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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-21 · Heft 43 (21.10.1904) · p. Seite 514

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
Seite 514 (sequence 10)
Language
German
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Die Kaiserin des Mtrns. Historische Novelle von Eduard Noth. D r i t t e s K a P i t e l. Die Begegnung. abbi Jochanan und seine Freunde -- und deren hatte der berühmte Gelehrte zahlreiche in Palmyra — bemühten sich nach Kräften, den beiden Fremden den Aufenthalt in der Stadt zu einem angenehmen zu gestalten. Bei dem jungen Assad hatte ihr Bemühen denn auch den größten Erfolg, ja, es hätte ihres Eifers gar nicht bedurft und der fremde Jüngling hätte sich heimisch gefühlt in diesem Kreise hochgelehrter Männer, in dem fein Geist reiche Nahrung fand — wie in diesen: zauberischen von Wundern der Natur und Kunst gleich erfüllten Lande, wo sein schönheitsdurstiges Auge sich wonnig labte. Sein jugendlicher Sinn hatte sich denn auch bald der Gegenwart angepaßt, uud voll freudiger Laune scherzte und lachte er mit der jungen Leilah, der Tochter des Hauses. Fast schien es, als hätte er den Zweck seines Hierseins ganz vergessen, und er wäre einzig und allein nach Palmyra gereist, um sich an der ungeahnten Pracht der üppigen Natur zu sonnen und an den erlesensten Kunstschöpfungen der Welt zu begeistern und — was nicht das letzte war — im jugendlichen Uebermute mit der sanften Leilah zu scherzen; und es war sonderbar, welche Veränderung seine unbändige Jugendlust auf das sonst so stille, wortkarge Mädchen hervorbrachte — verharrte sie sonst schweigsam und teilnahmslos beim Mahle, wenn sie Gäste empfingen und überließ es vollständig ihrem Vater, diesen durch feine gelehrten und oft auch witzreichen Gespräche das Mahl zu Würzen, so war jetzt in Assads Nähe alle Schüchternheit von ihr gewichen und heiter lachend entgegnete sie seinen launigen Reden. Mit väterlichem Wohlwollen betrachtete Jochanan sein geliebtes Kind, und in seinem Herzen keimte der Wunsch, daß sie nun in diesem Jüngling, den ein Ungefähr in ihr Haus gebracht, den Mann gefundeü hätte, dem sie als Gattin folgen wollte, und der berufen wäre, dem frommen, gottesfürchtigen Mädchen Schutz und Schirm zu sein, wenn es über Jahr und Tag dem Allmächtigen gefallen werde, ihn heimzurufen zu seinem geliebten Weibe und'zu seinen Vätern. Gar oft schon hatte die Sorge um das fernere Wohl seiner züchtigen Leilah sein Vaterherz bedrückt, allein stets hatte er die Sorge verscheucht und mit ruhigem Gvttvertrauen der Zukunft entgegengesehen — und nun lag es klar zu Tage, wie gerecht seine Hoffnung zu Gott gewesen, da er ihm diesen edlen Jüngling ins Haus gesandt, in dessen Hände er beruhigt das Geschick des Kindes legen konnte. Befremdet hatte dagegen Samuel das veränderte Wesen Assads gewahrt, hatte voll wachsender Unruhe die kennende Neigung des jungen Mädchens gesehen, auch das wohlwollende Benehmen des Gastfreundes, und nun, als er auch im Auge seines jungen Genossen jenes frendige Leuchten zu erblicken glaubte, das auf eine erwachende Herzensneigung hinwies, da durchzuckte jäher Schreck das Herz des schwer geprüften Vaters, und in bebender Angst sah er seine Hoffnungen vernichtet, die Bande zerstört, die den Jüngling an ihn und sein Haus knüpften; dahin jedoch durfte es nicht kommen — „und gleich nachdem die hohen Festtage vorbei sein werden, will ich mit Rabbi Jochanan reden, und ihm das Gefährliche dieses Beisammenseins der beiden jungen Leute vor Augen halten — der Rabbi ist weise und wird mir seine Hilfe nicht versagen — mit Assad zu sprechen, wäre vergebens!" schloß er mit einem Seufzer sein leise geführtes Selbstgespräch. Es war der Abend des zweiten Festtages und der Zeitpunkt, den sich der alte Samuel für ein aufklärendes Gespräch mit seinem Gastfreunde festgesetzt hatte. Frohe Festeslaune beherrschte den kleinen Kreis in der von frischem Laub überdachten Hütte im Garten Rabbi Jochanans. Schneeiges Tischzeug bedeckte die Tafel, in goldenen Gefäßen kreiste der Wein und leuchtende Rosen erfüllten mit berauschendem Duste den Raum. Durch die Blätter des Laubdaches fiel jetzt ein schräger Strahl der niedergehenden Sonne und leuchtete in den glühenden Augen der glücklichen Le'llah wider und umwob mit schimmerndem Glanze das blonde Lockenhaupt des jungen Assad. „Nun seht!" rief er lachend aus, „jetzt ist es gar die Königin des Himmels selbst, die uns auffordert, das Mahl zu verlassen und hinauszueilen, um sich an ihrem Glanze zu erfreuen — so kommt doch ins Freie; seit meiner Ankunft schon wünschte ich mir die herrliche Stadt im Lichte der untergehenden Sonne zu durchschreiten — kommt Leilah!" „Es ziemt sich nicht für die Jungfrau!" kam es gereizten Tones von den Lippen Samuels, „jetzt bei Sonnenuntergang mit einem fremden Manne in den Straßen der Stadt umherzugehen." „So wollen wir," warf Leilah wieder ein, „hinaus vor die Stadt in den Gärten lustwandeln." „Unser würdiger Gast hat vollkommen recht," nahm jetzt besänftigend Jochanan das Wort. „Was würde man in der Stadt sagen, begegnete jemand in der Dunkelheit der züchtigen Tochter dieses Hauses; unser Gast mag verzeihen." „Nun, so will ich denn allein mich des scheidenden Sonnenlichtes freuen! Nicht vergebens soll ihr Glanz mich locken!" Und rasch hatte er sich erhoben und war nach kurzen: flüchtigen Gruße an die Männer und mit einem bedauernden Seitenblicke nach Leilah hin, aus der Laubhütte hinausgeeilt ins Freie. Wonnige Kühle war dem glühend heißen Tage gefolgt und vom leisen Windhauch bewegt, rauschten die Zweige der Bäume, die an beiden Seiten die Straßen umsäumten, durch die der fremde Jüngling jetzt dahinschritt. Er achtete seines Weges nicht, hatte auch keinen Blick für die prächtigen Bauten und Denksäulen, an deren vollendeter Schönheit sich sonst sein schönheitsdurstiges Auge weidete — wie im Traume schritt er dahin — eine dunkle Macht schien ihn zu leiten, magische Gewalt zog ihn weiter, immer weiter, unbestimmtes. Ahnen eines nahen Glückes zog durch seine Seele und beflügelte seine Schritte — ein Ahnen von Wonne und Seligkeit, von Zauber und nie geahnten:, nie empfundenem Glücke.... schon längst hatte er den Stadtteil verlassen, in dem sei:: Gastfreund wohnte, war auch unbewußt an: Gotteshause vorübergeschritten, iu dem er gestern und ehegestern seinen: Herrn nahe war — wie in: wachen Traume schritt er dahin, ohne Plan und Ziel, nur dem dunklen Ahnen folgend, das in freudiger Lust seine Brust durchglühte und ihn geleitete — den: Unbekannten, den: Glücke entgegen. Er mochte wohl eine Stunde gegangen sein, die Sonne vergoldete mit blutrotem Glanze die Paläste und Villen der Stadt, tauchte in magische Farben die grünen Wipfel der

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