Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228625--61190-3275001- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
507 Die Woche. Berlin, 18. Oktober, ie verschieden die Beurteilung jüdischer Angelegenheiten je nach dem politischen Parteistandpunkte sich gestaltet, das zeigte sich in dieser Woche an einem drastischen Beispiel. Zu der Nachricht, die durch alle Blätter ging, daß der Verband deutscher Juden beim Handelsminister dahingehend vorstellig geworden sei, daß bei der beabsichtigten Regelung der kommunalen Schlachthäuser den Gemeinden die Möglichkeit entzogen werde, aus eigener Machtvollkommenheit das Schächten zu verbieten, und erklärt habe, daß derartige Verbote als Eingriff in die verfassungsmäßig gewährleistete Gewissensfreiheit der orthodoxen Juden angesehen werden müßten, bemerkt die gesinnungstüchtige „Deutsche Tageszeitung" lakonisch: „Bescheiden sind unsere „Mitbürger" bekanntlich nicht." Wohingegen die „Germania" der Notiz den Satz hinzufügt: „Von diesem Gesichtspunkte aus müssen wir ebenfalls ein Verbot des rituellen Schächtens für unzulässig erachten." * Eine Beschwerde gegen den Kriegsminister geht durch die Blätter. Der Stabsarzt der Reserve Dr. Lachmann in Berlin hat im Mai dieses Jahres nachstehende Beschwerdeschrift bei dem Königlichen Bezirkskommando eingereicht: An das Königliche Bezirkskonunando III, Berlin. Am 7. März d. I. haben im Reichstage die Abgeordneten Liebermann v. Sonnenburg und Böckler gegen die jüdischen Soldaten, Offiziere, ja selbst gegen die jüdischen Veteranen der letzten Feldzüge, die im Besitze der höchsten Kriegsehrenzeichen sind, Schmähungen der gröblichsten Art gerichtet. Die Abgeordneten haben die jüdischen Soldaten der Kriegsuntüchtigkeit, Feigheit und Unlust am Heeresdienste geziehen und dieselben vor dem Reichstage und dem deutschen Volke der Lächerlichkeit preisgegeben. Se. Exzellenz der Kriegsminister v. Einem hat zu diesen schmählichen Angriffen, die> bei ihrer Haltlosigkeit und Unwahrheit leicht zurückzuweisen waren, geschwiegen. Ich fühle mich als Stabsarzt der Reserve und der mosaischen Religion angehörend, durch dieses Schweigen des Kriegsministers in meiner Ehre gekränkt und erhebe Beschwerde darüber, daß ich als Angehöriger der Armee bei diesen schmachvollen Angriffen von dem Vertreter der Armee im Reichstage nicht in Schutz genommen worden bin. Trotzdem ich fast achtzehn Jahre dem Heere aktiv und in der Reserve angehöre, und weder mein Mut noch meine Liebe zum Vaterlande angezweifelt werden kann — ich habe, wie die dortigen Akten ergeben, im Jahre 1892 mit eigener Lebensgefahr ein Kind vom Tode des Ertrinkens gerettet, habe mich im Jahre 1900 freiwillig nach China gemeldet — ist das Verhalten des Herrn Kriegsministers für mich Grund dafür gewesen, jetzt meinen Abschied zu erbitten. Wenn ich die Ehre habe, Sanitätsoffizier des Heeres zu sein, so glaube ich auch ein Anrecht darauf zu haben, bei so maßlosen Angriffen an einem Orte, an dem ich mich nicht selbst verteidigen kann, von dem berufenen Vertreter der Armee verteidigt zu werden. Ich erhebe aus diesem Grunde Beschwerde gegen Seine Exzellenz den Kriegsminister v. Einem und bitte ganz gehorsamst, diese meine Beschwerde höheren Orts zu unterbreiten und unterstützen zu wollen. Dr. Lachmann, Stabsarzt der Reserve. Gleichzeitig erbat Dr. Lachmann seinen- Abschied, der ihm durch allerhöchste Kabinettsordre vom 20. Jnli bewilligt wurde. Auf seine Beschwerde ist ihm ein materieller Bescheid nicht zuteil geworden. Auf eine Anfrage erwiderte ihm das Bezirkskommando, daß es die bezügliche Beschwerdeschrift an die bezügliche Stelle im Kriegsministerium abgegeben habe; zweifellos werde der Herr Kriegsminister Kenntnis erhalten beziehungsweise erhalten haben; eine formelle. Beschwerde, wie in anderen Fällen, sei in diesem Falle unstatthaft. Eine weitere Anfrage, weshalb eine formelle Beschwerde in diesem Falle unstatthaft sei, blieb unbeantwortet. An diesem Tatbestände ist nicht die — wohl unbedenklich zu bejahende — formelle Zulässigkeit der Beschwerde, sondern ihr materieller Inhalt und das vom Kriegsminister trotz dieser Beschwerde beobachtete Stillschweigen von Interesse. Daß es' eine Pflicht gewesen wäre, sofort in jener Reichstagssitzüng die Schmähungen der antisemitischen Abgeordneten auf die jüdischen Heeresangehörigen energisch zurückzuweisen, kann keinem Zweifel unterliegen. Wie die Angriffe der Sozialdemokraten aus die Offiziere jedesmal mit Worten schneidiger Abwehr beantwortet wurden, so hätte man auch die Verunglimpfung der Juden im Heere, die ihre Pflicht in Krieg und Frieden jederzeit treu erfüllt haben und erfüllen, mit gebührender Schärfe zurückweisen sollen. Allein, das sind alles Tatsachen, die nicht erst durch die obige Beschwerde bekannt werden. * ’ Zur Behandlung deutscher Geschäftsleute jüdischen Glaubens in Rußland bringt eine deutsche Fachzeitschrift, die von Eduard Riesen in Dresden herausgegebene Fachzeitschrift „Künstliche Blumen" im 22. Hefte einen „Ein verkanntes Mittel zur Förderung unseres Auslandsgeschäftes" überschriebenen Artikel, dessen Verfasser über einen Meinungsaustausch berichtet, den er über diesen Gegenstand mit dem weitgereisten bayrischen Professor Martin Hingerl hatte. Er sagt dabei: „Wie viele Länder gibt es, wo der deutsche Kaufmann betrogen, gemißhandelt, ausgebeutet und zurückgesetzt wird, ohne daß unsere Negierung energische Maßregeln ergreift? Professor Hingerl, ein guter Deutscher, weist mit Empörung auf die Chikanen hin, denen die deutschen Geschäftsleute jüdischen Glaubens in Rußland ausgesetzt sind. Das lassen unsere Gesandten und Minister zu, weil sie nicht ahnen, daß gerade dieser jüdische Kaufmann der Förderer deutschen Wirtschaftslebens und deutscher Sprache ist, dem wir auch im Orient viel verdanken. Das sagt ein Katholik, und ich, ein Protestant, unterschreibe es, um ähnlicher-Erfahrungen willen. Die Chikanen, die uns Rußland zugefügt hat und noch zufügt, weil jene Kaufleute jüdischer Religion sind, kosten uns Millionen. Unser Handel würde sich um Millionen heben, wenn diesen Chikanen ein Ende genlacht würde. Rußland würde selbst dabei profitieren. Es ist ein Blödsinn in derlei Dingen von Religion zu reden; es handelt sich um unsere Landsleute, um unseres Vaterlandes Wohlergehen. Würde hiernach gehandelt, so. hätte man der russischen Regierung längst schon von Berlin aus mit dem nötigen Nachdruck begreiflich gemacht, daß deutsche Staatsbürger, Leute, die Deutschlands Handel und Industrie nützlich sind, nicht in der von Rußland beliebten Weise behandelt werden dürfen. Jene chikanierten Vertreter unseres Geschäftsleoens kennen ihr Publikum und überwinden Schwierigkeiten.mancher Art, an die man draußen nicht denkt. Wer weiß, .wie viel Langmut ein Kaufmann im heutigen Rußland haben muß, bevor er zum Ziele, zmn Geschäfte kommt, der erwägt, daß. wir ein Bindeglied, dessen wir nicht entraten können, stützen müssen. Unser Auslandsgeschäft muß zu den sonstigen Sorgen des Konkurrenzkampfes auch noch den Ballast der Chikanen tragen, mit denen gewisse Staaten im Angesichte der Kratzfußpolitik des mächtigen Deutschen Reiches die jüdischen Angehörigen des letzteren aus angeblichen nationalen und religiösen Rücksichten zu belasten wagen. Gegen solchen Schimpf, den Nationen uns antun, die hinter uns zurückstehen, die unseres Wirtschaftslebens, unserer Geld- und sonstigen Hilfe dringend benötigen, müssen nur Front machen!" $ Der neue Kurs in Rußland scheint schon auf Widerstand — wahrscheinlich in höheren Regionen — zu stoßen. Der neue russische Minister des'Innern hat. einem Mitarbeiter des