Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1904)
- Date
- 1904-10-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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3. Jahrgang. No. 43, Berlin, 21. Oktober 1904. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav Tkarpele». Begründet von Rabbiner 9* Ludwig Philippson. Verlags - Expedition: Berlin, Jerasalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Ierusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Lur Milchm LtstiltiK. Berlin, 17. Oktober, ir haben bereits wiederholt mitgeteilt, daß die Jewisli Colonisation Association ein umfangreiches Werk zur Statistik der Juden in Rußland vorbereite. Dieses Buch ist nun soeben erschienen. Es ist ein ebenso wichtiges wie bedeutsames Werk, das die allgemeine Aufmerksamkeit heraussordert. Ja, die „Sammlung von Materialien über die ökonomische Lage der Juden in Rußland"x) ist eine sozial - Politische Tat, dazu bestimmt, unser Rüstzeug zu vervollständigen und dem ersten Postulat eines jeden Krieges, der genauen Kenntnis der eigenen Kräfte, zu genügen. Wir haben diese unumgängliche Forderung bisher in fast unverantwortlicher Weise vernachlässigt. Obwohl wir seit einem Vierteljahrhundert gegen einen übermächtigen Feind zu kämpfen haben, sind wir infolge des Fehlens einer jeden Statistik über Juden und Judentum im allgemeinen über den Umfang unserer Kräfte nur sehr mangelhaft unterrichtet. Da sind beispielsweise die Juden Rußlands, deren Schicksal uns unablässig beschäftigt und deren Emigration bereits das Leben fremder Völker zu tangieren beginnt. Was wissen wir über diese Glaubensgenossen, die mit den in vier Weltteilen begründeten Kolonien nahezu nj4 des gesamten jüdischen Volkes bilden? Zu unserer eigenen Beschämung müssen wir bekennen, daß wir über sie ebenso gut wie gar nichts wissen! Jeder, der sich mit der Judenfrage in ihrer Totalität befaßt, wird bestätigen, wie sehr ihn diese Unkenntnis auf Schritt und Tritt geniert hat und wie jeder von uns durch Sammlung von Zeitungsnotizen und sonstigen nur halbbeglaubigten Nachrichten sich zu behelfen suchte. Die vorliegende „Sammlung von Materialien über die ökonomische Lage der Juden in Rußland" wirft ein Helles Licht in dieses Dunkel. In einem Umfange von mehr als 75 großen Druckbotzen ist eine kaum geahnte Fülle von Material zusammengetragen worden, die das klassische Buch auf Jahrzehnte hinaus zur unentbehrlichen Quelle, macht für jeden, der sich mit der Judenfrage beschäftigt. Die Zahl der Juden, ihre Verteilung über Stadt und Land, sowie ihre Wanderung innerhalb des ihnen Angewiesenen Wohngebietes, ferner Zahl und Umfang der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien, deren Entstehung und weitere Entwicklung, alles das wird dem Leser nach zuverlässigen Quellen in wohltuender Uebersichth Sammlung von Materialien über die ökonomische Lage der Juden in Rußland. Heransgegeben von der „Indischen Kolonisationsgesellschaft". 2. Bände. St. Petersburg 1904. lichkeit geboten. Ein sehr breiter Raum von 210 Seiten ist für die Juden als Handwerker und ungelernte Arbeiter reserviert und ein weiterer ebenso umfangreicher Raum den jüdischen Fabrikanten und Fabrikarbeitern gewidmet. Die beiden letzten Abschnitte des umfangreiches Buches befassen sich mit der ethischen Seite des russischen Judentums. Einleitend wird auf 18 Seiten in kühler zahlenmäßiger Darstellung, die aber durch ihre Leidenschaftslosigkeit umso ergreifender wirkt, ein Bild von der jüdischen Armut entworfen, um dann die zur Milderung dieser Armut bestehenden Vereine und Anstalten ausführlich zu besprechen. Der sechste und letzte Abschnitt beschäftigt sich mit den von den Juden aus eigener Initiative errichteten und mit eigenen Mitteln unterhaltenen Bildungsanstalten (Cheder, Talmud-Thora- und Volksschulen), die unter dem schweren Druck des russischen Golus weit davon entfernt sind, ein Bild der Vollkommenheit zu sein. Wir müssen uns leider versagen, über das gesamte in dem Buche massenhaft angehäufte Material an dieser Stelle auch nur referierend zu berichten. Nur die' allerinteressantesten Daten sollen hier wiedergegeben werden. Die Zahl der russischen Juden belief sich bei der allgemeinen Volkszählung von 1897 auf 5 189 401, von denen 4 874 636 93,9 Prozent im Ansiedlungsrayon wohnen. Ein Vergleich mit der früher stattgehäbten Volkszählung ergibt, daß die Juden in Polen in acht Jahren um 16,1 Prozent, die im übrigen Ansiedlungsrahon in 17 Jahren um 22,2 Prozent zugenommen haben. Die nichtjüdische Bevölkerung des letztgenannten Gebietes weist aber für diese Zeit eine noch weit stärkere Zunahme, nämlich von 26 Prozent auf. Danach könnte man wohl berechnen, wieviel Juden während der siebzehn Jahre Rußland verlassen haben. Welche enorme Verwüstung die Emigration unter den russischen Juden bereits angerichtet hat, beweist der unverhältnismäßig hohe Prozentsatz der Frauen, sowie der Männer im noch nicht erwerbsfähigen Alter von unter 20 Jahren. Es kamen 100 Frauen im Gouvernement Wilna auf je 92,2, im Gouvernement Witebsk gar auf je 90 Männer, während bei den Nichtjuden die gleiche Anzahl Frauen auf je 99,4 resp. 99,1 Männer kamen. Im Alter von unter 20 Jahren bilden die Juden in den Städten des Gouvernements Wilna 53,3, des Gouvernements Witebsk 60.4 Prozent der Bevölkerung gleichen Alters, während der durchschnittliche Prozentsatz der Bevölkerung 53,4 respektive 48.5 Proz. beträgt. Die Juden im minderjährigen Alter sinh in den Städten wenigstens verhältnismäßig zahlreicher als die nichtjüdischen Altersgenossen. Umgekehrt est dagegen der Prozentsatz für erwerbsfähige Altersklassen von 20 bis 40 Jahren. In diesem Alter bilden die Inden nur 38,6 resp. 44,5 Prozent