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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-28 · Heft 44 (28.10.1904) · p. Seite 518

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
Seite 518 (sequence 2)
Language
German
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Geistes und Gemütes, des denkenden Kopfes und des fühlenden Herzens darstellte." Ihn vermochte nichts zu erschüttern, nichts in seiner Ueberzeugung zu beirren, daß ein anderes als das historische Judentum nicht bestehen könne und daß es zu dessen Verjüngung nur ein Mittel gebe: Die Wissenschaft des Judentums! Durch ihn erhielten die deutschen Juden zum ersten Male ein modernes Lehrhaus, in dem der jugendliche Geist des geschichtlichen Judentums wehte. Er umgab sich mit ■ einem Stab von Mitarbeitern, .von denen jeder einzelne eine Zierde der Wissenschaft war. Wir brauchen nur die Namen: H. Grätz, Jacob Bernays, M. Joel, David Rosin zu nennen. Er schuf die erste Organisation eines solchen Instituts mit sicherer Hand, mit meisterhafter Beherrschung des gesamten Wissens-und Arbeitsgebiets. Und alle Anstalten, die später für den gleichen Zweck geschaffen worden, sind in Berlin sogut wie in Budapest und Wien, London und' Cincinnati, welcher Richtung sie auch angehören, im wesentlichen nach dem Muster des Breslauer Seminars organisiert worden. Weit über 100 Rabbiner und Prediger hat das Breslauer Seminar in diesen 50 Jahren ausgesandt, um in deutschen, österreichischen, englischen und amerikanischen Gemeinden zu wirken. Sie haben den Geist Zacharias Frankels, der auch nach dessen Hinscheiden (1875) in seiner Schöpfung lebendig nachwirkte, in alle Weiten getragen. Und es war in seinem Geiste, daß das Seminar seine Hörer zwar zur Treue gegen das historische Judentum, nicht aber zu einer bestimmten religiösen Richtung verpflichtete. So spricht es für die objektive wissenschaftliche Forschung, die' an diesem Institut getrieben wurde, daß aus demselben Männer verschiedener Anschauung hervorgegangen sind, von denen einzelne der entschiedenen Reform, andere wieder der konservativen Richtung angehören. Von Berliner Theologen z. B. sind die Herren Dr. Mahbaum, Stier und Eschelbacher sowie Herr Dr. Klemperer Zöglinge des Breslauer Seminars. Die Rabbiner von Wien, Prag, Posen, Breslau, Stettin, Leipzig, Dresden, Hannover, Kassel, Köln, München, Nürnberg, Frankfurt a. M., Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Augsburg, Budapest, Bukarest, Rotterdam und London sind aus dem Breslauer Seminar hervorgegangen. Ein beredtes Zeugnis für den Geist, der das Institut erfüllt, ist auch die Stetigkeit seiner Entwicklung, die durch nichts unterbrochen oder gehemmt werden konnte. Weder die veränderten Zeitverhältuisse, noch die inzwischen erstandenen und zur Blüte gelangten Tochteranstalten konnten die Stellung und Bedeutung der Breslauer Schule innerhalb des Judentums erschüttern. Männer wie L. Lazarus, D. Joel und I. Lewy haben den Geist der wissenschaftlichen Forschung in emsiger Arbeit fortgebildet und sie wurden hierbei von Lehrern wirksam unterstützt, die auf dem Gebiete der Wisfenschaft des Judentums durch ihre Leistungen sich einen wohlklingenden Namen erworben haben und die heute mit Genugtuung auf ihre Erfolge zurückblicken können. Eine starke schöpferische Lebenskraft liegt in dieser Institution, die hoffentlich noch lange fortwirken wird zum Heile des Judentums und seiner Wisfenschaft. Sie bekräftigt die Ueberzeugung,, daß eine Gemeinschaft von solch aufstrebender Lebenskraft in jeder Epoche die Ideen und Charaktere hervorzubringen vermöge, die ihr nach dem Zuge der Zeit für ihre Fortentwicklung gerade notwendig sind. Die herzlichen Glückwünsche, die dem Breslauer Seminar in diesen Tagen von allen Seiten entgegengebracht werden, und in die wir freudig mit einstimmen, sind ein Zeugnis für das Ansehen, dessen sich diese Stätte der Wissenschaft in allen Kreisen gegenwärtig zu erfreuen hat und, willls Gott, noch sehr lange in Zukunft zu erfreuen haben wird. Dir Mache. Berlin, 26. Oktober, as war eine aufregende Woche für unsere lieben Feinde. Die Nachricht Von der Berufung. eines Juden ins Herrenhaus, die allerdings nach einigen Tagen dementiert wurde, ist ihnen arg in die Glieder, gefahren. Obwohl ja nun die Sache eigentlich gegenstandslos geworden, ist es doch von Interesse für uns, zu beobachten, wie sich die Parteien zn dieser Kunde gestellt haben. Die „Volkszeitung" schreibt: „Die Aufnahme eines jüdischen Großkaufmannes, der sich um das Gemeinwohl große Verdienste erworben hat,'in die preußische erste Kammer ist mindestens ebenso berechtigt wie die des Vertreters irgend eines adligen Geschlechtes. Es ist sehr bedauerlich, daß der Handelsstand nur in ganz geringem Maße im Herrenhause vertreten ist, während das Agrariertum eine im Verhältnis zu seiner Zahl ganz unberechtigte Mehrheit besitzt. Auf die reaktionären Anschauungen dieser Mehrheit kann die vermehrte Aufnahme von Angehörigen des Handelsstandes nur belehrend und aufklärend wirken." Die „Deutsche Tageszeitung" dagegen zog sich auf folgende wahrhaft jesuitische Weise aus der Affäre: „Verschiedene nationale Blätter haben diese angebliche Berufung, die bis heute noch keine offizielle Bestätigung gefunden hat, einer Kritik unterziehen zu sollen' geglaubt. Sie haben daraus hingewiesen, daß beide Namen des genannten Herrn nicht deutsch seien, daß er der christlichen Religion nicht angehöre, und daß er der erste Warenkaufmann sei, der ins Herrenhaus einziehen würde. Wir brauchen wohl nicht hervorzuheben, daß auch uns diese Berufung unsympathisch sein würde. Aber wir haben keine verfassungmäßige Möglichkeit, daran Kritik zu üben, da die Berufung ein Kronrecht ist, für das die Ratgeber der Krone nicht verantwortlich sind. Die Berufung würde zwar ein Zeichen der Zeit sein, aber kaum besonders schaden, da wohl nicht anzunehmen ist, daß der genannte Herr starken Einflust im Herrenhause gewinnen werde." Auf das Lamento der konservativ-antisemitischen Presse brauchen wir wohl nicht weiter einzugehen. Der Vollständigkeit halber wollen wir nur registrieren, was sie über den Fall zu berichten wußte: „Wie wir hören, ist die Berufung auf Befürwortung des Admirals a. D. Hollmann von dem dazu berufenen Kultusminister Studt allerdings in Vorschlag gebracht, an entscheidender Stelle aber im letzten Augenblick ab gelehnt worden. Was die Sache schließlich zum Scheitern gebracht hat, entzieht sich einstweilen noch der Kenntnis weiterer Kreise, wahrscheinlich waren es die politischen Bedenken, die in der Presse dagegen geltend gemacht wurden. Andererseits liegt in der Verleihung des Wilhelmsordens eine persönliche Auszeichnung, die Herr Simon nur mit wenigen Sterblichen teilt, und die in Anbetracht der Stistungsurkunde dieses hohen Ordens ganz besonders in die Augen fällt." Die „politischen Bedenken" sind ja bekannt, wenn sie auch mit Politik im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben. * Seit Jahren treiben die antisemitischen Blätter mit der ungeheuerlichen Behauptung ihr freventliches Spiel „die Statistik der in Preußen geleisteten wissentlichen Meineide ergebe, daß die paar Juden tatsächlich an diesen mit 30 Prozent beteiligt seien." Daß diese Behauptung vollständig unbegründet ist, geht aus nachstehenden genauen Mitteilungen hervor, die Dr. Silbergleit, Direktor des statistischen Amtes in Schöneberg, soeben veröffentlicht hat: Die Zahlen der von 1893 bis 1902 wegen Meineids bestraften Juden und anderen Religionsangehörigen sind:

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