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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-21 · Heft 43 (21.10.1904) · p. Seite 513

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
Seite 513 (sequence 9)
Language
German
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welche ihm durch eine kleine Oeffnung hineingereicht wurden, in die Hand zunehmen, so daß er dem Hungertode geweiht gewesen wäre. Da erbarmte sich der Wächter seiner, und nachdem er früher den Juden eine beträchtliche Summe Geldes abgenommen hatte, führte er ihm dreimal täglich durch ein künstlich gearbeitetes Rohr Speise und Trank in den Mund. Und wie durch ein Gotteswunder gewöhnte sich auch ein Marder an den Unglücklichen und setzte sich ihm abwechselnd auf die Arme, so daß diese nach und nach gesundeten und er sie wieder bewegen konnte. Zwei Jahre lang saß nun schon Isaak in der Zelle, und die Juden eingesperrt und eingeschüchtert in: Ghetto, da starben durch Zufall einige Männer des Kollegiums am hitzigen Fieber, und dies hatte zur Folge, daß eine Deputation nach Rom geschickt ward. Papst Paul III. erklärte nun das ganze Blutmärchen für eine falsche Beschuldigung. Die Ausnahlnegesetze gegen die Juden von Ragusa wurden bald aufgehoben und Isaak Jeschurun befreit. Seither hat der fürchterliche Blutwahn das zauberhaft schöne Ragusa nicht mehr berührt. Die Mbel am Kilimandscharo. einem Lichtbilder-Vortrage, den der bekannte Afrikaforscher Schillings im vorigen Winter in der Berliner Kriegsakademie hielt, war auch die Rede von einer in Aussicht stehenden wissenschaftlich bedeutsamen Arbeit über die semitische Herkunft der Massai-Reger, deren Verfasser der preußische Hauptmann und Kompagniechef Merker sei. Das Buch ist jetzt unter dem Titel „Die Masai. Ethnographische Monographie eines ostafrikanischen Semitenvolkes" erschienen. Merker hat das Volk der Massai (oder der Masai, wie er es nennt) seit Jahren mit eisernem Fleiße beobachtet und er kann, wie von kompetenter Seite versichert wird, bei seinem jahrelangen, eingehenden, persönlichen Verkehr mit den Masai darauf Anspruch inachen, daß dev von ihm gemachten Forschungen die gebührende Wertschätzung zuteil wird. Die Urheimat der Masai sucht Merker im nördlichen Teile der arabischen Halbinsel. Er rechnet zu den reinen Masai die Vandorobbo, die Vaküafi und die El Masai, die in dieser Reihenfolge in drei mächtigen Heerhaufen in großen zeitlichen Zwischenräumen einwanderten und die nun Masaisteppen genannten, großen steinigen Flächen zwischen dem 34. und 38. Längengrade und dem 3. Grade nördlicher und dem 7. Grade südlicher Breite als Räuber-, Hirten- und Jägervolk besiedelten. Früher wurden die Masai meist den Hamiten zugerechnet; Merker zählt sie den Semiten zu und sagt darüber im ersten Kapitel seines Buches: „Ein Volk ist in bezug auf seine Raffe nach drei Gesichtspunkten zu beurteilen: nach seinen körperlichen Merkmalen, seinen Seelenvorgängen und ihren sichtbaren Aeußerungen und schließlich nach seiner Sprache. In ersterer Richtung hat Professor Dr. v. Luschan bereits die Masai als Semiten erkannt. Im zweiten Punkt glaube ich es im folgenden nachzuweisen, und, was die Sprache 'betrifft, so wird eine wohl gleichzeitig erscheinende Studie Decks darüber Klarheit schaffen." Hauptsächlich ist es ein Punkt, der geeignet ist, die Aufmerksamkeit weiter Kreise dem Buche in hohem Maße zuzuwenden. Merker hat in den Steppen des deutsch-ostafrikanischen Kilimandscharo nämlich Anklänge an die Bibel gefunden. Die Schöpfungsgeschichte lautet in der Fassung der Massai folgendermaßen: „Im Anfang war die Erde eine öde, dürre Wüste, in der ein Drache hauste. Da stieg Gott vom Himmel herab, kämpfte gegen den Drachen und besiegte ihn. Dort, wo Gott das Ungeheuer getötet hatte und sich dessen Blut ergoß, entstand das mit reichster Vegetation ausgestattete Paradies (kerio). Dann schuf Gott durch sein Schöpferwort Sonne, Mond, Sterne, Pflanzen und Tiere, und zuletzt ließ er das erste Menschenpaar entstehen." Darauf folgte das Gebot Gottes an das erste Menschenpaar, von den Früchten eines Baumes nicht zu essen. Aber als eines Tages Gott die Menschen nach seiner Gewohnheit wieder besuchte, da versteckten sie sich vor ihn:, und als er sie fand, gestand das Weib, daß sie auf den Rat der dreiköpfigen Schlange von den Früchten des verbotenen Baumes gegessen hätten; die Schlange habe ihnen gesagt, daß sie durch den Genuß der Früchte mächtig wie Gott werden würden. Gott ward zornig und sprach: „Weil ihr meinem Befehl nicht gehorcht habt, werdet ihr nun das Paradies verlassen. Die Schlange aber soll zur Strafe ewig in Erdlöchern wohnen." Und der Morgenstern ward von Gott gesandt, um die Menschen aus dem Paradiese zu vertreiben und an der Tür als Wache stehen zu bleiben. Als dann mit der Vermehrung der Menschen, über die sie eine dem Geschlechtsregister der Bücher Mosis ähnelnde Genealogie kennen, die Sünde der Menschen wuchs und der erste Mord unter ihnen begangen ward, sandte Gott nach einem Mythus der Masai die Sintflut. . Er befahl aber einem guten, frommen Manne, namens Tumbainot, einen Holzkasten zu bauen und mit seinen Angehörigen und einigen Tieren aller Arten hineinzugehen. Die Arche schwimmt auf den Fluten, nnd als die Lebensmittel knapp geworden sind, sendet Tumbainot eine Taube und einen Aasgeier aus, um den Stand der Fluten zu erforschen. Schließlich landet die Arche, als sich das Wasser verlaufen hat, in der Steppe. Der Regenbogen, bei den Masai ein vierfacher, begrüßt die Aussteigenden als ein Beweis, daß Gottes Zorn vorüber ist. Ferner finden wir in den Ueberlieferungen der Masai die Vorstellung der Himmelsleiter; während bei den Israeliten Jakob diese im Traum sieht, benutzt sie bei den Masai Gott, um auf ihr vom Himmel zun: Besuche der Menschen in das Paradies herabzusteigen. Auch den Kampf um die Erstgeburt kennen die Masaiüberlieferungen. Wie Gott bei den Israeliten den Befehl zur Beschneidung erteilt, so sprach er auch: „Die Masai sollen die Kinder beschneiden." Durch die Beschränkung der Beschneidung auf ihr Volk wird* sie für die Masai, ebenso wie für die Israeliten, zun: Stammesabzeichen. Den Befehl zur Beschneidung übersandte Gott durch Marumi, den Moses der Masai. Dieser verkündet ihnen auch von einem Berge die zehn Gebote. In diesen zehn Geboten der Masai finden wir das Gebot, nur den einen Gott zu haben und sich kein Gottesbild zu machen, ferner das Gebot, nicht zu töten, nicht die Ehe zu brechen. Andere Berührungspunkte in den Ueberlieferungen der Masai und des alten Testaments liegen darin, daß Gott den Menschen Seuchen als Strafen für ihre Schlechtigkeit sendet. Auch hat das erste Menschenpaar drei Söhne, von denen der eine — hier Sisia, in der Bibel Kain — sich in: Gegensatz zu den andern durch, seinen schlechten Charakter auszeichnet. Die Vergleichsmerkmale, die Merker zwischen den Ueberlieferungen der Masai und den in dem alten Testament niedergelegten fand, sind fast verblüffend. Einen Jrrtun: in wichtigen Punkten läßt die gewissenhafte Forschung Merkers ausgeschlossen erscheinen. Ebenso ist kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß durch Erzählungen von Arabern oder Missionären die alten Stammessagen und Religionsvorstellungen der Masai sich wesentlich geändert haben.

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