Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228625--61202-3275013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
über Unterstützungen und wohltätige Veranstaltungen waren ebenso interessant als wichtig, wie über die zahlreichen Legate und Stiftungen der Gemeinde, welche besonders durch die Mitglieder der Familie S. Frenkel der Gemeinde zugefallen sind. Besonders hervorzuheben verdient, was der Bericht' über die Wanderbettelei sagt: Die Wanderbettelei hat in den letzten fünf Jahren kolossale Dimensionen angenommen. Zwei Drittel aller Personen, welche um Unterstützung nachsuchten, waren zweifelhafte Existenzen, welche durch Vorspiegelungen falscher Tatsachen unsere Gemeindekasse zu brandschatzen versuchten. Der tätige und energievolle Vorsitzende unseres Vorstandes Herr Ad. Eisner hat infolgedessen bei allen größeren Gemeinden Deutschlands Umfrage gehalten, wie dem Ueberhandnehmen dieses Zustandes abzuhelfen sei. Die recht zahlreich eingelausenen Antworten besagen fast einstimmig, daß nur durch Verabfolgung geringer Unterstützungsbeträge dem Uebel entgegengesteuert werden könne. — Der Bericht über Synagoge und Gottesdienst stellt fest,' daß der Gottesdienst ein in jeder Beziehung würdiger wäre, unterstützt einesteils durch die Gründung eines Männerchors, welcher den einstimmigen Gemeindegesang pflegt, andernteils durch den gutgeschulten, vierstimmigen Synagogen-Gesangverein, welcher namentlich an den hohen Feiertagen viele liturgische Gesänge ausdrucksvoll zum Vortrag bringt. Herr Eisner suchte hierauf die Gründe darzulegen, welche die Gemeindevertretung bewogen hätte, mit Zustimmung des Nabbinats vor nunmehr fünf Jahren eine allmonatlich stattsindende Sonntag - Andachtsstunde einzuführen. Der Vorsitzende stellte fest, daß der Besuch ein zufriedenstellender sei, das; diese Andachtsstnnde namentlich von solchen Gemeindemitgliedern besucht wurde, die beruflich verhindert seien, den Sabbat-Gottesdienst regelmäßig zu besuchen. Der Bericht über den Jugend-Gottesdienst verbreitete sich über die Entwicklung, Notwendigkeit und Form desselben. Im Allgemeinen war der Besuch seitens der Kinder ein reger gewesen. Von dem Religionsunterricht'wird unter anderem folgendes berichtet. Die Organisation des Religionsunterrichts hat seiner Zeit insofern eine Umgestaltung erfahren, daß seit längerer Zeit in den Lehrplan sämtlicher öffentlichen Schulen der Religionsunterricht (Religionslehre, biblische und nachbiblische Geschichte umfassend) mit Ausschluß des Hebräischen in den städtischen Schulen eingefügt und der Unterricht obligatorisch gemacht wurde. Durch diese Neueinrichtung, durch welche der Religionsunterricht der allgemeinen Schuldisziplin unterstellt wurde, ist es nun die Hauptaufgabe der Schulkommission, sich mit dem hebräischen Unterricht an der besonders bestehenden Religionsschule, deren Besuch ein freiwilliger ist, zu befassen. Sie sucht mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln denselben zu heben und zu fördern und hervortretende Mißstände und Schwierigkeiten zu beseitigen. Die Schule wird von 45 unter 75 schulpflichtigen Kindern besucht. An sämtliche Referate knüpfte sich eine lebhafte Debatte, ebenso über einen Bericht von Herrn Eisner über die Leichen-Ritualien bei Feuerbestattungen. Herr Dr. Schönberger erklärte auch in dieser Versammlung, daß in unserem ganzen Schrifttum keine Stelle vorhanden wäre, die uns das Leichenverbrennen verbiete. Diese Erklärung blieb nicht ohne Widerspruch. Nach Besprechung noch einiger Gemeindeangelegenheiten wurde die Versammlung vom Vorsitzenden Herrn Eisner geschlossen. i. Kassel, 17. Oktober. Der im Juni dieses Jahres in London verstorbene Rudolf Sigmund Gold schm itzt hat seiner Vaterstadt Kassel den Betrag von 40000 Mark testamentarisch vermacht. Herr Goldschmidt ist offenbar ein Preußenfeind oder ein Anhänger der hessischen Rechtspartei gewesen, denn er bezeichnet Kassel in seinem Vermächtnis als die „frühere Hauptstadt Hessen-Kassels", die, wie er mit Bedauern sagen müsse, jetzt eine preußische Provinzstadt geworden sei. Die Zinsen des Kapitals sollen jährlich jungen Leuten, die in die Ehe treten, überwiesen werden, und zwar müssen diese Nachweisen, daß ihre Vorfahren vor dem 18. Juni 1866 hessische Untertanen waren. Weder der junge Ehemann noch der Vater der jungen Frau dürfen in preußischen Staatsdiensten stehen. Die Entscheidung über die Wahl geeigneter Heiratskandidaten steht dem Kasseler Magistrat zu. Ein Unterschied hinsichtlich der Konfession soll im allgemeinen nicht gemacht werden; nur wünscht der Verstorbene, daß wenigstens alle 15 Jahre ein Paar jüdischer Konfession gewählt werde. Falls die Stadt Kassel das Legat ablehnt, fällt es den Haupterben zu. Das von Herrn Goldschmidt hinterlassene.Vermögen stellt sich nach den Ermittlungen der Londoner Erbschaftssteuerkommission auf rund 2270000 Mark, davon sind neben der Stiftung für Kassel noch 4000 Mark zwei Londoner Wohltätigkeitsvereinen vermacht worden. h. Bonn, 14. Oktober. Ein Leichenzug von solcher imposanten Größe, wie er sich noch selten durch die Straßen unserer Stadt nach dem jüdischen Friedhof am Dienstag nach Jomkipur bewegt hat, gab Kunde davon, daß unsere Gemeinde einer ihrer edelsten Zierden beraubt worden ist. Frau Rosalie Edelstein, geborene Rahn war am Sabbat vor dem Versöhnungstag nach kurzer Krankheit verschieden. Frommgläubig wie ihr ganzes Leben war auch ihr Ende. Als sie in der Nachmittagsstunde den Tod herannahen fühlte, forderte sie ihre Umgebung auf, mit ihr die Sterbegebete zn verrichten. Mit ihren fast überreichen Geistesgaben, denen ihr Körper nicht mehr gewachsen schien, verband sie so viele herrliche Frauentugenden, daß sie, über viele ihrer Zeitgenossinnen hinwegragend, als leuchtendes Beispiel eines echt jüdischen Weibes noch lange als Vorbild in unserer Erinnerung weiterleben wird. Wer die Verewigte persönlich gekannt hat, wie sie in ihrer selbstlosen Weise an jedem fremden Leid teilnahni, kann auch den unermeßlichen Verlust, der die Kinder und Geschwister mit ihrem Heimgang betroffen, ermessen. Sie überlebte ihre Schwester, die verewigte Frau Bertha Landsberg nur um acht Monate. Zwei Schwestern und der Bruder, Herr Dr. Arthur Kahn, die wiederum in tiefste Trauer versetzt sind, beweinen in der Heimgegangenen eine liebende, edle Schwester. Möge Gott sie alle in ihrem gerechten Schmerz trösten. „ ■A- Nürnberg, 11. Oktober. Es ist wohl die Mitteilung von Interesse, daß ein Sohn unserer Gemeinde, der Diplomingenieur Alfred Leb recht aus Nürnberg, tätigen Anteil bei der Errichtung der Technischen Hochschule in Danzig, deren Eröffnung dieser Tage stattfand, gehabt hat. Professor Josse von der Technische Hochschule in Charlottenburg, welchem vom preußischen Unterrichtsministerium die Leitung des Baues und die Inbetriebsetzung der maschinellen Anlagen der neuen Hochschule übertragen war, gibt in der neuesten Nummer der „Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure" eine Beschreibung dieser Anlage unter Beifügung vieler Zeichnungen uud bemerkt hierbei: „Ich möchte nicht verfehlen, hier die anerkennenswerte Mitwirkung meines Assistenten, Diplomingenieurs Lebrecht, hervorzuheben, der bei diesen umfangreichen Arbeiten mich unterstützt hat." Herr Lebrecht ist ein Sohn des in weiten Kreisen rühmlichst bekannten Förderers und Organisators gemeinnütziger und)wohltätiger Schöpfungen im Judentum, Martin Lebrecht. Gesterreich-Nngarn. □ Wien, 17. Oktober. Sehr interessante Daten über das jüdische Schulwesen in'Ungarn erfahren wir aus den dortigen Blättern. Demgemäß gibt es im Lände 506 jüdische Elementarschulen mit 808 Lehrern, 158 Lehrerinnen und 37 788 Zöglingen. Unter diesen haben 32 734 magyarische Muttersprache. Von den 391 Lehrern Ungarns, die der magyarischen Sprache nicht mächtig sind, ist kein einziger ein Jude! Dje Kosten für die Erhaltung der jüdischen Volksschulen betrugen 1 625 021 Kronen. Die Deckung hierfür wurde aufgebracht durch Unterrichtssteuer in der Höhe von 582 246 Kronen und durch Schulgelder in der Höhe von 73 306 Kronen. Behörden, Staat und Gemeinden gewährten Subventionen in der Höhe von 73 306 Kronen. Die übrigen Kosten bestritten die Kultusgemeinden. Seit 1892 sind 65 konfessionelle Schulen eingegangen. Jüdische Bürgerschulen gibt es im Lande 13, und zwar 7 Knaben- und 6 Mädchenbürgerschulen. In denselben unterrichten 56 Lehrer und 54 Lehrerinnen 993 Knaben und 884 Mädchen, insgesamt also 1877 Schüler. Andere konfessionelle Schulen sind 6, und zwar ,1 Unterrealschule in Waag-Neustadtl, 1 Rabbinatspräparandie in Budapest (unterer Jahrgang), 1 höhere Handelsschule in Nagy-Kanizsa, 1 orthodoxe Rabbinatspräparandie in Preßburg und 1 der Kongreßpartei in Budapest, ferner 1 israelitische Lehrerpräparandie. Was den Schulbesuch in nichtkonsessionellen Schulen anbelangt, so besuchten 10 016 Zöglinge Gymnasien, 3866 Realschulen, 1897 Universitäten. 700 die Technik, 269 die Rechtsakademie, 1515 die höhere Töchterschule. Unter den Hörern der höheren Unterrichtsanstalten befinden sich also 20 bis 30 Prozent Juden. Zur Apothekerprovisorprüfung meldeten sich 23 Juden. Die Malakademie