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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-28 · Heft 44 (28.10.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 44 (28.10.1904)
Date
1904-10-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 44. Berlin, 28. Oktober 1904. Allgemeine ätung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 tTl. i Redakteur: Gustav «arxele». i Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philixpson. Verlags - Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgeni. Zeitung des Iudentüins^, Berlin SSW., Jerusalemer Straße ^6/4;9, zu richten. Verlag von Rudolf rnosfe, Berlin. Das jüdilch-thevlogllchr Srminsr %vl ßrrslau. - Berlin, 25. Oktober, ie älteste unserer Bildungsanftalten für Rabbiner feiert in dieser. Woche das 50jährige Jubiläum ihres Bcstandes. Im August 1854 fand die Einweihung, im Oktober desselben Jahres die Eröffnung der Anstalt statt. Ueberblickt man heute ohne jede Voreingenommenheit,' was das Seminar in diesem Zeitraum geleistet und geschaffen hat, so kann man freudig eingestehen, daß die Hoffnungen, die damals auf die Anstalt gesetzt wurden, sich in reichem Maße erfüllt haben, während die Befürchtungen, die schon vor und auch nach der Begründung ausgesprochen wurden, nicht eingetroffen sind. Es ist charakteristisch, daß I. M. Jost seine „Geschichte des Judentums" mit einem Kapitel über das Breslauer Seminar beschließt, in dem er mit weiser Erkenntnis sagt: „Die Tatsache, daß eine solche festgegründete Einrichtung in Deutschland, und zwar in der Mitte einer großen Gemeinde und an einem Universitätsorte besteht, ist von so entscheidender^ Bedeutung für die Folgezeit, daß mit ihrem Zeitraum weitläufiger Kämpfe sich abschließt und eine neue lebhafte Teilnahme für gründliche Durchbildung der Religionskunde und gediegene Volksbelehrung ins Leben gerufen wird." Jost hat recht behalten. Und zwar seltsamerweise mehr recht als sein weitaus begabterer Rivale, als Grütz, der seine „Geschichte der Juden" mit dem Ausblick schließt: „Diese Lehrstätten der Wissenschaft des Judentums Hütten, wenn sie der Erforschung der Wahrheit ernstlich obliegen, den Berus des erwarteten Propheten Elias, alle Zweifel zu lösen und besonders die Frage der Berechtigung, Zulässigkeit und Grenzen der Reform zu beantworten, welche eben die Gemüter in der Judenheit entzweit, um so die Herzen der Eltern mit den Herzen der Kinder in Eintracht zu versöhnen." Nur wer sich dessen erinnert, wie ungeregelt das Bildungswesen früherer Zeiten gewesen, kann die Bedeutung der Tatsache vollauf würdigen, die durch die Eröffnung des Breslauer Seminars vor nunmehr 50 Jahren geschaffen wurde. Nachdem die alten Talmudschulen (Jeschibot) in Deutschland wenigstens eingegangen, mußte sich jeder, der sich zum Rabbiner ausbilden wollte, aus privatem Wege die notwendigen Kenntnisse erwerben. Er bezog eine Universität, hörte dort Philosophie und orientalische Sprachen, gelegentlich wohl auch Bibelexegese bei protestantischen Theologen. War der Rabbiner einer solchen Universitätsstadt zugleich ein Gelehrter auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums, so sammelte er diese Hörer um sich und gab.ihnen. Anleitung zur Weiterbildung. So haben Geiger in Breslau, Sachs in Berlin, Jellinek in Wien u. a. eifrig gewirkt. Hier vor allem Zunz, Steinschneider und Lebrecht. Nachdem dann der Kandidat von einem hervorragenden Rabbiner ein Diplom (Hatorat Horaah) erlangt, konnte er sich um jede Stelle bewerben. Aber die Ratlosigkeit der jungen Theologen war damals nicht größer als die der Gemeinden, welche Rabbiner mit moderner Bildung und jüdischem Wissen suchten. . So war es denn wirklich eine Tat, als durch die Eröffnung des Breslauer Seminars die Ausbildung der deutschen Rabbiner in geregelte Bahnen geleitet wurde. Aus den Wirren und Kämpfen eines Menschenalters ging dieses Institut als die gereifte Frucht der Bestrebungen hervor, die die hervorragenden Lehrer in Israel seit Anfang des vorigen Jahrhunderts immer wieder auf den einen Punkt als unbedingt notwendige Forderung hinwiesen. Schon 1838 entwarfen Geiger und Philippson den Plan einer jüdisch-theologischen Fakultät. Die Zeit war für diese Idee noch nicht reif. Aber die Saat siel doch auf einen günstigen Boden und zehn Jahre später hat der durch seine wohltätigen Stiftungen bekannte Kommerzienrat Jonas Fränkel in Breslau die für die Errichtung eines Seminars notwendigen Summen in seinem Testament ausgesetzt. Trotzdem dauerte es sieben Jahre, bis das Institut eröffnet werden konnte. Es hat vorher und später nicht an Angriffen auf die Männer gefehlt, welchen als Vollstreckern des Fränkelschen Testaments zu jener Zeit eine schwere Verantwortung oblag. Schroffer als heute standen sich damals, die beiden großen Parteien innerhalb des Judentums gegenüber: die Reform Ünd die Orthodoxie. Welcher Richtung sollte sich nun das Institut anschließen, welcher Partei sollte der Leiter derselben angehören? Man muß heute jenen Männern zugestehen, daß sie in richtiger Erkenntnis der Verhältnisse handelten, indem ihre Wahl aus einen Theologen siel, der der positiven historischen Schule angehörte. Der Erfolg hat ihnen recht gegeben. Zacharias Frankel, damals Oberrabbiner in Dresden, wurde zum Direktor des jüdisch-theologischen Seminars gewählt. ... Dieser Name war damals ein Programm. Und zwar das Programm der vermittelnden Richtung, der sich in -der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Majorität der deutschen Juden immer entschiedener zuneigte. . Frankel war ein Mann der goldenen Mitte, aber nicht weil er, wie man gemeinhin annimmt, von starrer Orthodoxie in gleicher Weise sich fernhielt wie von radikaler Neologie, sondern „weil sich ihm das historische Judentum als ein Parallelogranun der Kräfte des

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