Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 502 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228581-3228624--61180-3274990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„So seid denn in meinem Hause willkommen, und nehmt mit dem vorlieb, das Euch zu bieten in meinen schwachen Kräften steht. Ich flehe zu Gott, daß der Zweck Eurer Wanderung ein erfreulicher sei,, und daß Ihr in allen Euren Hoffnungen befriedigt, nach einem langen, segensreichen Aufenthalt bei uns, wieder glücklich Eure Heimat erreichen möget." Tiefe Schatten hatten das Antlitz des greisen Rabbi umzogen, als Jochanan von dem Zwecke seiner Reise Erwähnung tat und der Erfüllung ihrer Hoffnungen gedachte, und nach' einer Weile peinlichster Stille wollte er das Wort nehmen, um deur gastlichen Freund eine Aufklärung über seine Reise zu geben, als die Türe geöffnet wurde, die das Arbeitszimmer des Gelehrten von den übrigen Wohnräumen des stattlichen Hauses trennte und ein junges Mädchen eintrat, die Fremden und den Vater zum Mahle zu bitten, das in dem großen Speisesaal bereits der Gäste harrte. „Meine Tochter Leilah!" sagte Jochanan, „die Seele meines Hauses, denn, seit es dem Allgütigen gefallen, mein teures Weib von hinnen zu rufen, ist sie, Leilah, der gute Geist dieses Hauses, die ihrem armen geplagten Vater alle Sorgen vom Herzen schafft und sein Haus zu einer Stätte des Friedens und gottgefälligen Wandels macht ..." „Wofür ich aber auch reich, überreich belohnt bin durch die Liebe eines solchen Vaters," warf mit glühenden Wangen das Mädchen ein. „Doch vergebt,. wenn ich Euch nochmals ‘ bitte, mir zur Tafel zu folgen, die Eurer harrt." „So kommt denn!" meinte lachend der Herr des Hauses. „Meine sanfte Leilah wird sonst voll gerechten Aergers gegen ihren geschwätzigen Vater, der die Gäste daran hindert, ihre Kochkunst zu bewundern. Kommt, wir wollen den Becher leeren auf das Gelingen Eurer Hoffnungen untr auch das Wohlergehen Eurer Lieben daheinr in Damaskus!" Die Sonne war ausgegangen in grellrot stechendem Glanze und vergoldete mit ihrer blendenden Lichtfülle die Stadt. Vom rosigen Scheine des Morgenrotes umflutet, leuchteten die Kuppeln der zahlreichen Gotteshäuser auf, und in blendendes ' Sonnenlicht getaucht erglänzten die weißen Marmorstatuen, : mit denen in großer Anzahl die Stadt und die Gärten geschmückt waren. Früh am Tage hatten sich die beiden Gefährten erhoben. Eine erquickende Nachtruhe hatte nach dem im traulichen Gespräche verbrachten Abend ihre müden Glieder erfrischt und neu gestärkt erwachten sie des Morgens und begrüßten freudigen Mutes voll den kommenden Tag. Jetzt waren sie auf dem Wege zu einem Glaubensgenossen begriffen, der durch seine zahlreichen Verbindungen in den vornehmen Kreisen der Stadt ihnen hilfreich beistehen sollte. Hatte der greise Samuel bereits des öfteren in Palmyra geweilt, so ergriff maßlose Bewunderung den jungen Assad angesichts dieser nie geahnten Pracht, die sich da, vom Lichte der blendenden Sonne märchenhaft umwoben, seinen erstaunten Blicken zeigte. O, daheim in Damaskus, da wußte man ja gar nicht und die kühnste Phantasie hätte es sich auch nicht auszumalen vermocht, was sich hier seinen staunenden Blicken zeigte. O, daheinr in Damaskus! Er mußte lachen. Da schien ja nicht einmal die Sonne so schön, wie hier in diesem Märchenlande — daheinr, wo es düster war in den Straßen rrnd noch düsterer in den Häusern, und hier, wo sein Auge geblendet von der Pracht und Fülle der erlesensten Kunstwerke und den zauberischsten Wundern der-Natur in namenlosein Entzücken schwelgte. „Wie seid Ihr doch glücklich zu nennen, in dieser Wunderwelt daheim zu sein/Leilah!" wandte er sich nun an seine Begleiterin, die es übernommen, während der Vater seine Jünger bei sich sah, die beiden Fremden durch die Stadt zu geleiten und weiß Gott — sie tat's nur allzugern, fühlte sie sich ja mächtig zu dem fremden Jüngling hingezogen und das offene, treuherzige Gebühren desselben fesselte ihren Geist. Wie ganz anders war er auch, und wie ganz verschieden von den überfeinerten Sitten der Palmyrener war seine Ausdrucksweise, sowie sein ganzes, treuherziges Wesen. Auch sein Aeußeres unterschied ihn vorteilhaft von den Jünglingen der Stadt, und selbst hier in Palmyra, wo man ja gewohnt war, die fremdartigsten Erscheinungen versammelt zu sehen, erregte die weit über das Mittelmaß ragende Gestalt des schönen Fremden die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden und manch bewundernder Blick folgte den beiden, die an der Seite des ehrwürdigen Greises die Straßen durchschritten. Sie waren nun aus dem Stadtteil, der zumeist von den Vornehmen bewohnt war, in eine Straße eingelenkt, die sie zu dem großen Platze hinführte, auf dem sich das reiche geschäftige Leben der großen Handelsstadt bewegte. Mannigfache Gestalten in fremdartigster Gewandung fesselten hier das Auge. Da zogen in buntem Reigen die fremden Kaufleute herbei, die im vornehmen Palmyra den größten Absatz für ihre Waren fanden, die sie. aus allein Gegenden der Erde hierher brachten. Da wurden riesige Ladungen gebracht, um in den zahlreichen Magazinen geborgen zu werden, die den Platz umsäumten und wieder riesige Warenballen verpackt, um sie nach fernen Weltgegenden zu versenden; beherrschte ja Palmyra den Handel des Orientes und nur dasjenige galt als vollkommen, das aus der vornehmen kunstsinnigen Stadt verschickt wurde. Buntbewegt flutete die Menge auf und nieder, in allen Sprachen lärmte und feilschte unentwirrbares Stimmengewirr. Da schrie ein Chaldäer in seiner Muttersprache, dort priesen die Söhne Aegyptens in rauhen Kehllauten ihre Ware oder übergaben sie angelegentlichst der Obhut der Magazins- Wächter. Hier lud der Sizilier sein Korn, der Aegypter seine Glaswaren, seine Leinwand und Papyrusballen aus, dort brachte der Spanier seinen Glutwein und seine Wolle, da wurden riesige Marmorblöcke abgeladen, die in dem kunstliebenden Palmyra die weiteste Verwendung fanden, da brachte ein Araber ganze Ballen von wohlriechenden Kräutern herbei, um den sich in hellen Scharen die Kauflustigen drängten, Indien sandte sein Elfenbein, seine Edelsteine und Schildkrötenschalen, die dann zu kunstvollen Nadeln und Spangen geformt, das duftende Haar der vornehmen Palmyrenerin schmückten. Der Jude aus Palästina brachte glitzernde Juwelen, milchweiße Perlenschnüre und baumwollene Stoffe und erhandelte dagegen die kostbaren Gewebe aus zarter Seide, die in Palmyra erzeugt wurden und die ihren Weg nach Rom und über die ganze Welt fanden. Wie betäubt von den aus ihn einstürmenden Eindrücken, folgte Assad seiner schönen Führerin, und nur ab und zu entriß ihm ein neuer unbekannter Gegenstand einen Ausruf des Erstaunens.' Sie waren nun in eine ruhige, abseits vom Handelsplätze gelegene Straße gelenkt und hier, vor einem stattlichen Hause, das durch einen zierlichen Garten von der Straße getrennt war, machten sie Halt. „Ich verlasse Euch jetzt," sagte Le'llah, indem sie sich zum Gehen anschickte. „Ihr bedürft nun meiner Führung nicht mehr, auch habe ich noch für den Abend viel vorznbereiten,