Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 44 (28.10.1904)
- Date
- 1904-10-28
- Page
- Seite 521 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWWM - 521 —— Zur geistigen Elite zählen in Konstantinopel nur der Direktor des Seminars, Herr Abraham Danon, ein ausgezeichneter Prediger, der nicht einmal die Muße hat, seine Arbeiten herausgeben zu können, zwei oder drei Professoren bei; Alliance israelile, die in französischer Sprache die Schulbücher, für ihre jüdischen Zöglinge herausgeben, und schließlich zwei Journalisten, welche für die lokale französische und .türkische Presse tätig sind. Die hauptsächlichste geistige Nahrung bezieht die jüdische Bevölkerung aus zwei jüdisch-spanischen Zeitungen „El Tiernpo" und „El Telegrafo". Die Lektüre dieser jüdisch-spanischen Zeitungen sowie eine Reise entlang dem Ufern der Donau, die! ja von den Juden spanischen Ursprungs bewohnt werden, nach Nustschuk, Nicopolis und noch weiter hinauf nach Bukarest, hat einem Spanier Dr. Angel P u l i d o Fernandez, königlichem Senator und Mitglied" der Königlichen Akademie zu Madrid, eine ebenso ehr- . geizige wie patriotische Idee eingegeben. Pnlido war entzückt, von den Juden des Orients das Kastilanische des 15. Jahrhunderts und zwar nach seinem Urteil sehr rein sprechen zu hören. Er unternahm sofort unter den Juden eine Propaganda für Spanien. Er wandte sich zu diesem Zwecke selbst mit’Rundschreiben an die gesamte jüdische Presse des Orients; er veröffentlichte eine Reihe von Artikeln in der Revue illustree espagnole et americaine sowohl wie im „El Liberal" und anderen periodischen Zeitschriften Madrids. Er hielt über das gleiche Thema einen begeisterten Vortrag im Senat von Madrid und gab ein 244 Seiten umfassendes Werk, das diese Frage behandelte, unter dem Titel heraus: „Die spanischen Juden und das kastilanische Idiom" -(Los Israelitas espanoles y el idioma castellano), zu dessen Abfassung ihm verschiedene Werke, u. a. „Die Geschichte der türkischen Juden" von M. Franco-Paris, wertvolle Handhaben boten. Dr. Pulido schlug vor, alle' hervorragenden spanischen Juden des Orients zu Mil gliedern der Königlichen Akademie von Madrid zu ernennen. Die gesamte jüdische Presse des Orients hat die erwähnten Propagandabriefe Pulidos veröffentlicht und hat merkwürdigerweise eine übereinstimmende' Ansicht über diese. Sie kommt zu folgenden Schlüssen: 1. Wir danken für die freundliche an uns gerich'- tete Aufforderung, die Grammatik der modernen spanischen Sprache zu studieren und Handelsbeziehungen mit Spanien anzuknüpfen. 2. Wenn auch die Juden der Türkei gern vergessen wollten das Vertreibungsedikt Ferdinand des Katholischen aus dem Jahre 1492, so könnten sie sich doch nicht entschließen, Spanien zu lieben, da wir nicht mehr „spanische Juden", sondern „türkische Juden" sind, welche die spanische Sprache reden. 3. Es dürfte außerordentliche Schwierigkeiten bieten, das alte jüdisch-kastilanische Idiom jetzt verbessern zu wollen; denn die Juden des Orients, welche mit praktischem Sinn begabt sind, ziehen es doch vor, die Sprache der Franzosen, der Engländer und der Deutschen zu lernen, jener glücklichen Nationen, denen voraussichtlich die Zukunft gehört. 4. Die Juden des Orients fühlen sich sehr glücklich in der Türkei und haben durchaus nicht das Verlangen, aus dem toleranten Lande auszuwandern. Dies würde überdies einen Mangel an Dankbarkeit gegen den Sultan Bajazet II. erkennen lassen, der im Jahre 1492 die unglücklichen aus Spanien Verbannten ausnahm. 5. Die Juden des Orients würden, indem sie die Türkei verlassen, um nach Spanien, wo noch nicht einmal das Edikt Ferdinands abgeschafft ist, wie jener Vogel in der Fabel handeln, der seine Beute wegen der Finsternis fallen ließ. Das ist in Kürze das bedeutende Ereignis, das die jüdische Presse des Orients in den letzten Wochen beschäftigt. Auch die Bilanzausstellung des hauptstädtischen israelitischen Konsistoriums läßt einen eigenartigen Unterschied zwischen einer europäischen jüdischen Gemeinde und derjenigen in Konstantinopel erkennen. Die Einnahmen sowohlswie die Ausgaben bieten den jüdischen Lesern Europas zweifellos Stoff zum Lachen. Erwähnen'" wir zunächst, um die neugierigen Statistiker, jene „Zahlenhascher", Zufrieden zu stellen, daß die Einnahmen des israelitischen Konsistoriums im Jahre 1903 sich auf 135,960 Franks und die Ausgaben auf 131,720 Franks beliefen, somit ein Barbestand in der Kasse in Höhe von 4240 Franks verblieb. Der Ueberschuß gereicht der Verwaltung zur hohen Ehre. Ich erwähne dann einige" Einnahmen, z. B. die Salzsteuer für Fleisch und für das ungesäuerte Brot, die Steuer für Käse nud Wein, die Abgaben auf Jmmobilienverträge unter den Juden oder zwischen Juden und Nichtjuden, die zu entrichtende Taxe für den Urlaubspaß jedes jüdischen Reisenden und endlich die den Juden Konstantinopels durch die Kommission des Großrabbinats auserlegten Kosten für die Verbreitung der türkischen Sprache unter den Juden. Ich zweifle sehr^daran, daß ^Detüschland^oder m Frankreich die Regierung^den jüdischen ^Gemeindeverwaltungen^ gestatten würde, Steuern auszuerlegen," wie das in Konstäntinopel geschieht, oder daß man die Juden die Kosten für die Verbreitung der deutschen oder französischen Sprache in ihrem eigenen Lande tragen läßt. Auch manche der Ausgaben sind recht eigentümlich. Der Großrabbiner Moise Halevh steht in der Bilanz aufgeführt mit einem Gehalt von 27 560 Franks, darunter 2040 Franks zu Repräsentationskosten. Aus Mangel an einem geeigneten Lokal zahlt das Konsistorium enorme Kosten an Miete für das Gemeindebureau — und das in einer Stadt mit 60 000 Juden! Ich erwähne ferner die Pension, die für die Schüler des israelitischen Seminars, die alle aus armen Familien hervorgehen, bezahlt werden, um ihnen das Studium zu ermöglichen; ferner die Kosten für den jüdischen Aufseher, der damit beauftragt ist, darüber zu wachen, daß den Zöglingen der medizinischen Militärakademie rituelle Speisung verabreicht wird; die einigen besonders begabten jüdischen Zöglingen in Konstantinopel (Pharmazeuten, Juristen, Zöglingen der diplomatischen Schule re.) gewährten Stipendien; die Kosten für die Hinterbliebenen Witwen der Rabbiner oder für die emeritierten Rabbiner; ferner die Kosten für die rituelle Beköstigung zu Ostern für die jüdischen Gefangenen der Hauptstadt und endlich die Subvention, welche der jüdischen Gemeinde in Jerusalem gewährt wird. Endlich berichte ich Ihnen über die Auszeichnungen, die einigen unserer Glaubensgenossen durch kaiserliche Huld in den letzten Wochen verliehen worden sind: . Tewfik Effendi Molho, der Sohn des S. E. Davond Effendi Molho, der erste Sekretär des kaiserlichen Divan, ist zum dritten Sekretär der türkischen Gesandtschaft in Wien ernannt worden. Dieser hervorragend intelligente junge Mann ist schon vor einiger Zeit mit dem Osmani-Orden 4. Klasse ausgezeichnet worden. Jacques Beh Nahmias, erster Dolmetscher der kaiserlich-türkischen Bank ist zum Rang eines Oula erster Klaffe befördert worden. Jacques Effendi Abrevalla, Attache im Auswärtigen Amt, Professor des Französischen an der Ingenieurschule und Zensor der jüdischen Presse, ist zum Range eines Mutenmiz erhoben. M. Fr.