Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-21 · Heft 43 (21.10.1904) · p. Seite 516

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
Seite 516 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228625--61199-3275010
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

516 Wirkt löismsrck und Lsron Todesco. einem sehr interessanten Essay „An der Wiege des Dreibunds" erzählt' der frühere Sektionschef Ludwig v. Dvczy, daß die überraschende Nachricht von der Demission des Grafen Andrassy, die Bismarck anfangs August 1879 in Gastein erfahren, Anstoß zu den Verhandlungen über den Dreibund gegeben habe. Bismarck bat Andrassy um eine Zusammenkunft und sofort eilte dieser selbst nach Gastein. Als Andrassy von der ersten Konferenz heimkehrte und zu erzählen anfing, sagte Doczy zu ihm: „Was würden Eure Exzellenz dazu sagen, wenn ich diesen Teil der Bismarckschen Ausführungen schon fertig mitgebracht hätte?" Und Doczi legte drei eng beschriebene Seiten vor, die sein Chef mit wachsendem Erstaunen las. „Wo' zum Teufel haben Sie das her? Es ist nicht alles, es ist stellenweise übertrieben, aber der Hauptsache nach richtig. Ah, Sie haben gewiß mit Bill Bismarck gesprochen." — „Das habe ich," war Doczlfis Antwort, „aber nicht er ist meine Quelle, sondern ein ganz Privater Sterblicher: der Wiener Bankier Baron E d u a r d T o d e s c o. Fürst Bismarck hat ihm gestern einen Besuch gemacht und ihm sein ganzes Herz ausgeschüttet. Daß er immer itnb immer, schon vor dem Krieg von 1866, eine enge Verbrüderung und Verbindung Deutschlands mit Oesterreich-Ungarn ins Auge gefaßt und sich die Möglichkeit offen gehalten habe. Daß er deshalb nach Königgrätz den heißen Wünschen des alten Kaisers, der einen Friedensschluß ohne Gebietsabtretung als ein Verbrechen gegen seine Armee bezeichnete, Widerstand geleistet und seine. Demission gegeben habe und vor Aufregung schluchzend fortgegangen sei re." All dies und mehr hatte Fürst Bismarck in der Tat dein Baron Todesco, den er damals zum ersten- und wohl auch zum letztenmal sah, aus freien Stücken und eindringlich auseinandergesetzt, um zu dem Schluß zu gelangen: „Wir sind aufeinander angewiesen, und ich bin zu diesem Zwecke hier. Die Oesterreicher und Ungarn werden doch gewiß verstehen, daß wir nur gemeinsame Feinde haben — nicht wahr?" — Doezy erzählt dies, um die Stimmung zu kennzeichnen, in welcher der Fürst der Ankunft seines österreichisch-ungarischen Freundes und Kollegen entgegenharrte. Zu Baron Todesco hatte den Kanzler die große Höflichkeit geführt, deren dieser gewaltige Mensch (der nur in policitis Gewaltmensch war) mehr als irgend ein Hochgestellter fähig war. Der Wiener Bankier, der bei „Straubinger" mehrere Zimmer bewohnte, hatte dem Hotelier einen dieser Räume zugunsten der Prinzessin Odescalchi, einer Freundin der Fanülie Bismarck, bereitwillig abgetreten, und der Reichskanzler wollte sich nicht damit begnügen, seinen Dank durch Abgabe einer Karte oder eine mündlich bestellte Botschaft abzutragen. Er kam selbst und machte den jüdischen Baron, der in Wien nur durch seine verworrenen Beziehungen zu den Fremdwörtern berühmt war, von denen erst in der vorl.etzten Nummer in den Reisebriefen dieses Blattes eines zitiert wurde, zuin Vertrauten seiner Pläne und — Besorgnisse. „Wie man mir sagte, daß der Fürst Bismarck zu mir konunt," so schloß der alte Herr seinen Bericht, „habe ich eine ordentliche Angst bekommen. Aber mir scheint, der hat noch mehr Angst gehabt." Diese kleine Episode ist wert, aufbewahrt zu werden. Sie nimmt kein Haar breit von der Größe des Politikers, erhöht aber womöglich den Begriff von dem sittlichen Wert des Menschen und Patrioten, dem alles, was sein Vaterland betraf, Gemütssache war. Literarische Mitteilungen. — Unter dem Titel Reliquiae Taurmenses veröffentlicht der erste der heutigen klassischen Philologen Belgiens, Franz Cumont im Bulletin der literarischen Klasse der Brüsseler Akademie eine Abhandlung, in der er an einein einzigen Beispiele zeigt, wie große Verluste der Brand der Turiner Universitätsbibliothek der Wissenschaft zugesügt hat. Er schildert nämlich in kurzen Zügen den Inhalt des jetzt untergegangenen eod. Taurin No. 200, eine umfangreiche Handschrift des 14. Jahrhunderts. Sie zerfiel in zwei, vom Buchbinder zusammengefügte Teile. Der erste enthielt eine Menge wichtiger bis jetzt noch nicht verwerteter Anekdota zur Geschichte der griechischen Sekten; immerhin ist das Verschwinden dieser Stücke nicht so schmerzlich, da der ebenfalls noch unausgenutzte eoä. Vindob. theol. 306 dieselben Sachen zu enthalten scheint. Weit wertvoller aber war der zweite Teil. Darin fanden sich nämlich eine Anzahl von byzantinischen Schriften über die religiösen Streitfragen zwischen Christen und Juden, so z. B. vom Abt Anastasios, von Athanasios von Alexandria, von Chrysostomos und von Leontios dem Neapolitaner. Das merkwürdigste Stück aber war eine byzantische. Novelle, in der ein zu Justinians Zeit lebender Jude namens Theodosios „durch Frage und Antwort" zur Anerkennung der christlichen Lehren in bezug aus die Fleischwerdung Gottes und anderer Punkte gebracht werden soll. Die Partei der christlichen Kirche ist dabei durch den konstantinopolitanischen Silberschmied Philippus, der sicher eine geschichtliche Person ist, vertreten. Cumont hatte nur die Anfangsworte des Werkes ausgezeichnet und er glaubte schon, daß es nun gänzlich verloren sei, als ein glücklicher Zufall ihn auf den eoä. Paria, suppl. gr. 589 führte, der in der Tat eine, wenn auch etwas veränderte Fassung der Philipposgeschichte enthält. --- Dr. Isidor Singer, der Herausgeber der Jewish Encyclopedia, von der Band VIII, bis Mor reichend, in dieser Woche erscheint, beabsichtigt, wie er uns mitteilt/ wieder ein neues und nicht minder großes Unternehmen, nämlich eine Eneyclopädi e der vergleichenden Theologie und Homiletik des Judentums in demselben Umfang wie die lewisd Eneyelopedia herauszugeben. ---- Der rührige Verlag von M. Poppel a u er (Inhaber I. Sänger) hier, hat wieder einen neuen und wertvollen Katalog (Nr. 11) seiner Judaica und Hebraiea herausgegeben. Von besonderem Interesse sind die karaitische Kollektion und das Verzeichnis von Handschriften. Ende dieses Jahres wird die an Seltenheiten so reiche Hebraiea und Judaica - Bibliothek des bekannten Bibliographen N. H. van Biema, in der jüdisch-literarischen Welt unter der Namenchiffre ViTT bekannt, durch die Buchhandlung I. L. Joachimsthal in Amsterdam zur Versteigerung kommen. Der Katalog umfaßt ungefähr 3700 Nummern, worunter ca. 50 Handschriften, 300 Responsen, Inkunabeln und Postinkunabeln, sowie Werke aus allen Zweigen der hebräischen und jüdischen Literatur. Ohne Zweifel wird diese Versteigerung für die vielen Sanunler auf diesen: Gebiete von großem Interesse sein. Lriekksltrn drr Nedaktion. Technik: Von der Dauer eines „technischen" Studiums kann man so allgemein nicht sprechen. Dieselbe richtet sich nach der speziellen Art. Das Fach, das Sie zu meinen scheinen, der allgemeine Maschinenbau, erfordert 1 bis l1/* Jahre Praxis als Volontär, dann bis zum Diplomexamen vier Jahre mindestens, meistens aber mehr. Wenn der Dr. ing. gemacht werden soll, ist auch noch ein bis zwei Semester darauf zu rechnen, da große Anforderungen gestellt werden. Die Aussichten sollen, wie aus einem Artikel der „Technischen Rundschau" (Beiblatt des Tageblattes) vom 21. September hervorgeht, sehr schlecht sein. Für einen Juden noch schlechter, da ihm die höhere Staatskarriere verschlossen, die untere aber sehr schlecht bezahlt ist. lieber die an der Technischen Hochschule vorhandenen Stipendien gibt der Studentenalmanach, sowie genauer der Pedell der Schule Auskunft. Druck und.Verlag von Rudolf Mosse ln Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwih in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.