Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 501 (sequence 9)
- Language
- German
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501 Ein böser Winter zerstörte die schönen Schößlinge des „Völkerfrühlings" . Späterhin stand in mehreren Legislaturperioden ein Glaubensgenosse, Bankier Wolfskehl - Darmstadt, an der Spitze des hessischen Landtags; als jedoch Anfang der 90 er Jahre die antisemitische Bewegung im Lande der „blinden Hessen" immermehr erstarkte, ließen ihn seine eigenen: Parteigenossen, die Nationälliberalen, fallen. Verstimmt über diese Betätigung liberaler Gesinnung seitens seiner Parteifreunde, zog sich Wolfskehl nach Niederlegung seines Mandats ins Privatleben zurück. . Daß sich in den Reihen unserer Glaubensgenossen wiederholt Männer gefunden haben, die zur parlamentarischen Leitung großer Versammlungen besonders befähigt waren, zeigt auch das Beispiel des verstorbenen Berliner Stadtverordnetenvorstehers und Landtagsabgeordneten Dr. Wolfgang Straßmann, der nenn Jahre lang, von 1875 bis zu seinem 1884 erfolgten Tode, wie selbst seine erbittertsten politischen Gegner zugeben mußten, die 126 Mann starke Berliner Stadtverordneten-Versammlung in musterhafter Weise geleitet hatte. Die gleiche Erfahrung hat seit längen Jahren die Breslauer Stadtverordneten-Versammlung gemacht, an deren Spitze der allseits beliebte frühere Land-und Reichstagsabgeordnete, Justizrat Freund, steht. In Königsberg (Ostpr.) bekleidete denselben Posten viele Jahre Dr. Rosenstein. Abgesehen von einer Reihe kleinerer Gemeinden, namentlich in Posen, Oberschlesien und Westpreußen, in -denen Juden des gleichen Vertrauens gewürdigt wurden und erfreulicher Weise noch vielfach gewürdigt werden, verdient besonders die Provinzialhauptstadt Posen Erwähnung, in der seit nahezu 30 Jahren ausschließlich unseren Glaubensgenossen — der Reihe nach waren es folgende, zum Teil schon verstorbene Herren: Kommerzienrat Jaffe, Geh. Justizrat Orgler, Sanitätsrat Dr. Landsberger, Justizrat Dr. Lewinsky, Justizrat Salz — dieses Ehrenamt übertragen worden ist. Wenn hier unter den ausnehmend schwierigen Verhältnissen, wo zu den gewöhnlichen politischen und konfessionellen Gegensätzen sich noch der so scharf zugespitzte nationale zwischen Deutschen und Polen gesellt, die jüdischen Stadtverordnetenvorsteher immer im vollsten Maße ihrer Aufgabe gerecht geworden sind, so ist damit der beste Beweis geliefert, für den vorzüglichen Gemeinsinn, der die jüdischen Staatsbürger im allgemeinen erfüllt, getreu dem mahnenden Prophetenwort, Israel solle das Wohl des Landes, in das es verschlagen sei, so fördern, als ob es das eigene wäre. Ein weithin leuchtendes Beispiel für diese treue Pflichterfüllung im Dienste der Allgemeinheit ist, um auf den Ausgangspunkt unserer Ausführungen Zurückzukommen, Hermann Trier. Hoffen wir/ daß in der Würdigung derartiger außergewöhnlicher, aus unseren Reihen hervorgegangenen Persönlichkeiten das Land der „Denker und Dichter" sich auf die Dauer nicht von dem kleinen Dänemark, das im ganzen nur gegen 5000 Juden, darunter etwa 4500 in der Hauptstadt zählt, in bezug auf Vorurteilslosigkeit beschämen lassen und endlich auch bei uns der Zeitpunkt hereinbrechen wird, wo dem Talent und dem Charakter, obwohl ihr Besitzer die Vermessenheit hatte, als Jude zur Welt zu kommen, doch auch die Sonne der Anerkennung lächelt. Gerade in unseren Tagen erleben wir es ja fortwährend, daß.'das Talent-alle Schranken durchbricht, die Vorurteil und Unverstand einmal gezogen haben, und daß man einfach schon aus nationalökonomischen Beweggründen iuuner mehr zu der Erkenntnis gelangt, wie schädlich jede Vergeudung und Nichtaüsnutzung der Volkskraft und des Vvlksgeistes für den Gesamtorganismus ist. Dir kmlrrin des Oltens. Historische Novelle von Eduard Noth. Zweites Kapitel. Laubhütten. Ä'^ie Schatten des Abends hatten sich gesenkt und die Stadt mit ihren Villen und Palästen, mit ihren hochragenden Zinnen und Kuppeln in nächtiges Dunkel gehüllt, aus dem die breite Straße, die vom Walde, in dem die Reisenden eine Weile gerastet hatten, bis an die Tore der Stadt führte, wie ein silberner Faden hell erglänzte. In größter Eile spornten sie nun ihre Rosse an, um noch vor der völlig hereinbrechenden Dunkelheit die Stadt zu erreichen. Jetzt hatten sie den Wall erreicht, der nach dieser Seite hin die Stadt umgrenzte, und gegen feindliche Angriffe vortrefflich schützte. Es war mittlerweile vollständig dunkel geworden, in den am Tage so dicht belebten Straßen herrschte nun friedliche Stille, der laute und lebhafte Verkehr, der durch die vielen fremden und einheimischen Händler stets in den Straßen wogte, hatte einer wohltätigen Ruhe Platz gemacht, die sich auch den beiden Fremdlingen wohltuend mitteilte. Ein Gefühl sicheren Friedens umfing ihre von der steten Aufregung der langen gefahrvollen Reise gepeinigten Gemüter, und mit einem Seufzer der Erleichterung überschritten sie die Schwelle jenes Hauses, das ihnen während der Zeit ihres Aufenthaltes in Palmyra zum Wohnorte dienen sollte. Es war nicht das erstemal, daß der alte Samuel hierherkam. Des öfteren schon hatte er im Anschluß an eine Reisegesellschaft Vn Weg durch die Wüste gefunden; allein niemals war die Reise eine solch anstrengende, seine Gemütsverfassung eine so düstere gewesen als heute, und tiefe Schatten lagerten auf seinem Antlitz, als er jetzt von seinen Glaubensbrüdern freudig willkommen geheißen und nach dem Zwecke seines jetzigen Besuches in der Residenz befragt wurde. „Denn wahrlich, gewichtige Gründe müssen es sein," meinte kopfschüttelnd der Gastfreund, „die Euch, Rabbi, dazu vermocht haben, eine solch beschwerliche Wanderung anzutreten, und nun gar allein. ..." „Mein Arm, ehrwürdiger Rabbi," fiel hier Assad"- ein, „hätte dieses teure Haupt vor jeder drohenden Gefahr zu schützen gewußt." „Auch wenn diese Gefahr von den wilden Tieren ausgegängen wäre, die, nach Eurenr Fleische lüstern, ihre .Wälder verlassen hätten, oder von jenen blutgierigen Räubern, der Wüste, die es nach Eurem Gelde verlangte? Nein, mein Sohn, Euer Leben stand in der Hand des Allmächtigen, und seine Gnade ist es, die Euch durch die Schrecknisse der Wüste hiehergeführt hat in unsere gottesfürchtige Stadt. ..." „Und in Euer Haus, Rabbi Jochanan!" rief in überschwenglicher Begeisterung Assad aus. „Geht ja der Ruf Eurer hohen Gelehrsamkeit weit durch die Lande und bei uns daheim, im fernen Damaskus seid Ihr ebenso hochberühmt als hier im Lande, und allerorts, wo das Wort Gottes hochgehalten wird. Und-darum bin ich glücklich, und danke es meinem teuren Vater und Lehrer, daß er es mir gestattet hat, ihn auf seiner Reise zu Euch zu geleiten."