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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-21 · Heft 43 (21.10.1904) · p. Seite 508

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
Seite 508 (sequence 4)
Language
German
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508 „Nußj" gegenüber sich mit der Auslegung seiner politischen Intentionen in der ausländischen Presse wenig zufrieden erklärt. Diese Mitteilung ist um so überraschender, als die von dem Minister gemachten Aeußerungen über das von ihm zu erwartende Regime an Klarheit nichts zu wünschen übrig ließen und eine mißverständliche Auffassung eigentlich von vornherein ausgeschlossen ist. Denn besser können ja die Pläne des neuen russischen Machthabers gar nicht illustriert werden, als durch seine Maßnahmen, die doch offenbar eine Aenderung der russischen Politik im günstigen Sinne nicht verkennen lassen. Die Aeußerungen des Ministers klingen deshalb etwas orakelhaft. Er sagte über die Nationalitätenfrage: „Wenn man aus dem Standpunkt steht, daß die Interessen der russischen Bevölkerung zu schützen sind, so muß man darin ein gewisses Maß halten, um andere Personen nicht empfindlich zu schädigen. Wir haben leider viele Gesetze, die denjenigen, für die sie geschaffen sind, wenig von Nutzen sind, dagegen anderen Leuten, aus die sie angewandt werden, harte Entbehrungen auflegen. Darin muß ein Ausgleich angestrebt werden." Im übrigen ist die Nachricht aus Petersburg, daß den aus Rußland auswandernden Juden auf Verfügung der Regierung ein besonderer Eisenbahntarif bewilligt worden ist, nicht aus den neuen Minister, sondern noch auf das Regime Plehwe Zurückzuführen, der bestimmte, daß bei Vorweisung einer Bescheinigung der Jüdischen Kolonisationsgesellschaft den Auswanderern auf allen russischen Bahnen für sich und ihr Gepäck der Tarif eines Kinderbillets dritter Klaffe gewährt werden soll und zwar solle dieser Tarif nicht nur bei einzelnen Personen, sondern auch bei ganzen Gruppen Anwendung finden. Ortet aus Lnglsnd. Von Rev. Dr. Chotzner. ie in diesen Blättern bereits kurz berichtet wurde, fand in der Woche vom 21. bis 28. August im Montefiore College, Ramsgate, zum zweitenmal eine Sommersitzung der Leiter der jüdischen Literaturvereine Englands statt, die recht befriedigend ausfiel. Denn nicht allein waren die dort gehaltenen Vorträge interessant und anziehend, sondern sie wurden auch von einer zahlreichen Zuhörerschaft lebhaft applaudiert. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, daß einige der bedeutendsten englischen Tagesblätter täglich über den Inhalt der in den Sitzungen gehaltenen Vorträge Bericht erstatteten und meistens auch längere Auszüge aus den letzteren brachten. Dies ist jedenfalls ein Kornpliment von seiten der nichtjüdischen englischen Presse, das hervorgehoben zu werden verdient. Die Herren, die Vorträge hielten, waren: der gefeierte Kanzelredner Dr. Emil Hirsch aus Chicago; Mr. Israel Abrahams, Dozent an der Universität in Cambridge; Professor Israel Gollancz; der bekannte jüdische Gelehrte Mr. Elkan Adler; Reverend Morris Joseph, Prediger der Reformgemeinde in London; Dr. S. Hirsch, Dozent am Jews' College in London und der Schreiber dieser Zeilen. Es ist selbstverständlich ganz unmöglich, in einem in Briefform abgesaßten Bericht selbst nur gedrängte Auszüge aus den verschiedenen, in dieser Sommersitzung gehaltenen Vorträgen und Reden zu geben, doch sei mir gestattet, hier nur einige wenige hervorzuheben, deren Inhalt einer besonderen Beachtung würdig ist. Dr. Emil Hirsch, der den ersten und einleitenden Vortrag hielt, sprach eingehend über den außerordentlichen Wert der allgemeinen jüdischen Literatur, und vorzugsweise über den der- Bibel. Letztere, sagte Redner, nehme den ersten Platz in allen vorhandenen Literaturen ein, und übertreffe diese an Reichhaltigkeit des Inhalts und an Schönheit der Form und des Stils, Auch meinte er, daß die Welt eher die Kunst der Griechen und das Gesetz der Römer hätte vermissen können, als die genialen Lehren und Unterweisungen der Propheten, die das Gemeingut der gesamten zivilisierten Welt geworden sind. Solche Lehren und Unterweisungen hätten alles das berührt, was das menschliche Geschlecht zu edlem Denken, Fühlen und Schaffen stets aneifert, und sie seien daher eine unversiegbare Quelle der irdischen und himmlischen Seligkeit. Mr. Israel Abrahams, der den zweiten Vortrag hielt, sprach über „das Wanderleben der Juden im Mittelalter" und schilderte in gewohnter anziehender Weise manche Umstände, die verschiedene Juden, deren Namen einen guten Klang in jüdischer Geschichte haben, veranlaßten, ihre Heimat zu verlassen und in einem fremden Lande ihr Glück zu suchen. Unter letzteren erwähnte er auch Abraham ben Esra, der das wunderschöne Spanien verließ, weil Fortuna ihm daselbst nicht lächelte, und sich in London niederließ, wo das häufige nebelige und regnerische Wetter zur anhaltenden Melancholie die größte Veranlassung gibt. Obschon Jbn Esra in der englischen Metropole das gesuchte Glück nicht fand und vielmehr stets reich an Geldmangel war, so verließ den Witzbold die heitere Laune doch nicht. In dieser Laune dichtete er wahrscheinlich das charakteristische hebräische Gedichtchen, worin er in schalkhafter Weise sich über sein permanentes Mißgeschick lustig macht. Handelte ich mit Totenkleidern, sagt er daselbst, so würde gewiß jahraus jahrein niemand sterben, und wäre der Lichtverkauf mein Geschäft, so würde die Sonne scheinen bei Tag und bei Nacht. Redner erwähnte auch en passant die Tatsache, daß manche Juden des Mittelalters direkt und indirekt zur Entdeckung Amerikas ihr Scherflein beigetragen haben. Letzterer Punkt wurde auch von Mr. Elkan Adler in seinem Vortrage kurz berührt, der „die Romanze des hebräischen Buchdrucks" zum Gegenstand hatte. Der Vortrag war höchst interessant und ist jüngst im „Jewish Chronicle“ in extenso abgedruckt erschienen. Sehr originell war Professor Gollanczs Vortrag, der „Das (englische) Drama und die Bibel" zum Thema hatte. Professor Gollancz versuchte darin nachzuweisen, daß verschiedene englische Dramatiker des Mittelalters Erzählungen und Redewendungen der Bibel in ihren eigenen dramatischen Stücken mit gutem Effekt verwertet haben. Dasselbe, meinte er, habe auch Shakespeare in geringerem Maße und in verstellter Weise getan, und daher seien einige seiner vorzüglichsten Dramen, wie die Bibel selbst, ewig jung und frisch, und besitzen heute noch dieselbe Anziehungskraft, die ihnen vor Jahrhunderten eigen war. Zu dem herrlichen Diadem der klassischen englischen Literatur habe die Bibel unstreitig gar manche literarische Perle beigesteuert, die in den buntesten Farben glänzt. Das bisher Gesagte dürfte wohl genügen, um den Lesern einen Begriff von der literarischen Tätigkeit zu geben, die die diesjährige Sommersitzung der englischen „Union of Jewish Literary Societies“ entfaltet hat. Ich möchte jedoch noch bemerken, daß der Verein dem Beispiele des jüdisch-literarischen Vereins in Deutschland folgte, und jüngst ein Jahrbuch veröffentlichte, das verschiedene lesenswerte Essays enthält, die im Laufe des Jahres von Mitgliedern des Vereins als Vorträge gehalten wurden. All dies weist auf die Regsamkeit und Fähigkeit unseres Vereins hin, und jeder, der daran direkt und indirekt beteiligt ist, wünscht ihm wohl gerne ferneres Gedeihen. — . . '

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