interesse unserer auswandernden Glaubensgenossen als ein außerordentlich günstiges zu bezeichnen. Wir möchten nur noch hinzufügen, daß der Hilfsverein der Deutschen Inden mit der von ihm vorgefchlagenen Organisation der jüdischen Auswanderung aus Osteuropa bereits begonnen hat. Es haben sich zunächst in Ostpreußen an den wichtigsten Grenzübergängen wie Eydtkuhnen, Insterburg, Tilsit, Prostken, Memel, Lokalkomitees im Anschluß an den Hilfsverein der Deutschen Juden konstituiert, welche ihrerseits mit der Zentrale in Königsberg, dem Schutzko^nitee für durchreisende Juden, verbunden sind. Diese Lokalkonntees, welche von dem Hilfsverein der Deutschen Juden subventioniert werden, haben ihre Tätigkeit mit Eifer und Geschick begonnen und in zahlreichen Fällen den bedrängten Glaubensgenossen Rechtsschutz und Unterstützung gewährt. Um die Auswanderer vor gewissenlosen Unteragenten und Herbergsbesitzern zu schützen, hat es sich als notwendig herausgestellt, in Tilsit eine eigene Herberge zu errichten. Es ist ferner in Aussicht genommen,' durch Flugblätter und Plakate in hebräischer und der Jargonsprache unsere auswandernden Glaubensbrüder noch vor dem Betreten des deutschen Bodens aufzuklären, und auf. die zu ihrem Schutze bestehenden Komitees hinzuweisen. Mit weiteren Reformen und Erleichterungen jeder Art soll allmählich vorgegangen werden. Wenn diese Organisation in Ostpeußen vollständig durchgeführt sein wird, beabsichtigt der Hilssverein der Deutschen Juden, dieselbe auch auf Westpreußen und . Schlesien auszüdehnen. Ganz unabhängig davon werden natürlich die Bemühungen des Hilssvereins eifrig fortgesetzt, eine internationale Konferenz aller großen jüdischen Organisationen zur Regelung" Der Auswandererfrage einzuberufen, und es ist im Interesse unserer unglücklichen Stammesgenossen auf das innigste zu wünschen, daß diese Konferenz sobald als möglich zustande kommen möge. Zum Schluß seien nur noch die Namen der Vorsitzenden der Grenzkomitees in Ostpreußen genannt: In Königsberg in Preußen Herr Bankdirektor George Marx; in Eydtkuhnen Herr Isidor Berlowitz, in Insterburg Herr Rabbiner Dr.Beermann, in Tilsit Herr Justizrat Cohn, in Prostken Herr Jakob Schidorsky, in Memel Herr Rechtsanwalt Jacobsohn. •A. Berlin, 25. Oktober. Wie wir von wohlunterrichteter Seite erfahren, ist die Idee zur Errichtung einer Heilanstalt für jüdische Tuberkulöse nunmehr der baldigen Verwirklichung näher gerückt. Der Sitz dieser Lungenheilanstalt wird voraussichtlich Colb.erg sein. Besonders, erfreulich hierbei ist, daß die Errichtung unter der Aegide der Armenkommission der hiesigen jüdischen Gemeinde durchgeführt wird; ist doch hierdurch die beste Gewähr gegeben, daß das segensreiche Unternehmen in planvoller und rationeller Weise seiner Vollendung entgegengehen wird. £2 Berlin, 24. Oktober. Seit einiger Zeit besteht hier ein Für - sorgeverein für hilflose jüdische Kinder, der folgenden Aufruf an alle Wohltäter verschickt hat: Der Fürsorgeverein für jüdische Kinder nimmt sich unserer kleinen Glaubensgenossen an, wenn die Mutter ihnen durch den Tod entrissen oder durch Krankheit oder Not verhindert wurde, für ihre Pflege das Notwendigste zu beschaffen. Diesezarten Wesen sind, kaum ins Dasein getreten, fast sicherem Untergange geweiht, wenn liebevolle und gewissenhafte Pflege nicht schnell gesunden werden kann. Die erste Hilfe gewährt jetzt der Deutsche Verein für Kinderasyle. Seine Musteranstalt — Martin Lutherstraße 55 — die für Kinder aller Konfessionen bestimmt, wir dem einträchtigen Zusammenwirken unserer Glaubensgenossen mit unseren christlichen Mitbürgern verdanken, hat während des ersten Jahres ihrer Wirksamkeit schon mehr als 100 Säuglingen eine Zufluchtsstätte gewährt. Aber dieser Verein kann nur in der ersten Zeit der Not helfen. Er muß, damit seine Anstalt nicht überfüllt' werde, für neue Schützlinge möglichst bald nach ihrer Kräftigung ein neues Heim suchen, ein neues Elternhaus, in welchem sie heranwachsen. Bei dieser Fürsorge Helsen ihm mit außerordentlicher Bereitwilligkeit die Behörden. Auch private Wohltätigkeit muß oft eingreifen, weil bei den eigenartigen Verhältnissen der Eltern diese nicht immer zur Zahlung herangezogen werden können. Für evangelische Kinder sorgen u. a. die Anstalt „Zionshilfe" und die Geschäftsstelle der evangelischen Mission; die katholischen Kleinen nimmt die Anstalt der Dominikaner in ihre Obhut. Traurig ist es bis jetzt um die armen Kleinen unseres Glaubens bestellt. Für die Pflege der Kinder im zartesten Alter ist keine Stätte vorhanden. Unsere Gemeinde besitzt keine Organisation, um Kinder zartesten Alters sofort in Pflege zu nehmen; für Kinder von Ausländern darf sie selbst nicht immer Geldmittel gewähren, um zu Helsen. Und doch verdienen auch diese Kleinen unser tiefstes Mitleid. Die armen jüdischen Auswanderer sind aus ihrer Heimat vertrieben und fliehen oft nur mit dem Alternotwendigsten, um für das Teuerste, das sie besitzen, für Weib und Kind, das nackte Leben zu retten: sie kommen auf ihren mühseligen Wanderungen häusig genug durch unseren Ort. Erkrankt nun die abgehetzte, körperlich und geistig gebrochene Mutter oder erliegt sie gar den übermenschlichen Anstrengungen, was wird dann aus ihrem Säugling? Unsere Glaubensgenossen treten in solchen Füllen herzzerreißenden Elends an uns heran und setzen ihre letzte Hoffnung auf uns. Sollen wir uns an die Heimatsbehörden dieser Aermsten wenden, damit die Kinder zurückgebracht werden an die Stätten per Greuel, denen sie kaum entflohen sind?! Nein, wir wollen, wir müssen nach den Gesetzen unserer Religion Helsen! Was andere Religionsgemeinschaften für die Angehörigen ihres Glaubens bereits getan haben, das wollen wir Juden für die Kinder unseres Glaubens auch tun! Wir wollen für die hilflosen jüdischen Kleinen, denen der „Deutsche Verein für Kinderasyle" eine erste Zuflucht bietet und (soweit unsere Mittel reichen), auch für andere jüdische Kinder die Fürsorge übernehmen, damit sie zu wackeren Menschen, zu tüchtigen Mitgliedern unserer Glaubensgenossenschaft heranwachsen. Das ist der Zweck unseres Vereins. Helft uns, unser Vorhaben auszuführen 1 Dies kann selbst mit dem kleinsten Scherflein geschehen! Der Vorstand: Dr. William Levy, Vorsitzender, Oskar Berlin, stellvertretender Vorsitzender, Direktor W. Bambus, Professor Dr. Blaschke, Leopold Eber, Rabbiner Dr. I. Eschelbacher, Gustav Fürstenberg, Sgf. Jacob,

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