Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- Seite 528 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Betroffen war er bei dem Anblicke des seiner harrenden Mädchens zurückgewichen und mit unwilligen Worten verwies er ihr, daß sie ihn hier zu später Nachtzeit noch erwarte. „Nun zürnst Du", sagte Leilah, indem sie mit zärtliches Blick an seinen erregten Zügen hing, „und doch wollte ich nicht früher zur Ruhe gehen, eh' ich Dich heimgekehrt wußte . . ." „Törichtes Beginnen", kam es unwillig von seinen Lippen, „was sollte mir widerfahren?" '„O, Dü bist fremd in dieser Stadt und wie leicht konnte Dich eine Gefahr erreichen . . * „Aus der Du mich wahrscheinlich dadurch befreit hättest, daß Du.hier an der Schwelle Eures Hauses meiner Rückkehr harrst", lautete die in gereiztem Tone gegebene Entgegnung. „Wenn auch mein Arm zu schwach wäre. Dich zu beschützen, Assad . . . ." und mit bebenden Lippen hing sie an seinem Antlitz. ° . „So wäre mein Schwert doch wohl stark genug, um mich gegen jegliche Gefahr selbst zu schützen! Was zauderst Tu noch, Lellah, es ist spät, suche Dein Lager auf!" „Ich wollte Dir nur noch sagen, Assad," kam es stockenp von ihren Lippen, während in mädchenhafter Verwirrung ihre Augen sich zu Boden senkten, „daß ich um Dich bangte und daß ich", und heiße Glut färbte ihre- Wangen, „zu dem Allmächtigen gefleht habe, daß er ..." „Daß er mich errette aus Gefahren, die nicht bestehen, es sei denn in Deinem kindischen Hirn!" höhnte Assad. „Lästere nicht," mahnte sanften Tones das Mädchen, „sieh Assad, Du warst so hold und gut zu mir all die Tage her, daß ich mir dachte, es wird Dich freuen, wenn ich hier Dein harre . . ." „Und sahst das unstatthafte Deiner Handlungsweise nicht? Konntest Du den Morgen nicht abwarten? Ich verlasse Palmyra nicht, vielleicht nimmer." „Assad!" entrang es sich freudig Leilahs Brust, „ist es Dein Ernst und treibst Du nicht Deinen Spott mit mir? Du wolltest in Palmyra bleiben — bei uns, bei mir?" Und ein jubelnder Aufschrei entrang sich ihrer Kehle. Betroffen war Assad vor diesem Aufschrei einer jugendlichen, kindlich reinen Mädchenseele znrückgewichen und gräßlich tagte es vor seinen Blicken. Und er sah sich wieder, als er das Haus betreten, gedachte seines heiteren, oft zutraulichen Verkehres mit dein Mädchen, ertappte sich bei der Erinnerung an manch zärtliches Wort, manch innigerem Händedruck, als es sich bei einem bloßen Gaste geziemt, manch leuchtenden Blick in das jugendlich frische Antlitz und Worte der Bewunderung für die sittsame Tochter des Hauses. O, hätte er geahnt, daß all diese harmlosen Aufmerksamkeiten im Herzen des Mädchens eine tiefe Neigung entfachen würden, so würde er sich wohl im Verkehr mit ihr mehr Zwang auferlegt haben, würde manch zärtliches Wort verschluckt haben, das ihm so im Gespräch mit ihr gar oft ent-> schlüpft war, allein wie konnte er wissen, daß alle diese Tor-- heiten einen solchen Sturm in der Seele dieses Mädchens ent^ fachen würden.... War es seine Schuld, wenn sie sich, getäuscht? — Nein? daß er sie getäuscht! Er wußte es ja': jwäre ihm die herrliche Erscheinung/ deren Bild ihn er-/ füllte mit wonnigem Schauern, früher erschienen — er Hätte, wohl keine Augen für die arme Lei'lah gehabt und den: be- dauernswerten Mädchen wäre eine herbe Enttäuschung erspart' gewesen, ihn traf die.Schuld — das arme Mädchen — mochte sie nun sehen, wie sie die verlorene Herzensruhe wieder zurückerobere, wie sie sein Bild wieder aus ihrem Herzen zu verbannen umstände wäre — er hatte kein Teil mehr an ihrem Geschicke, . in ihm lebte nur ein Bild — für ihn gab es hinfort nur ein Wesen, eine Gottheit, deren Kultus er sich weihen wollte mit all seinen Kräften. - Und der Gedanke an sie, die ihm gleich einem Götterbilde erschienen in der Stille des Abends, inmitten eines zauberischen Gartens, erfüllte seine Seele mit; unsagbarer Wonne und seligem Entzücken. Da rief ihn eine Bewegung Le-lahs in die Wirklichkeit zurück. „Du bist noch wach? — Ich vergas; — ja, Du hast hier mein gewartet und ich gab Dir böse Worte dafür . . vergib!" ' „Assad, was bewegt Dich? Du blickst abwesend und Deine Angen glühen wie im Fieber?" Und mit liebevollem Ausdruck blickte sie forschend in seine gluterhitzten Wangen, in feine von dunklem Feuer lodernden Augen. „Laß ab, Lellah," „mir ist nichts — und nun geh/es ist spät an der Zeit, suche Dein Lager aus." „Hast Du heute kein Wort für mich?" kam es leise aus dem Munde des Mädchens. „Womit habe ich Deinen Unwillen erregt, daß Du mirauch den Nachtgruß verweigerst und Deine Hand ..." „Nun ja," kam es ungeduldig von seinen Lippen, „ich wünsche, daß Du gut ruhen und des Morgens wieder glücklich erwachen mögest." „Deine Augen glühen und Deine Pulse fliegen, was ist Dir, Assad?" Allein er antwortete ihr nicht. Nach einem hastigen Gruße war er an dem bebenden Mädchen vorbeigeschritten. Sie aber erhob ihr Auge zum Himmel. empor, und indem sie die Hände faltete zu inbrünstigem Gebete, entrang sich ein heißer Tränenstrom ihrer bekümmerten Seele. (Forts, folgt.) Literarische Mitteilungen. M. Grün Wald: Hamburgs deutsche Juden bis zur Auflösung der Dreigemeinden 1811. Hamburg 1904. Alfred Jannssen. — Die Geschichte der Juden in Hamburg ist, obwohl von sehr großer Bedeutung für die Gesamtgeschichte, doch merkwürdigerweise bisher nur wenig gefördert worden. Grunwald ist einer der fleißigsten Arbeiter auf diesem Gebiete. Seinen „Portugiesengräbern" läßt er die vorliegenden Abhandlungen folgen, die uns einen wertvollen Einblick in das weite Gebiet der Geschichte und Kulturentwicklung der alten Dreigemeinden Hamburg, Altona und Wandsbeck gewähren. Schon der erste Aufsatz: „Das Zeitalter der. .Glücket von Hameln" ist von ungewöhnlichem Interesse. Ebenso der folgende über die Steuerkraft der Gemeinde. Wer da weiß, wie wenig die Wirtschaftsgeschichte der Juden noch angebaut ist, wird.solche Beiträge zu schätzen wissen. Das dritte Kapitel schildert den Judentumult von 1730 und die Vorgänge, welche zu demselben führte. Ganz besonders interessant sind die folgenden vier Abteilungen des. Buches: Das Leben in der Gemeinde, Die soziale Stellung, Beruf und geistiges Leben, Der Hamburger Amulettenstreit, Moralische Streiflichter. Nach der sehr interessanten Darstellung, die der bekannte Streit zwischen Jonathan Eybeschütz und Jakob Emden hier erfährt, wird Wohl kaum noch jemand, der ohne Voreingenommenheit an die Frage herantritt, in Zweifel darüber bleiben, auf welcher Seite das Recht und die Wahrheit gewesen sind. Auch die folgenden Partien des Buches haben großen Wert für die Kultur-und Literaturgeschichte. Sie führen uns die auf oder von Hamburger Juden geprägten Medaillen, die der unermüdliche Albert Wolf gesammelt und beschrieben hat, sowie vieles andere von Interesse vor. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.