Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Beerdigung irrtümlich, oder doch mißverständlich gewesen sein, wenn er ihm die Treue gegen die angestammte Religion nachrühmte. Anders lag aber die Frage, wie sie unserem Weigert gestellt worden war. Es war ihm zugemutet, sich eine Professur durch den Religionswechsel zu erkaufen! Und das wäre allerdings eine Charakterlosigkeit gewesen, zu der Weigert nun und nimmer fähig gewesen war. Das hätte er nicht getan, auch wmn der Sachverhalt nicht so gewesen wäre, wie er war: Durch seinen Eintritt in die Fakultät hätte nicht diese ihn; sondern er hätte sie geehrt. Freilich, manch anderer wäre wohl dieser Versuchung erlegen, bei Weigert war dies ausgeschlossen. Weigert war nichts weniger als ein einseitiger Fachgelehrter. Er konnte mit vollem Recht von sich sagen: „Nichts Menschliches ist mir fremd." Besonders war er auch mit der schönen Literatur alter und moderner Zeit so bekannt, wie nur wenige auch unter den Gebildeten unserer Gegenwart. Abstrakte Spekulation zog ihn nicht an; dagegen hegte er sehr lebhaftes Interesse für ethische und auch für religiöse Fragen. Mit christlichen Theologen unterhielt er sich sehr gern und besaß volles Verständnis und Würdigung auch für andere Standpunkte. Ja, er schrieb sogar einmal einen größeren Aufsatz für die „Christl. Welt", der dort vor einigen Jahren veröffentlicht worden ist. ' In diesem Verkehr zeigte er weder — wie das manch anderen eigentümlich ist — die Empfindlichkeit des Andersgläubigen, vor der man jedes Wort zuvor auf die Wagschale legen muß, noch die vermeintliche Unfehlbarkeit des materialistischen Naturforschers, bei dem nur das gilt, was sich messen und wiegen und sinnlich beurteilen läßt. Freilich war er auch ebensoweit entfernt von jener verächtlichen Charakterlosigkeit mancher Juden, die aus Liebedienerei, und um vorurteilsfrei zu erscheinen, das eigene Nest beschmutzen, in dem sie geheckt worden sind. Ich hatte öfters die Ehre, mit ihm zu verkehren, nicht nur in meinem eigenen Haus, sondern vor allem sehr häufig in den gastlichen Räumen Wilhelm Jordans. Und auch in diesem geselligen Verkehr bewährte der große Gelehrte in so gewinnender Weise die Reinheit und Tiefe seines Gemütes, die Liebenswürdigkeit und feine Humanität feines Wesens. War das ein Humor, ein Frohsinn und Witz! Er fesselte und animierte immer die ganze Gesellschaft! Und dabei war alles in ihm so dezent, so herzlich und niemals, auch nur im geringsten jemanden verletzend! Sogar zu kleinen unschuldigen Mätzchen ließ er sich wohl herbei, so z. B. produzierte er sich, als wir das letztemal Jordans Geburtstag in dessen Haus feierten, zu unserer aller Erstaunen als vollendeter Bauchredner, indem er vom Fenster aus eine Unterhaltung mit dem scheinbar unten auf der Straße stehenden Nachtwächter täuschend fingierte. Nun muß ich aber auch indiskret sein und eine Seite des Entschlafenen hervorheben, deren Bekanntmachung ihm bei Lebzeiten wohl recht unangenehm gewesen wäre: Dieser ,-Jude" besaß auch in reichem Maße die jüdische Tugend der Wohltätigkeit. Man sagt sonst wohl: „Die Juden könnens ja, denn sie Habens ja auch, und was sie in der Oeffentlichkeit geben, das ist nur ein kleiner Teil dessen, was sie uns abgegaunert haben, und wird nur gespendet, um vor der Welt groß zu tun." Ich mag an dieser Stelle auf solche Vorwürfe nicht ernstlich eingehen, sondern wünschte nur, daß einstweilen auch all die Christen, „die es haben", und, die es auch nicht alle durch Beten und Holzhacken gewonnen haben, in gleicher Weise wohltätig wären, wie das bei den Juden so häufig der Fall ist. Aber Weigert hatte „es" nicht. Er war von Haus aus arm und lebte höchst bescheiden als Junggeselle von seinem mäßigen Gehalt. Trotzdem sendete er mir mehrere Male bei besonderen Gelegenheiten, besonders zu Weihnachten, einen Zwanzigmarkschein zur Bescherung für arme Kinder. Wahrscheinlich hat er diese Wohltätigkeit auch anderen gegenüber bewährt, aber meines Wissens tat er es nie in der Oeffentlichkeit: Dagegen erfuhr ich indirekt, daß er junge Talente wesentlich unterstützte, wenn auch nicht aus eigenen Mitteln, sondern durch Sammlungen bei reichen Freunden. So verschaffte er seit einer Reihe von Jahren einem meiner früheren Konfirmanden jedes Semester das Schulgeld für das Konservatorium im Betrage von mehreren 100 Mark. Der junge Mann braucht es nun noch 1 Jahr lang; hoffentlich findet er einen Nachfolger Weigerts, vielleicht unter den Lesern unseres Blattes?! Vor etwa 10 Jahren reiste ich mit meiner Frau von Stockholm aus nach Upsala; um dort den berühmten Kodex des Bischof Ulfila zu sehen. Aber es waren gerade Universitätsferien, das Städtchen war wie ausgestorben, die Universitätsbibliothek verschlossen. Wir klopften vergebens an verschiedene Türen, um zu erfahren, wie wir zum Anblick der berühmten Handschrift kommen könnten, — lange vergebens. Endlich trafen wir einen grauköpfigen deutsch sprechenden Gelehrten; es was der dortige Professor für Anatomie. Als er hörte, daß wir aus Frankfurt wären, da war seine erste Frage: „Kennen Sie Weigert?" Und nun mußten wir ihm erzählen, so viel wir konnten, und gewannen bald in dem alten Herrn einen hilfsbereiten Freund — durch Weigerts Vermittlung! In den letzten Jahren ging, so scheint mir, eine recht deutliche Veränderung mit dem Gelehrten vor. Er wurde schnell alt und sah schlecht aus. Besonders fiel mir' das beim Begräbnis Jordans auf. Oft zeigte er sich in tiefer Schwermut; man sagte, er sei unzufrieden mit sich selbst und mit seinen Leistungen! Und nun hat er seinen Frieden gesunden! Nach ärbeitsünd erfolgreichem Leben ist er still und sanft entschlafen. Und wie steht es nun mit ihm? Nach „korrektem" Christentum stünde es freilich schlimm genug. Er war ja nicht getauft, und der große Mangel seines Lebens müßte ihn verfolgen bis in die Ewigkeit, so gewiß, als auch die vor der Taufe, vielleicht sogar schon vor der Geburt gestorbenen Kindlein christlicher Eltern in grausamer, aber unentrinnbarer Logik braten müssen in der Hölle, weil ihnen die Erbsünde Adams nicht abgenommen ist und sie daher unter dem Zorne Gottes stehen! Aber, Gott sei Dank, das ist doch nur Scholastik, ist Lehre, an die sich auch selbst unter den Orthodoxesten heutzutage nur wenige gebunden fühlen. Wirkliches, warmherziges Christentum, und vor allem der Stifter des Christentums selber, kennen solche grausame Hartherzigkeit, solche dogmatische Tüfteleien nicht. Ich denke vielmehr, es ist keine fürwitzige Vermessenheit, zu behaupten, daß auch heute noch der Herr zu Leuten wie Weigert sagen würde: „Siehe, ein rechter Israelit, in welchem kein Falsch ist." — Gewiß, man soll das Besondere der einzelnen Konfessionen nicht verachten, denn alles religiöse Leben prägt sich immerdar in bestimmten Formen aus. Aber dieser Grundsatz darf uns doch nicht die Erkenntnis verschließen, daß all unser menschliches Reden und Denken nur schwaches Stammeln ist vor dem Gott der Ewigkeit, der da stehet über allen Religionen und Konfessionen. Ueber aller Konfession steht der Gedanke eines reinen, edlen, strebenden, liebenden Menschentums. Alle menschliche Religion ist in dem Grad echt und wertvoll, als sie reich ist an Liebe. Unser Weigert aber war reich, wie wenige, an echter, selbstloser Liebe." Bg.