Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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12. d. M. im Alter von 80 Zähren gestorben. Wie aus dem Nachruf des Vorstands der jüdischen Gemeinde hervorgeht, hat der Verblichene fast ein halbes Jahrhundert hindurch mit Eifer und Treue, unermüdlich und unverdrossen im Ehrendienst als Mitglied zahlreicher Kommissionen, als Repräsentant und Vorsteher der Nepräsentantenversannnlung gestanden. Ebenso gehörte er seit Dezennien dem Vorstand der Bet-Hamidrasch-Gesellschaft, des Talmudvereins, des Miete-Hilfsvereins Ohel Jescharim, und vieler auswärtiger Wohltätigkeitsvereine an, für deren Interessen er mit nie rastender Hingebung stets Sorge getragen hat. Mit Gustav Löwenberg scheidet einer jener konservativen Männer von uns, die wirklich konservativ waren, bei denen Theorie und Praxis niemals in Widerspruch gerieten und die deshalb die ungeteilte Hochachtung aller Parteien undaller Kreise zeitlebens genossen haben. Ihm war das Judentum eine Herzenssache; er kannte und liebte es. Jedes ehrliche Streben innerhalb unserer Gemeinschaft fand bei ihm Verständnis und Förderung. Sein Andenken wird lebendig sortleben in unserer Gemeinde und weit darüber hinaus, überall da, wo wahre Gottesfurcht und fromme Gesinnung, ehrliche Hingabe an die Interessen der Gesamtheit nach ihrem vollen Werte geschätzt werden. 8. Berlin, 9. Oktober. In dem sogenannten Berliner Schulstreit ist es interessant, daß auch die antisemitische Presse sich darüber beschwert, daß die Stadt ihre Schulräume nicht für antisemitische Versammlungen zur Verfügung stellen wollte. In dem Schreiben des Provinzialschulkollegiums an den Berliner Magistrat vom 6. November 1898 heißt es: Insofern die Vereinszwecke „wie bei tschechischen und polnischen nationalen Verbindungen, sozialdemokratischen und antisemitischen Vereinen derart sind, daß ihnen eine Förderung nicht zu teil werden darf", müßten gegen die Ueberlassung der Turnhallen an solche Vereine ernste Bedenken erhoben werden. Lp. Aus der Provinz Posen, im Oktober. Die Vertretung der israelitischen Gemeinde Schildberg hat den Bau eines neuen Gemeindehauses beschlossen. — Die Negierung zu Posen hat den Beschluß des jüdischen Schulvorstandes Jaratschewo, die dortige jüdische Volksschule, welche nur noch von vier Kindern besucht wurde, aufzulösen, genehmigt, dieselbe jedoch erst dann zu schließen, wenn sich zur Versetzung des Lehrers Plaut daselbst eine passende Stelle bieten werde. —Lehrer Lausfer in Jaro tschin ist zum Vorsitzenden des dortigen israelitischen Krankenpflege- und Leichenbestattungsvereins gewählt worden. — Der israelitische Krankenunterstützungsverein in Crone a. Br. beging neulich festlich das Jubiläum seines 40jährigen Bestehens. Aus diesem Anlaß wurde dem langjährigen Leiter, Stadtverordneten A. Joseph, ein wertvoller Pokal als Ehrengabe überreicht, außerdem überreichten ihm noch einige Mitglieder des Vereins einen Stock mit silberner Krücke. — Die zweiklassige jüdische Volksschule in Briefen wird nicht mehr von voll 20 Kindern besucht. Die Regierung hat daher auf Antrag des Magistrats angeordnet, daß die Schule in eine einklassige umgewandelt und die dadurch frei werdende Lehrkraft für die katholische Schule verwendet wird, da diese besonders unter dem herrschenden Lehrermangel zu leiden hat. — Der 150 Mitglieder zählende, seit ca. 90 Jahren bestehende israelitische Krankenpflege-und Leichenbestattnngsverein in Ostro wo hat in seiner letzten Generalversammlung den Oekonomierat D. Gold stein daselbst zum ersten Vorsitzenden gewählt. x. Filehne, 14. Oktober. Am 10. d. M. feierte Rabbiner Dr. Richter sein 25jähriges Amtsjubiläum als Seelsorger der hiesigen jüdischen Gemeinde. Anläßlich dieses seltenen Festes fand am Freitag abend in der Synagoge ein Festgottesdienst statt. Den gesanglichen Teil hatte Kantor Rehfeld übernommen,- während Dr. med. Fronzig als Vorstandsvorsitzender den Jubilar in beredten Worten feierte. Schon vorher waren Dr. Richter vom Direktorium und der Lehrerschaft das Pädagogiums Ostrau sinnige Gaben überbracht, die eigentliche Jubiläumsfeier fand erst am Sonnabend statt. Bürgermeister Meifert und Justizrat Memelsdorf gratulierten im Namen der städtischen Behörden, der Vorstand und die Repräsentanten überbrachten wertvolle Silbergeschenke mit entsprechender Widmung, sämtliche hiesigen Vereine, die ehemaligen und jetzigen Schüler, sowie viele Freunde kamen und brachten schöne Gaben dar, denn keiner wollte an dem Ehrentage des Jubilars fehlen. Wir wünschen Herrn Dr. Richter eine weitere gesegnete Tätigkeit in unserer Gemeinde. in. Gleiwih, 16: Oktober. Die im Soolbade Konigsdorff- Jastrzemb (Schlesien) im Jahre 1890 gegründete Israelitische Kinderheilstätte hat auch in der eben verflossenen Kurzeit als eine Wohlfahrtseinrichtung ersten Ranges sich bewährt. Die Anstalt, die auf dem festen Grunde erbarmungsvoller Menschenliebe errichtet ist, nimmt nicht nur mittellose Kinder ganz unentgeltlich aiff, sondern gewährt auch mehr oder weniger bemittelten Kindern gegen ein geringes, je nach den Verhältnissen bemessenes Entgelt, das aber die Selbstkosten nicht überschreiten darf, freundliche Ausnahme. So gereicht das Institut den verschiedenen Bevölkerungsklassen zum Segen. In der vergangenen Saison hat die Anstalt 115 Kinder in liebevoller Weise beherbergt. Das gemeinnützige Werk wird durch milde Beiträge erhalten und ist der Förderung edler Menschenfreunde würdig. Nähere Auskunft erteilt der Vorsitzende der Anstalt, Rabbiner Dr. Wilhelm Münz in Gleiwitz. i. Dresden, 14. Oktober. Die israelitische Neligionsgemeinde beging am 2. d. M. die Einweihung des umgebauten und vergrößerten Henriettenstifts des Asylhauses für arme israelitische Familien, einer 1851 begründeten milden Stiftung des 1861 verstorbenen Bankiers Wilhelm Schie, welche 10 armen Familien Wohnung ge-, währte und nach dem Vermächtnis der 1893 verstorbenen Witwe Henriette Schie auch Verpflegungsbeihilfen macht. Das letztere Vermächtnis bot jetzt die Möglichkeit, das Hans für 10 Familien einzurichten. Der Bau wurde von März bis September von Herrn Architekten Paul Marcus nach eigenem Plan ausgesührt. Jede der freundlichen Wohnungen besteht aus Stube, Kammer, Küche und Vorhand,. Wasserleitung, Lencht- und Kochgasvorrichtung und Badeeinrichtung. Zahlreiche Gemeindemitglieder fanden sich zu der Feierlichkeit im Vorsaal des zweiten Obergeschosses ein; Orgelspiel und Sologesang von Kantor Hofstein leiteten den Aktus ein. In einer sehr gemütvollen und ergreifenden Rede gedachte der Stiftsvorsteher Fabrikdirektor Max E l b der edlen Stifter und der gedeihlichen Entwicklung der Stiftung. Innigen Dank zollte er allen Förderern, Schützern und Helfern am neuen Werke, an erster Stelle dem Könige, den königlichen und städtischen Behörden, dem Architekten und den Mitarbeitern in der Verwaltung. Rabbiner Dr. Winter hielt die Weiherede. Abermaliger Sologesang beschloß die Feier, der eine Besichtigung der neuen Räume sich anschloß. g. Nordhansen, 14. Oktober. Am 3. d. M. fand eine vom Vorstande unserer Gemeinde anberaumte öffentliche Gemeindeversammlung statt, in welcher seitens des Vorstandes und der Repräsentanten ein Verwaltungsbericht der Etatsjähre 1900 bis 1904 erstattet wurde. Derselbe umfaßte, entsprechend dem Etat der Gemeinde, dessen Hauptpositionen: Synagoge, Armenpflege, Religionsunterricht und Begräbniswesen und gab ein umfangreiches und lehrreiches Bild unseres Verwaltungswesens. Die Referate der einzelnen Verwaltungszweige verteilten sich wie folgt: 1. Herr W. Oppenheimer über Synagoge und Gottesdienst. 2. Herr I. Ballin über hiesige Armenpflege, Stiftungen und Bauten. 3. Herr E. Hirsch über die Uulerstützungskasse durchreisender Israeliten. 4. Herr I. Marburg über den Frauen- und Wohltätigkeitsverein. 5. Herr R. Philipp über Kassen- und Steuerwesen. 6. Herr H. Collin über Jugendgottesdienst. 7. Herr Ad. Eisner über die Sonntagsandachtstunde. Der erste Vorsteher- Herr Ad. Eisner eröffnete die Versammlung mit dem Hinweise darauf, daß eigentlich der Verwaltung eine Verpflichtung, der Gemeinde Rechenschaft abzulegen, nicht obliege; wenn-man sich trotzdem dazu entschlossen hat, so geschehe es, um innerhalb der Gemeinde allgemeines Interesse für die vielseitigen Institutionen zu erwecken und nötigenfalls Hinweise übernoch zu verbessernde Einrichtungen entgegenzunehmen. Dann geht Herr Eisner zu den allgemeinen Verhältnissen unserer Gemeinde über. Die jüdische Bevölkerungszahl ist von 474 bei der Volkszählung von 1900 auf 500 gestiegen. Die Anzahl der selbständigen Haushaltungen beträgt jetzt 102 und 135 steuerpflichtige Gemeindemitglieder. Die Gemeinde gehört dem Deutsch- Israelitischen Gemeindebund an, dem Provinzial-Synagogenverband in Magdeburg und hat sich auch dem neugegründeten Verbände der deutschen Juden angeschlossen. Für eine Ehrenpflicht hält sie es auch, demnächst dem Reliktenfonds der deutschen Rabbiner einen Beitrag zu überreichen. Als Gemeindesteuer wurden im letzten Jahre 50 Prozent Zuschuß zur staatlichen Einkommensteuer erhoben. Die Mitteilungen