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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-21 · Heft 43 (21.10.1904) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
Seite 509 (sequence 5)
Language
German
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509 Das laufende Heft der „ Jewish (Juarterly Review“ enthält, wie gewöhnlich,. verschiedene höchst interessante, literarische Beiträge, worunter sich auch einer von Steinschneider befindet, der „Jüdische Literatur des Mittelalters" zur Aufschrift hat. Der Artikel ist in deutscher Sprache abgefaßt, und beschäftigt sich hauptsächlich damit, nachzuweisen, daß verschiedene Juden während der besagten Zeitepoche in orientalischen, klassischen, und modernen Sprachen größere oder kleinere literarische Arbeiten veröffentlicht haben. Freilich ist diese Tatsache heutzutage bekannt, aber man darf nicht vergessen, daß es Steinschneider selbst war, der sie vor etwa einem halben Jahrhundert zu allererst in mehr oder weniger ausführlicher Weise notiert hat. — Vor kurzem feierte Monsieur Philip Valentine sein fünfzigjähriges Jubiläum als Schuldiener in der aristokratischen GenNal Synagogue in London und da derselbe ein Unikum seiner Art ist, so dürften folgende kurze Notizen über ihn nicht ganz überflüssig sein. Mr. Valentine hat nämlich nicht allein sein Schuldieneramt während einer Periode von 50 Jahren getreulich versehen, sondern er hat sich auch, in einem gewissen Sinne, allen jüdischen Gemeinden des britischen Weltreiches literarisch nützlich gemacht. Er war nämlich der erste jüdische Buchdrucker und Verleger in England, der den Pentateuch, die täglichen und festtäglichen Gebete, und auch die sogenannten „Selichoth“ mit einer englischen Uebersetzung versehen druckte und im Selbstverlag verhältnismäßig billig verkaufte. Seit mehreren Jahren ist Mr. Valentine auch der Herausgeber eines jüdischen Kalenders (mb), welch letzterer noch bis zum heutigen Tage eine überaus nützliche Rolle in den jüdischen Gemeinden Englands spielt. Zu einer Zeit zählt seine Gemeinde zu ihren Mitgliedern sieben jüdische Barone, sechs jüdische Parlamentsmitglieder, einige Aldermen (Ratsherren) der Londoner City, ein Mitglied der Royal ^.eademy und einen jüdischen Solicitor-General of England. Als Knabe sah Mr. Valentine häufig ' den einstigen Londoner Chief-Rabbi, Salomon Herschell, der bekanntlich über die zu seiner Zeit in London sich bildende jüdische Reformgemeinde den' Bann verhängte, der bis zum heutigen Tage in der Theorie noch existiert. Rabbi Herschell bediente sich stetst des jüdisch-deutschen Dialekts, und wenn er in seltenen Fällen eine für ihn abgefaßte englische Rede hielt, oder vielmehr vorlas, so hörte sie sich wie ein Kauderwelsch au, das niemand verstand. Wir dürfen wahrlich mit gutem Rechte ausrufen: „Gepriesen sei, der die Zeiten geändert!" Ls?ar %. Lrodsky. Von Leon A. Trachtenberg. Odessa,, 23./O. Oktober, as russische Judentum hat einen herben, unersetzlichen Verlust erlitten. Der weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus bekannte Philantrop Kommerzienrat Lazar Jsraelowitsch BrodskY ist am 2. d. Mts. im 56. Jahre seines Lebens in Basel bei seiner ältesten Tochter, Frau Dreyfus- Brodsky, gestorben! Wer den viel zu früh Dahingegangenen kannte, mußte ihn schätzen und achten. Ein warmfühlendes Herz für seine unglücklichen, verfolgten Glaubensgenossen besitzend, deren trostlose Lage und Elend ihn tief ergriffen, in den Fußtapsen seines Heimgegangenen edlen Vaters, des sel. Israel M. BrodskY, des Gründers des großen, bedeutenden Zuckergeschäftes in Rußland, wandelnd, besaß der Verblichene einen gesunden Menschenverstand, dem Wohle der leidenden Menschheit gewidmet, verbunden mit einer rastlosen Energie, die wir an ihm stets bewundertem Der Inhalt seines leider so kurzen Lebens war ganz dem Wohle seiner unglücklichen, gehetzten Brüder gewidmet, die er mit aller Macht seines Geistes aus dem Elend ihres verkümmerten Daseins Herausreißen wollte, um ihnen eine bessere und schönere Zukunft zu bieten. Aber nicht nur seine Glaubensgenossen allein waren des edlen Mannes Ziel, nein! Wer es auch sein mochte, ob Christ oder Jude, das war ihm ganz gleich; er hatte stets nur das Wohl des leidenden, unglücklichen Menschen vor Augen. Aber nicht nur einzelne Personen oder ganze zahlreiche Familien tatkräftig zu unterstützen galt sein menschenfreundliches Wirken, sondern solche Institute ins Leben zu rufen, die der Gesamtheit gewidmet sind, und ihr moralisches, ökonomisches und religiöses Leben zu heben und zu erweitern. Lazar I. BrodskY wurde in Slatopol (Kiewer Gouvernement) am 26. August 1848 geboren. Sein Großvater R. Meir aus Brody (daher die Familie BrodskY), ein Sproß und Enkel des in Galizien berühmten Geschlechts Zewi Schorr, ging in seiner frühesten Jugend nach Rußland und ließ sich in der kleinen Stadt Slatopol nieder. Dessen ältester Sohn Israel, ein kluger und überaus energischer Mann, wählte den Zuckerbetrieb, dessen Zukunft voraussehend, als Lebensberuf. Unter seiner persönlichen Leitung, und vom Glücke begünstigt, brachte er die Fabrikation des Zuckers zu einer hohen Stufe, und ließ beim Tode feinen beiden Söhnen, dem eben verstorbenen Lazar und dem Sohne Leon, ein Vermögen von vielen Millionen zurück. Dieselben leiteten das große Geschäft, (eines der größten in Rußland) in solcher Weise, daß sie das Kapital vervierfachten. Israel BrodskY war ein frommer Mann, ein Jude mit Leib und Seele, ein Mensch im edelsten Sinne des Wortes, der stets ein offenes Herz und eine freigebige Hand besaß, und der sehr viel Gutes tat. Unter den vielen Stiftungen, die er in Kiew und in seiner Vaterstadt Slatopol gründete, ragt besonders das große, prachtvolle jüdische Hospital in Kiew hervor. Er sowohl wie seine beiden Söhne waren stets eifrige und rastlose Vertreter ihrer unglücklichen Glaubensgenossen. Der echte jüdische Geist der Wohltätigkeit, im schönsten und erhabensten Sinne des Wortes, verkörperte sich in sämtlichen Mitgliedern der Familie. Auch der zweite Bruder, der selige Abraham M. BrodskY, der hier in Odessa eine Reihe von Jahren als Stadtrat und Stadtverordneter, wie als ein unermüdlicher Vertreter der jüdischen Gemeinde wirkte, war ein Philantrop und gründete mehrere jüdische und allgemeine Stiftungen, die heute noch Zeugnis von seinem guten Herzen ablegen. Doch kehren wir zu dem eben Verschiedenen zurück, dessen frühen Tod wir aufrichtig beklagen. Mit vollem Rechte können wir aus den Entschlafenen, dessen sterbliche Hülle morgen schon auf dem jüdischen Friedhofe in Kiew ihre letzte Ruhestätte finden wird, ausrufen: „Ein großer Mann ist gefallen!" Er hat in der verhältnismäßig kurzen Spanne der Zeit, welche sein Leben ausmacht, viele Tränen getrocknet, darum weinen ihm bei seinem frühen Scheiden Viele Tränen nach! — Der Heimgegangene war einer der grö ßten Zuckerfabrikanten in Rußland. Die bekannte Alexandrowffche Zuckergesellschaft, die in Odessa eine sehr große Zuckerfabrik besitzt, gehört ihm und seinem Bruder Leon. Außerdem gehörten ihnen mehr als fünfzehn Zuckerfabriken in verschiedenen Gouvernements. Er besaß ein bedeutendes Vermögen und einen sehr großen Grundbesitz. Er hatte einen erstaunlichen Geist und war ein überaus tüchtiger Geschäftsmann.

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