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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-28 · Heft 44 (28.10.1904) · p. Seite 520

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
Seite 520 (sequence 4)
Language
German
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520 . wärtigen Augenblick nicht die russische Armee, -sondern'- die Bureaukratie geschlagen werde, die in-ihrer beständigen Angst vor einein innern Feinde Rußland nicht die Zeit gelassen habe, sich gegen den äußern zu rüsten. > «. Bekanntlich hat vor einiger Zeit die englische Negierung den Führern der Zionistenbewegung angeboten, die geplante gemeinsame Ansiedlung der jüdischen Stammesangehörigen in Britisch-Ostafrika ins Leben zu rufen. In der Londoner „Jewish World" wird nunmehr ein Brief von Sir H. H. Johnston veröffentlicht, in dem dieser um seine Meinung überdas Niederlassungsland befragt, bekundet, daß kein geeigneterer Punkt in Ostafrika gefunden werden könne als das in Vorschlag gebrachte Plateau von Gwas Ngishu. Es sei einer der schönsten und gesündesten Teile des englischen ostasrikanischen Schutzgebietes, sehr fruchtbar und das ganze Jahr hindurch gut bewässert. Sir H. H. Johnston hält es für wünschenswert, daß die. Siedlung auch in ihrer Verwaltung den nationalen Charakter rein bewahre und daß sie als von einem jüdischen Unterkommissär verwaltete Provinz nur der Oberhoheit des Statthalters, unterstehe. Eine Kommission der Zionistenvereinigung wird zur Prüfung der bisher gemachten Vorschläge demnächst nach Ostafrika reisen. Lrieke sus dem Orient. affen Sie mich heute kurz Ihnen die Ereignisse schildern, welche sich in der letzten Zeit unter den Juden Bulgariens zugetragen haben. Diese guten Leute, von denen jeder das Pulver. erfunden zu haben glaubt, haben sich in den letzten drei Monaten stark aufgeregt. Sie blasen gewaltig in die Lärmtrompete, sie wünschen, begehren — fragen Sie mich nicht was, noch weshalb? Es sind Leute, welche alle europäischen Einrichtungen, diejenigen der ältesten Nationen des Kontinents mach äffen möchten. In erster Reihe wünschen diese Herren einen Kongreß aller jüdisch-bulgarischen Gemeinden einzuberufen, um über die gemeinsamen Interessen zu beraten. Welche Interessen? Ja, da fragen Sie zu viel. Doch ein Beispiel hierfür. In Frankreich besteht eine Wohltütigkeitsgesellschaft, die in Bulgarien sowohl wie im ganzen Orient die Zivilisation durch Errichtung von Schulen zu verbreiten bestrebt ist: es ist die Ihnen allen wohlbekannte Alliance Israelite, deren Taktik Ihnen ebenfalls geläufig ist. Sowie sie sich für irgend eine Gemeinde interessiert, bewilligt sie ihr anfänglich eine jährliche Unterstützung. Später ernennt sie in der Gemeinde einen Schulvorsteher, welcher die Aufgabe hat, die inländische Bevölkerung zu veranlassen, sich an den allgemeinen Kosten des Unternehmens zu beteiligen. Das Verdienst der Errichtung und Instandhaltung der Schule gebührt mithin in allererster Reihe dieser Gesellschaft. Man sollte sie also nur ruhig gewähren lassen. O, gewiß doch! Das ist aber nicht die Meinung dieser Politiker neuen Schlages. Sie protestieren gegen die Wühlereien (!!) dieser Gesellschaft, dieses Eindringlings, dessen unumschränkte Herrschaft nicht seinesgleichen auf Erden findet. Das Zentralkvnsistorinm von Sofia hat sich demnach feierlich zusammengetan und' mit der ernsthaftesten Miene der Welt folgende Beschlüsse gefaßt: Artikel 1. Die Alliance Israelite hat nicht das Recht, ihr Programm den israelitischen Schulen Bulgariens auszuzwingem Artikel s. Sie hat ferner nicht das Recht, als europäische Sprache das Französische zu bestimmen; vielmehr kann jede Schule die Sprache wählen, die ihr paßt. Artikel 3. Die genannte Gesellschaft hat nicht das Recht, in einer Gemeinde den ihr geeignet erscheinenden Schulvorsteher zu ernennen, ehe nicht, der Betreffende der Bevölkerung vorgeschlagen und von dieser genehmigt worden ist, ganz wie bei den Konsular- oder -diplomatischen Beamten, Und in diesem Tone geht es weiter. Mein Gott!. Kann man denn so mit Blindheit geschlagen sein! Die Erfahrung hat doch den Juden - des Orients zur Genüge bewiesen, daß noch jede Schule, von-, der die-Alliance Israelile sich abgewendet hat, völlig zugrunde gegangen ist. Trotz alledem fährt man fort, öffentlich über diese segensreiche Institution herzuziehen. — Es hieße den Charakter der Israeliten dieser Gegend in der Tat verkennen, wollte man glauben, daß das Zentralkonsistorium nicht auch einige Prozesse zu führen hätte. Augenblicklich hat es zwei laufende.Sachen: den Prozeß in Kustendil wegen einer von Bulgaren in der Ortssynagoge begangenen Tempelschändung sowie den Prozeß gegen die Zeitung Sovreminok, welche einen in einem deutschen Blatte erschienenen Aussatz des Großrabbiners Dr. Ehrenpreis falsch übersetzt und ausgelegt hat. Außerdem gibt es noch einige anerkennenswerte Reformen zu erwähnen, welche durch die Bemühungen des Zentralkonsistoriums in den Gemeinden eingeführt worden sind. So ist z. B. die Frage betreffend die Urlaubsbewilligung an jüdische Soldaten während er Feiertage endgültig geregelt worden. In gleicher Weise hat Minister Zankoff den den jüdischen Gymnasiasten und Studenten zu gewährenden Urlaub festgesetzt. Endlich hat die Frage der Wahl der Synagogen- und Schulausschüsse auch ihre Lösung gefunden. Und zwar sollen diese Wahlen an einem festgesetzten Datum, alle drei Jahre am gleichen Tage in den 33 Gemeinden des Fürstentums stattfinden. Schließlich sei noch erwähnt, daß das Zentralkonsistorium das von ihm für das Jahr 1904 veranschlagte Budget veröffentlicht hat. Wir entnehmen demselben, daß die Gesamtsumme der jährlichen Einnahmen auf 18 102 Franks berechnet worden ist; davon werden 6180 Franks von der Fürstlichen Negierung aufgebracht, 8345 Franks durch die Beisteuer der Gemeinden,- während ungefähr 4000 Franks aus den Gebühren für Zeugnisse, Heiratskonsense k. stießen. Ueber das Leben der Juden in Kon st an tinopel möchte ich Ihnen heute auch etwas erzählen. Die dort befindlichen 60 000 Juden führen nämlich ein eigenartiges Leben, das mit dem der Juden in anderen Hauptstädten gar keine Aehnlichkeit aufzuweisen hat. Konstantinopel, ein Zentrum des Intelligenz, besitzt trotz seiner großen jüdischen Gemeinde keinen jüdischen Klub, noch viel weniger irgend eine noch so kleine literarische Vereinigung. Auch die früheren Lehrräume der ehemaligen Jeschiwoth liegen verödet da; sie sind eingegangen, weil es ihnen an Besuchern fehlte. Einen nach dem andern bis aus die letzten Rabbiner haü-der unerbittliche Tod fortgerissen, die Nachkommen jener berühmten Chachams, die ehemals eine so mächtige Vereinigung bildeten. Das winzige israelitische Seminar befindet sich noch im Beginn seiner Entwicklung uud hat .bisher noch, keinen einzigen überragenden Zögling hervorgebracht. ... i

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