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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-14 · Heft 42 (14.10.1904) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
Seite 503 (sequence 11)
Language
German
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es gilt heute den Gästen zu Ehren unser Zelt noch schöner als sonst zu schmücken, denn nach dem Gottesdienste, dem Ihr ja in Gesellschaft des edlen Schalmalath anwohnen werdet, seid Ihr ja wieder unsere Gäste!" . Ein wehmütiger Blick aus den Augen Samuels folgte der rasch dahineilenden Gestalt des Mädchens. „Wie ist doch Rabbi Jochanan glücklich zu Preisen," sagte er tiefaufseufzend, „daß ein solch gottesfürchtiges Kind sein Haus verschönt." „Ja, wahrlich, das Mädchen ist sanft wie ein Engel," rief Assad aus, „und sie würde auch das Heim eines Gatten zum glücklichsten gestalten." Da traf ihn mit schmerzvoll sinnendem Ausdruck ein Blick des Rabbi und verwirrt senkt er das Auge. In Peinlichem Schweigen durchmaßen sie den kleinen wohlgepflegten Garten, der zurr; Wohnhause des vornehmen Schalmalath führte. Jedoch als sie des Abends dem Gotteshanse zuschritten, war jede Spannung aus ihrem Gemüte gewichen und frohen Herzens und freudiger Zuversicht voll betraten sie die heilige Stätte. Sie hatten den Tag im Hause des angesehenen Palmyreners in friedlichster Stimmung und in anregendsten Gesprächen mit dem vielgereisten, erfahrenen Manne und dessen Güsten verbracht und jetzt nahmen sie aus dessen gastlichem Hause auch die Gewißheit mit, ihre Angelegenheiten in den Händen eines viel vermögenden und hochangesehenen Mannes zu wissen. Darum betraten sie voll freudigen Mutes das Gotteshaus und vereinigten ihre Stimmen mit der im Tempel versaunnelten Gemeinde zu frohem Lobgefang auf Gott, den Herrn. (Fortsetzung folgt.) Von Hgguls nach tzeringsdork. IV. aß ich nach der geschilderten Erholungsreise einergründlichen Erholung dringend bedürftig war,- wird mir jeder billig Denkende gern glauben. Ich habe sie auch gefunden: Zuerst in den hochenchorragenden Bergen und sodann am weitaufrauschenden Meere. Hier wie dort war es vor allem die Natur, die stille Bewunderung, ungeteilte Aufmerksamkeit und auch wohl ungeteilte Einsamkeit forderte. Aber freilich, wer kann die Menschen entbehren, wenn er nicht gerade ein großer Philosoph ist! Und die Rückkehr von der Natur zu den Menschen ist ja gerade in der Sommerfrische wesentlich erleichtert. Wir sind nicht so angewiesen auf einen bestimmten Kreis; wir können uns den Umgang wählen und Menschen viel leichter kennen lernen als im Alltagsleben der Heimat. Brauche ich es wohl noch besonders zu erklären, nach welcher Richtung meine Neigungen gingen — in den Tiroler Alpen so gut wie an der Ostsee? Gewiß nicht. Meine treuen Begleiter seit mehr als fünfzehn Jahren wissen, das; ich auf den Sommerreisen vor allem meine Glaubensgenossen ausgesucht, mit ihnen mich unterhalten und von ihnen über die Verhältnisse und Zustände ihres Heimatslande näheres zu erfahren gesucht habe. Auch diesmal. Dabei haben sich -mir einige Betrachtungen aufgedrängt, die den Epilog zu meinem diesjährigen Reisebericht bilden mögen. Man schämt sich nicht mehr Jude zu sein. Das ist ein großer Erfolg des Antisemitismus. Ueberall, wohin man kommt, findet man Menschen aus Berlin so gut wie aus Wien, aus Frankfurt wie aus Breslau, die sich für das Judentum interessieren, denen die Sorge um seine Zukunft am Herzen liegt. Freilich, Wer das Judentum jedes einzelnen dieser lieben und guten Menschen genau definieren wollte, der würde eine seltsame Musterkarte von religiösen Weltanschauungen erhalten. Im Grunde genommen aber sind sie doch alle gute Juden und was die Hauptsache ist: sie empfinden einen tiefen Widerwillen gegen alle Ueberläufer. Man ist so gern geneigt, die vielen Witze, die in jüdischen Kreisen gerade über die Taufe gemacht werden, für ein Stück Frivolität oder gar Cynismus zu halten. Weit gefehlt. Dieses ganze Kapitel der Taufwitze ist ein Stück romantischer Ironie und vertritt bei den Juden das Gefühl und die Sehnsucht, das die Ironie bei den Romantikern ausgelöst hat. Der künftige Bölkerpshchologe wird hier ein reiches Feld der Bebelehrung finden, zu der ich auch noch einen ganz besonders charakteristischen Beitrag liefern möchte, der mir von einer:; Wiener Advokaten brühwarm aus der österreichischen Residenz in die Tiroler Berge mitgebracht wurde. Der kleine Pineles ist ein schlechter Schüler. Eines Tages kommt er aus dem Gymnasium nach Hause und macht seinen; Vater die folgende betrübende Mitteilung : „Lieber Papa, es geht mir in der Schule sehr schlecht, und ich muß Dir sagen, daß mir wohl nichts anderes übrig bleibt, als mich taufen zu lassen, denn mein Lehrer ist einer der wütendsten Antisemiten und verfolgt mich ganz besonders mit seinem Haß." Der Vater ist von-dieser Mitteilung nicht sehr erbaut, aber gleichgültig, wie er von jeher gegen alle Religion war, gibt er dem verzogenen Knaben schließlich die Erlaubnis zu dem verhängnisvollen Schritt, der dann auch bald unter Beihilfe eines gefälligen evangelischen Predigers erfolgt. Am Ende des Schuljahres kommt der kleine Pinelle nach Hause mit der ebenso kurzen wie traurigen Mitteilung, daß er „durchgefallen", d. h. sitzen geblieben sei. Er hat so ziemlich die schlechteste Zensur der Klasse erhalten. Der Vater ist empört. „Also deswegen hast Du Dich taufen lassen? Was hat denn Cohn für eine Zensur?" — „Eine sehr gute." — „Und wie steht es mit Levi?" -- Er ist auch versetzt worden." — „Nun also?" - Der kleine Neuchrist überlegt sich die Sache einen Augenblick und dann sagt er zu seinem braven Vater bedeutungsvoll: „Weißt Du, lieber Papa, da wir unter uns sind, kann ich es Dir ja sagen: Die Juden sind uns geistig über!" Dieser Witz ist sehr charakteristisch, und man kann darüber ein ganzes Buch schreiben. Die Neigung unserer Glaubensgenossen, über die Taufe die volle Lauge ihres Spottes auszugießerr, erinnert an das Wort des Dichters: „Sie jubelt so schmerzlich, sie klaget so froh." Denn wer aus diesen Witzen nicht den Unterton der Wehmut heraushört, der ist eben taub für die feineren Empfindungen der Menschenseele. Es ist ja eine Tatsache, die man in Gossensaß so gut wie in Heringsdorf beobachten kann, daß den Erzählungen und Witzen über die Tauflust die ernste Klage über den Abfall fast unmittelbar zu folgen pflegt. Es sind allerdings nur die großen Städte Wie;; und Berlin, die hier mit wenig erfreulichem Beispiel vorangehen, und naturgemäß sind es die Badegäste aus diesen beiden Residenzstädten, die am meisten Witze zu erzählen und am meisten über die Sache zu klagen haben. Aber auch das ist charakteristisch. Man erzählte mir in Heringsdorf von Leuten, die in ihrer Heimat schon längst übergetreten waren und die es in; Bade verheimlichten oder abstritten. Ein neuer Erfahrungssatz: Man beginnt sich sogar auch in jenen Kreisen schon des Abfalls zu schämen. Mögen meine Lesersich nicht wundern, wenn ich statt interessanter Reiseberichte ihnen diese Betrachtung vorsetze. Mir ging fast inuner an; Strande der See ein Psalmvers

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