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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-21 · Heft 43 (21.10.1904) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 43 (21.10.1904)
Date
1904-10-21
Page
Seite 506 (sequence 2)
Language
German
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506 der gesamten städtischen Bevölkerung. Die starken und erwerbsfähigen Männer verlassen in großen Schären die Heimat, während die Frauen und die Minderjährigen zu Hause bleibett. So führt die Emigration die Verschlechterung der ökonomischen Lage der-russischen Juden im allgemeinen herbei. . Nebst der großen und sehr folgenschweren Auswanderung findet beständig eine starke Verschiebung der jüdischen Bevölkerung auch innerhalb des Ansiedlungsrayons selber statt. Ein Vergleich mit früheren Volkszählungen ergibt nämlich die hochinteressante Tatsache, daß die Zahl der Juden innerhalb 17 Jahren in den westlichen Gouvernements nur um 7,5, in den Mittlern Gouvernements dagegen um 29,3 und in den östlichen Gouvernements gar um 46,8 Prozent gestiegen ist. Es findet also fortwährend eine innere Emigration statt, wobei sich die jüdische Bevölkerung allmählich von Nordwesten nach Südosten vorschiebt. Wovon leben nun diese Millionen Juden und was treiben sie? Der Beantwortung dieser Frage ist das ganze Buch gewidmet, das gewiß bahnbrechend wirken und gleiche Schriften über die Juden in Galizien, Ungarn und Rumänien zur Folge haben wird. Der uns knapp bemessene Raum gestattet uns nur einige Zahlen ohne allen Kommentar mitzuteilen. Zunächst geben wir die überraschende Tatsache wieder, daß die russischen Juden, denen das Wohnen aus dem flachen Lande untersagt und die Beschäftigung mit der Landwirtschaft somit nahezu gesetzlich verboten ist, dennoch Mittel und Wege gefunden haben, Acker- und Gartenbau zu treiben. Nicht weniger als 200 000 Juden ernähren sich in Rußland von der Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte! Von diesen leben 76 000 in 296 Kolonien, wo sie gegen 115 000 Hektar Land bebauen. Der Rest treibt in kleineren Städtchen Gartenbau und Viehzucht oder arbeitet als Knechte im Tagelohn. Gegen 780 000 Juden suchen sich ihr kärgliches Brot als Handwerker oder ungelernte Arbeiter zu verdienen, wobei die Zahl der Handwerker allein . auf 684 000 angegeben wird. Rechnet man alle Juden im Alter von über 10 Jahren als bereits erwerbsfähig, so ergibt sich, daß nicht weniger als 21 V//o aller erwerbsfähigen Juden als Handwerker oder Tagelöhner arbeiten. Daß bei einer solchen Ueberfüllung das Handwerk keinen goldenen Boden hat, braucht wohl kaum besonders hervorgehoben zu werden und es ist nur bezeichnend für die hilflose Lage der russischen Juden, daß die Zähl der Handwerker seit 1887 dennoch enorm, in manchen Städten um mehr als 5% gestiegen ist. Was sollen die Armen, denen der Staat all und jede Bewegungsfreiheit geraubt hat, auch sonst beginnen, als immer wieder und wieder zum Handwerk zu greifen! Sollen sie etwa als Fabrikarbeiter gehen, wo sie den Sabbat entweihen und die ganze Woche über von ihren christlichen Arbeisgenossen gehänselt werden? Die Zahl der jüdischen Fabrikarbeiter ist daher in Rußland äußerst gering und dürfte 34 000 kaum übersteigen. Die russischen Juden leben also in ihrer überwiegenden Mehrheit entweder als Handwerker oder als Luftmenschen, ohne jede sichere Grundlage unter den Füßen; dementsprechend ist auch die Zahl der völlig Armen unter ihnen. Während in Deutschland die unterstützungsbedürftigen Armen 3,3, in England 2,9, und in den Vereinigten Staaten von Nordamerika nur 0,14 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, haben im Jahre 1898 in Rußland nicht weniger als 150 000 jüdische Familien mehr oder weniger unterstützt werden müssen. Gegen 20°/o aller russischen Juden ist außerstande, sich ohne fremde Hilfe zu ernähren. Dieser herzzerreißenden Tatsache gegenüber muß jedoch andererseits konstatiert werden, daß die russischen Juden ihr Schicksal keineswegs stumpfsinnig ertragen. Vielmehr bieten sie alles aus, um die Not zu lindern und die fortschreitende Proletarisierung des Volkes nach Kräften aufzuhalten. Ueber 2000 jüdische Vereine und Wohltätigkeitsanftalten arbeiten Hand in Hand mit der in , Rußland in hohem Grade entwickelten privaten Wohltätigkeit, suchen die verhungernden jüdischen Massen solange zu unterstützen, bis eines Tages auch im Osten die Sonne der Freiheit aufgehen wird. Sehr interessant ist auch das Schlußkapitel über das jüdische Unterrichtswesen. Von den 696 000 jüdischen Kindern im schulpflichtigen Alter werden 343000 in 24540 Chedarim, 20 000 in 500 Talnmd-Thoraschule unterrichtet. Dazu kommen 107000 Kinder, die in 820 modernen Volksschulen (darunter 183 staatliche) und 20000 in den allgemeinen Volksschulen unterrichtet werden. 206000 Kinder bleiben ohne jeden Unterricht. Diese Kinder sind aber nur weiblichen Geschlechts, da die Knaben für alle Fälle in Chedarim und Talmud-Thoraschulen Unterkunft finden. Der Unterricht ist übrigens keineswegs so billig. Das „Chedergeld" beträgt im Durchschnitt 2Vs Rubel monatlich, und das russische Judentum wendet für die Unterhaltung seines veralteten Cheders nicht weniger als 11 Millionen Rubel jährlich an. Die Zahl der jüdischen Gymnasialschüler belief sich im Jahre 1894 auf 5281 gegen 9582 im Jahre 1881. In 14 Jahren ist infolge der prozentualen Beschränkung die Zahl der jüdischen Gymnasiasten um 4301 vermindert, worden. Weniger verderblich hat dieselbe Beschränkung auf die Zahl der jüdischen Studenten gewirkt. Dieselbe ist trotz aller Ausnahmeverbote von 1232 im Jahre 1886 auf 1757 gestiegen. In Prozenten ausgedrückt, hat aber auch hier eine starke Abnahme stattgefunden, denn das Verhältnis zwischen der Zahl der jüdischen und nichtjüdischen Studierenden ist inzwischen von 14,8 auf 10,9 Prozent zurückgegangen. Es braucht wohl kaum besondershervorgehoben zu werden, daß das in dem Buche aufgehäufte enorme Zahlenmaterial nicht von einem einzelnen zusammengetragen sein konnte. Die „Sammlung von Materialien über die ökonomische Lage der Juden in Rußland" ist in der Tat ein Werk, an dem unter Leitung eines Redaktionsstabes nicht weniger als 1000 Korrespondenten aus allen Teilen des Ansiedlungsrayons gearbeitet haben. Die Konzeption des Buches und die ersten Pläne zu seiner praktischen Verwirklichung wurden 1898 von Emil Meyerson, dem jetzigen Direktor der 1. 6. A. für Rußland und Palästina, entworfen. Auf Grund dieses Entwurfes schritten dann die Herren Bramson, Bjelkowski, Brutzkus, Ettinger, Frumkin, Janowski, Kroll, Posner und Sternberg^ unter Redaktion der Herren Meyerson, Bramson, Posner und Janowski zur Ausarbeitung des gesammelten Materials wie der einzelnen Abschnitte. Zänächst haben wir aber die Schaffung des Werkes der J. C. A. zu verdanken, welche seit sieben Jahren bei keinem großen, das gesamte Judentunr tangierenden Unternehmen fehlen zu wollen scheint. Angesichts der Schaffung und der Herausgabe dieses großen jüdischstatistischen Werkes werden sich wohl auch selbst ihre schärfsten Gegner mit ihr versöhnen, obwohl auch an dieser jüngsten - hervorragenden Leistung der „Jüdischen Kolonisationsgesellschaft" die wohlmeinende Kritik ettpas auszusetzen hätte, nämlich, daß das Werk nur in russischer Sprache erschienen ist. Gleichviel. Das Buch hat das Licht der Welt erblickt, und wir wollen uns nicht die Freude daran verderben, daß dies in Petersburg erfolgt ist. Jedes Buch kann schließlich übersetzt werden. Mögen diese Zeilen dazu beitragen, daß die Uebersetzung ins Deutsche recht bald erfolgt, damit auch das nichtrussische Judentum an demselben seine Freude haben kann.

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