Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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522 Sur rin Jude! . in Freund unseres Blattes sendet uns den nachfolgenden Aufsatz aus der Zeitschrift „Die Gemeinde, kirchliches- Wochenblatt für die Glieder und Vertreter der evangelischen Gemeinde in Frankfurt a. M." Ul. Jahrg. Nr. 35. Herausgegeben wird dieses Blatt von den Pfarrern Battenberg, Förster und Wolf. Der erstgenannte der Herren Herausgeber hat für die betreffende Nummer einen Aufsatz „Professor Dr. Carl Weigert" geschrieben, der in vielen Beziehungen unser Interesse erregt hat. Zunächst wegen der wahrhaft humanen Gesinnung, die uns aus dem Aufsatz so wohltuend anweht! Sodann wegen der Beurteilung, die das Vorgehen von Regierungen und Behörden gegenüber den Juden vor und nach der Taufe seitens der protestantischen Geistlichen findet, drittens aber wegen der Auffassung,' die dieselben Männer leider von der Taufe eines Juden haben, und die wir natürlich nicht teilen können. Trotz dieser und anderer sehr verschiedenartiger Anschauungen über wichtige religiöse Fragen wird aber der ganze Aussatz für unsere Leser sicher von dem gleichen Interesse sein, weshalb wir ihn hier im ungekürzten Wortlaut folgen lassen: Professor Dr. Carl weigert. Wie kommt denn dieser Jude in ein evangelisches Gemeindeblatt? Ja freilich, es war nur ein Jude. Aber daneben war er, wie uns die Fachleute übereinstimmend berichten, nicht nur ein eminenter Gelehrter, der der medizinischen Wissenschaft und damit der leidenden Menschheit die größten Dienste geleistet hat, sondern er war auch, wie ich aus eigener Erfahrung es kennen zu lernen reichlich Gelegenheit hatte, ein so edler, hochstehender Mensch, daß alle, die ihm näher treten durften, nur mit Verehrung und Liebe zu ihm aussehen konnten. Und diesem Manne wurde dereinst der Professorenstuhl der pathologischen Anatomie in Leipzig verweigert, nur aus dem Grunde, weil er Jude war, und obwohl er sonst das unbestrittene Anrecht auf diese Stelle gehabt hätte! So oft ich daran denke, überkommt mich das Gefühl der Scham und schmerzlichen Bedauerns darüber, daß Geist und Wesen des Christentums vielfach in so engherzigen, unwürdigen Formen enthalten sind, und daß alter Zopf und fanatische Beschränktheit teils durch die Böswilligkeit der Menschen immer aufs neue gepflegt werden, teils doch durch „altehrwürdige" Satzung und Institution so tief eingenistet sind, daß sie auch von Wohlgesinnten, wie dort den Mitgliedern der medizinischen Fakultät, nicht ausgerottet werden können. ) Hätte damals Weigert die Zeremonie der Taufe auch ohne innere Ueberzeugung über, sich ergehen lassen, so wäre jedes Hindernis hinweggeräumk gewesen. Aber dieser Mann war dem Geist und Wesen nach ein besserer Jünger Jesu Christi als die, welche ihm die Taufe nahe legten. Ich möchte hier nicht mißverstanden werden. Ich bin nicht der Meinung vieler Juden und Christen, daß die Annahme des Christentums von seiten der Juden unter allen Umständen eine Charakterlosigkeit bedeute, wenn sie sich nicht in allen Punkten mit dem Wortlaut christlicher Lehre einverstanden erklären, bezw. daran „glauben" können. Denn wenn dieser dogmatische Lehrinhalt als Maßstab wahrhaftigen Christentums angenommen wird, wo wären denn da heutzutage die wahrhaftigen Christen? Nicht nur viele Millionen der Getauften stehen diesem Lehrinha.lt gleichgültig und verständnislos gegenüber, sondern auch unter den christlichen Lehrern, den Pfarrern und Professoren, gibt^s eine sehr große Anzahl, die diese Lehre in dem einen oder dem anderen Punkt kritisch oder ablehnend beurteilen; ja, ganz streng genommen gibt^s dann überhaupt keinen Gerechten, auch nicht einen! Selbst dem orthodoxesten - unter ihnen vermag sein Bruder kleinere, bisweilen auch sehr große Ketzereien nachzuweisen. Ich halte es also für durchaus statthaft und sittlich erlaubt, wenn ein Jude, der sich sonst nach seinem ganzen Empfindungs- und Vorstellungsleben eins weiß - mit seinen christlichen Brüdern —während er sich vielleicht von dem im Judentum so bedeutsamen Ritualgesetz abgestoßen fühlt, und solcher Juden gibt es fürwahr nicht wenige — das Lehrhafte im Christentum zu verstehen und zu würdigen strebt- und sich sonst aufrichtigen Herzens der Gemeinschaft anschließt, für die der biblische.Jesus und das Lebensideal Jesu Christi maßgebend ist. *) Doch das sind persönliche Dingedieein jeder mit sich abmachen muß, und in denen kein anderer etwas dreinzureden hat. , Einst hatte ich einen jungen Assessor zur Taufe vorbereitet. Es war ein ernster Mensch, ein Goethe-, Kant- und Lessingschwärmer, er hatte jahrelang die Wahrheit gesucht in schweren inneren Känrpsen. In dem eingehenden Tausunterricht bemühte ich mich, ihm das Wesen des Christentums — es war vor dem bekannten HarnackffchenBüchlein — klar zu machen, und insbesondere ihm in den christlichen Dogmen den Kern und die Schale, den bleibenden Ewigkeitsgehalt uud die zeitliche Form dieser Lehre auseinander zu halten. Die Taufe selbst nahm er mit tiefer Ergriffenheit. Danach aber sagte zu mir einer der Taufzeugen: „Das scheint ja ein ganz ernster und gebildeter Mensch zu sein; aber kann er denn auch wirklich als früherer Jude alles glauben, was zur Religion gehört, die Gottessohnschaft und die Trinität und die Erbsünde?" Ich antwortete jenem stark antisemitisch angehauchten Weltkind: „Ich kann dem Mann natürlich nicht ins Herz sehen und bestimmen, wie weit seine Ueberzeugung aufrichtig ist. Aber eins ist mir gewiß: So viel und so aufrichtig wie Sie, glaubt er auch, ja, ich vermute, noch ein wenig inniger und besser!" Von diesem Gesichtspunkt aus hätte auch Weigert dem Christentum äußerlich beitreten können, den: er innerlich nach .seiner idealen Seite sehr nahe stand. '2) Zwar er schämte sich seines Judentums nicht, aber andererseits hatte er für dasselbe, wenigstens für die verknöcherte Form desselben, auch durchaus nichts übrig. Das, was im Judentum etwa dieselbe Stelle einnimmt, wie das Dogma inr Christentum, nämlich das Ritualgesetz, hatte für ihn absolut keine Bedeutung. Und in dieser Hinsicht mag wohl auch die an sich durchaus würdige und zutreffende Grabrede des Rabbiners bei seiner Das ist ein verhängnisvoller Irrtum! Es ist ein großer Unterschied zwischen, einem geborenen Mitglied einer religiösen.Gemeinschaft und dem zu ihr Uebertretenden. Jener lebt darin, ohne daß es einer Erklärung seinerseits bedürfte; er hat die Berechtigung, seine abweichenden Ansichten in ihr geltend zu machen — solange er nicht aus ihr ausgeschlossen wird. Ganz anders steht es mit dem. Uebertretenden. Er muß sich zu den geltenden Grundsätzen der neuen Gemeinschaft bekennen, wenn ihm deren Pforten geöffnet werden sollen, und er tritt mit einer nimmer zu rechtfertigenden Lüge ein, falls er ein im Herzen nicht geteiltes Bekenntnis ablegen würde; er hat kein Recht, sich einer Gemeinde.anzuschließen, mit der Absicht, deren Fundament zu erschüttern, was er als rechtschaffener Mann tun müßte. Diesen Widerspruch haben leider die meisten protestantischen Theologen, die Juden zur Taufe überreden, nicht genügend beachtet oder gar unterschätzt. Die Red. -) Wie sagt doch Lessings Nathan: Denn was mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir zum Juden!" Es ist übrigens tatsächlich unrichtig, daß W. für das Judentum „nichts^übrig hatte", und der Prediger war völlig in seinem Rechte, der dem7Heimgegangenen Treue gegen die angestammte Religion nachrühmte. Die Red.