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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-21 · Heft 43 (21.10.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 21. Oktober 1964. ^Mx Oemeindrüote. Vellage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums" lkorrrlpondrnrm und Sschrichten. Deutschland. 8. Berlin, 12. Oktober. Den Neigen des diesjährigen Vorlesungszyklus im Verein für jüdische Geschichte und Literatur ervffnete heute Herr Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin mit seinem Vortrag über die Inquisition in Spanien und Portugal. In anschaulicher Weise entrollte er vor einem zahlreich erschienenen Auditorium die Schrecken der Inquisition, die unsere Glaubensgenossen in Spanien und Portugal zu erdulden chatten, einem Lande, in dem sie bis dahin des höchsten Ansehens sich erfreuten, in dem hebräische Poesie und Literatur ein goldenes Zeitalter gefunden hatten. Er schilderte uns, wie die zahlreichen zwangsweise zum katholischen Glauben übergeführten sog. Marannen heimlich mit ihren früheren Neligionsgenossen verbunden blieben, wie sie die Liebe zum Judentum sich doch nicht aus dem Herzen reißen lassen und die religiösen Gebräuche unter den größten Schwierigkeiten weiter übten. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts wurde durch einen Cortez-Beschluß die Inquisition, sanctum officium genannt, angeblich „zur größeren Ehre Gottes und der Kirche", eingeführt. Dieselbe richtete sich hauptsächlich gegen die Marannen, die man als Apostaten und judaisierende Ketzer bezeichnete. Peter Arbues und Thomas Torquemada waren die ersten Großinquisitoren, die ihr Amt mit ungewöhnlicher Strenge handhabten. Am 6. Januar 1481 fand das erste Glaubensfchaufpiel, Autodafe genannt, statt, und von da an tat der Scheiterhaufen seine Schuldigkeit. So wütete die Inquisition bald 200 Jahre und brachte das einst so blühende Land dem Untergang nahe. Die nach den Niederlanden geflüchteten Marannen nahmen freudig ihren alten Glauben wieder an. Diese Glaubenstreue soll auch uns, wie der Vortragende ausführte, in der Liebe zum angestammten Glauben stärken und festigen, soll uns ein Ansporn sein, den noch heute uni ihres Glaubens willen hart leidenden Brüdern hilfreich beizustehen. Das sei, um das Wort auch einmal in gutem Sinne anzuwenden, unser „8anctum officium!“ Reicher Beifall lohnte den Redner für seine interessanten Ausführungen. s. Berlin, 17. Oktober. Der Bericht über das Neichenheim'sche Waisenhaus der jüdischen Gemeinde zu Berlin(Weinbergsweg 11 c) für die Zeit vom 1. April 1903 bis 31. März 1904 widmet einen warmen Nachruf der im Mai des Jahres verstorbenen Ehrendame der Anstalt, Frau Anna Mey er-Gerson, und gedenkt der 25jährigen Tätigkeit des Anstaltsarztes Professor Dr. Julius Lazarus. Erzogen wurden im Berichtsjahre 74 Zöglinge, 45 Knaben und 29 Mädchen, entlassen wurden 9 Zöglinge, von denen sich 4 Knaben einem Handwerk, 2 dem Kaufmannsbernf, 2 Mädchen der Buchhaltung und 1 der Hauswirtschaft widmen. Die Gesamtausgaben beliefen sich auf 50 469 Mark, die durch Zinsen eigener Fonds und einen Gemeindezuschuß von 24 402 Mark aufgebracht wurden. Für je einen Zögling betrugen die Gesamtausgaben für das Jahr 669 Mark, die Tagesverpflegung für den Kopf 47 Pfennig. Die an der Anstalt bestehenden Stiftungen sind durch testamentarische Verfügung der 1903 verstorbenen Ehrendame, Frau Mathilde Berend, und durch eine von deren Angehörigen errichtete Stiftung wesentlich vermehrt worden. Alle Zöglinge besuchen öffentliche Schulen, erhalten aber im Hause noch Unterricht in Gesang, Turnen und Kerbschnitzen. Die ehemaligen Zöglinge haben einen Zusammenhang im „Reichenheim- Verein". Die Anstalt steht unter der Verwaltung eines Kuratoriums, dessen Vorsitzender Sanitätsrat Dr. Julius Stern ist, und unter der trefflichen Leitung des Direktors Dr. Moritz Jutrosinski. tvn Berlin, 18. Oktober. Das Komitee für Chanukah-Bescherung versendet den nachfolgenden Ausruf: Die bevorstehende rauhe Jahreszeit mahnt uns aufs neue an die Bedürftigkeit der großen Schar jüdischer Kinder, welche die Kommunalschule besuchen. Wie alljährlich, so wenden wir uns auch diesmal an die bewährte Mildtätigkeit unserer Glaubensgenossen mit der herzlichen Bitte, uns durch Spenden für die Chanukah-Bescherung zu unterstützen. Es gilt mit diesen Gaben nicht nur dem äußeren Mangel zu steuern, sondern in die jugendlichen Seelen lebensfrohes Vertrauen zu pflanzen und in den Kinderherzen hoffnungsvolle Gefühle für die Zukunft zu erwecken. Es sind im vorigen Jahre nach vollständiger Prüfung jedes einzelnen Gesuches 1279 Kinder mit Stiefeln, Kleidungsstücken, Wäsche und Lehrmitteln versehen worden; hierbei sind wir bestrebt gewesen, in den Kindern den Sinn für Ordnung und Sauberkeit zu wecken und ihren Fleiß anzusporneu. So haben auch die armen Eltern in ihrer schweren Sorge um die häuslichen Bedürfnisse eine wohltuende Entlastung erfahren. Wir geben uns deshalb der Hoffnung hin, daß unsere Bitte wiederum vou Erfolg begleitet sein werde. Jede der Unterzeichneten nimmt Beiträge an Geld, Stoffen, Jugendschristen oder dergl. mit Dank entgegen und erteilt gern nähere Auskunft. Das Komitee für Chanukah-Bescherung: Frau Julie Neumann, Vorsitzende, Potsdamerstratze 121 e, Frau Marcus Adler, Frau Max Benjamin, Frau Julius Böhm, Frau Geheime Sanitätsrat Flatow, Frau Dr. Frankl, Frau Leopold Friedmann, Frau Dr. Ginsberg, Frau Dr. Grabower, Frau Anna Jtzig, Frau Professor Dr. Liebermann, Frau Sanitätsrat Dr. Mühsam, Frau Louise Oliven, Frau Louis Oppenheim, Frau Helene Schönwald, Frau Emma Sieskind, Frau Sanitätsrat Dr. Stern, Frau Dr. Ungerleider, Frau Dr. Otto Wiesenthal.; S. Berlin, 17. Oktober. Eine jirdische Toynbee-Halle ist nunmehr auch hier eröffnet worden, nachdem besonders in Wien und Hamburg mit einer derartigen Institution glänzende Erfahrungen gesammelt worden sind. Diese Neuschöpfung, die bekanntlich den Bedürftigen Gelegenheit zur Belehrung und menschenwürdiger Erholung bieten soll, ist ein dankenswertes Werk der drei Berliner Wnei- Brith-Logen. Die Einweihung der Halle, die in den Parterreräumen des Hauses Kaiserstraße Unterkunft gefunden hat, fand am 12. d. M. abends statt. In denr einfachen, aber sehr freundlichen Raum hatte sich ein sehr zahlreiches Auditorium versammelt, etwa zur Hälfte dasjenige Publikum, in dessen Interesse die Institution geschaffen ist; den anderen Teil stellten meist Mitglieder der Logen mit ihren Damen. In den kurzen einleitenden Worten stattete der. Vorsitzende.des Komitees der Toynbee-Halle, Herr Rechtsanwalt Joachim, allen denen herzlichen Dank ab, die an dem Gelingen des Werkes lebhaften Anteil genommen haben, er dankte den Gästen für ihr Erscheinen und der jüdischen Presse für die Propagierung des Unternehmens. Die offizielle Einweihungsrede hielt alsdann der Redakteur dieses Blattes. Er erörterte das moderne Bilduugsstrebeu und die Idee der Wohltätigkeit im Bunde mit der Belehrung vom Standpunkte des Judentums, sodann wurde geschildert, aus welche Weise in der Toynbee-Halle das Streben nach Bildung zur Ausführung gelangen soll. Zum Schluß forderte der Redner die zum „Feste der Humanität" erschienenen Gäste zu regem Besuch und zu eifriger Unterstützung der Toynbee-Halle auf. Nachdem dann den Anwesenden von den Ehrendamen des Komitees Tee und Gebäck gereicht worden war, begann der zweite Teil des Abends, in welchem musikalische mit deklamatorischen Vorträgen abwechselten; besonders erfreulich war es, daß bereits am ersten Abend sich auch jugendliche Gäste an diesen Darbietungen beteiligten. Dieser Modus der Einteilung des Abends soll auch für die Folgezeit innegehälten werden; an jedem Abend wird also den Besuchern ein populär wissenscha tlicher Vortrag und im zweiten Teil gesellige Unterhaltung geboten werden. Politische und religiöse Diskussionen werden ausgeschlossen. Die Absendung eines Telegramms an Herrn Professor Leon Kellner in Czernowitz, den verdienstvollen Vorkämpfer der Idee jüdischer Toynbee-Hallen, wurde mit lebhaftem Beifall begrüßt. Möge dies wahrhaft soziale Werk zum Segen der Allgemeinheit eines recht regen Zuspruches sich erfreuen! ££5 Berlin, 16. Oktober. Einer der besten und angesehensten Männer unserer Gemeinde, Herr Gustav Löwenberg, ist am

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