Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 500 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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das er noch, bis auf den heutigen Tag bekleidet. In .dieser Eigenschaftals Vorsitzender einer derartigen gemeinnützigen Vereinigung und des oben erwähnten allgemein großen Studentenvereins lenkte Trier durch seine vorzügliche Leitung die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. War es da ein Wunder, daß in jenen politisch bewegten, bereits zu Anfang unserer Allsführungen gekennzeichneten Tagen der Verfassungskämpfe von der linken Seite, da man neue Rufer und Führer im Streite brauchte, alle Hebel in Bewegung gesetzt wurden, um Hermann Trier, der bis dahin dem politischen Leben zwar nicht teilnahmslos, aber mit einer gewissen Reserve, da er sich von der „Hexe" Politik nicht einfangen lassen wollte, gegenübergestanden hatte, für ihre Sache zu gewinnen? Diese Anstrengungen waren schließlich nach langem Drängen, denr er nicht mehr widerstehen konnte, mit Erfolg gekrönt. Hermann Trier ließ sich 1884 als Gegenkandidat gegen den bisherigen, der Rechten ungehörigen Vertreter, Assessor Niemstadt, in einem Kopenhagens Wahlkreise aufstellen und ging, was bei seiner allgemeinen Beliebtheit nicht überraschen konnte, am Tage der Wahl als Sieger hervor. Mit ebenso wachsender Majorität wie seine Wahl zum Abgeordneten ist auch die zum Präsidenten der Kammer erfolgt. Hat er doch die in seinen ehrenhaften und uneigennützigen Charakter gesetzten Erwartungen vollauf gerechtfertigt. Besserer Wille, größeres Interesse für die Sache der Allgemeinheit, eine geradezu an Aufopferungsfähigkeit grenzende Hingebung und feineres Taktgefühl ließen sich wohl schwerlich bei einer zweiten, im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeit Dänemarks, in so glücklichem Maße vereinigt, Nachweisen. Dazu kommt noch eine wahrhaft phänomenale Beredsamkeit. Was für ein hinreißender Redner Trier ist, ergibt sich aus folgender, einem angesehenen Blatte Kopenhagens entnommenen Kennzeichnung seiner rhetorischen Fähigkeiten, in die auch eine Schilderung seiner sonstigen glänzenden Eigenschaften eingeflochten ist: „Als Trier, ein ganz junger Mann, in öffentlichen Versammlungen als Opvositionsmann zu reden begann, gehörte wirklich Mut dazu, dies zu tun; aber seine Beredsamkeit war eine geradezu fortreißende. Wenn er auf der Tribüne oder dem Katheder stand und seine klangvolle Stimme über die Versammlung erschallen ließ, verstand er es, eine Art von Poesie und Festesstimmung selbst über das trockenste Thema zu Wersen, und sogar in gegnerischen Kreisen erkannte man, daß hinter den Worten eine Persönlichkeit stehe. Es gibt in unserem öffentlichen Leben wohl kaum einen Mann, der so wenig für sich und soviel für die Sache tut wie Hermann Trier. Zu den erhaltenen Ehrenstellen mußte er förmlich erst gedrängt werden, und er hat sie allenfalls erst angenommen nach Erfüllung der Bedingungen, die zu stellen er sich verpflichtet fühlte. Sowohl im öffentlichen wie im Privatleben hat Hermann Trier manche Enttäuschungen erlebt, aber er wußte sich seine frische, zuversichtliche Lebensanschauung zu bewahren, und er ist stets seinen Jugendidealen treu geblieben. Denn ohne naiv zu sein, ist er Idealist, allein ein solcher, der mit Realitäten zu -rechnen versteht. Trier ist eine der ansprechendsten GestaMn,-'die^-unser öffentliches Leben auszuweisen hat, und däs MerkisiüMWUanihm ist -- im Gegensätze zu so vielen WKrÄ Ätz rPöliM-'eher dazu beigetragen hat, ihn zu läüterN"Üls lzi^korvüüchäeren^l''^- ln'J Wäschen-'>Leb"ensMng -'Triers - änlangt, der jetzt im 60. LebesisjHtelMh^ffo^-habM^wir-d'öAselben Aöm Augenblick seines ersten"^ ^ffenMch^n'^MftreteNs^ * äff^heMtss i iMH-ötzggenominen. AÄersMch-'stzM frMeüMlLeVM/iMduüiittEMchbsertk'Btldnngsgäng'fft'MM"gaüßen tÄMaM Mk- HMutzrÜM hiWPA Selbste bivgraphie geliefert in einem Buche, das er vor einigen Jahren über ein früher im-Besitz seines Vaters befindliches laltes Haus in Kopenhagen veröffentlicht hat. Hier gibt er uns nichtbloß eine Darstellung von der Stätte seiner Kindheit, sondern auch von der Erziehung, die er selbst und seine Geschwister im Elternhause genossen haben. Sein Vater, Adolf Trier, hatte seine kaufmännische Laufbahn mit einem kleinen Detailgeschäft begonnen, schwang sich im Laufe der Jahre zu einem der ersten Engroshändler des Landes empor, und starb als ein nach dänischen Begriffen sehr reicher Mann. Seine Mutter, mit Mädchennamen Sophie Bing, gehörte ebenfalls einer bekannten und geachteten jüdischen Kaufmannsfamilie an, in welcher schon mehrere Glieder auf Politischem und kommunalem Gebiete eine, bedeutende Rolle gespielt hatten. Beide Eltern waren keine einseitigen Verstandesmenschen, sondern zeichneten sich eben so sehr durch herz- und gemütvolles Wesen, das namentlich in einer in umfassendstem Maße geübten Wohltätigkeit zum Ausdruck kam, wie durch feines Verständnis für Kunst und Wissenschaften, sowie aller das öffentliche Leben betreffenden Fragen aus. Ihren Kindern ließen sie die sorgfältigste Erziehung zuteil werden. So durch Elternhaus und Schule gleichmäßig vorgebildet, bezog Hermann Trier 1862 die Universität seiner Heimatsstadt und studierte zuerst Jura, sattelte jedoch nach zwei Jahren um und widmete sich dem Studium der Philologie. Seine Lehrtätigkeit begann Trier an dem Gymnasium, das er einst selbst besucht hatte. Hier unterrichtet Trier, der als Verfasser verschiedener namhafter pädagogischer Werke und als Herausgeber der bedeutendsten skandinavischen Zeitschrift auf diesein Gebiet, „Unsere Jugend", auch in der wissenschaftlichen Welt sich eines vorzüglichen Renommees erfreut, vorzugsweise in der Muttersprache, deren Formenreichtum und Geistesschätze er meisterhaft lebendig zu veranschaulichen versteht. Seine Schüler hängen förmlich an seinen Lippen und bereits ergraute Männer sprechen mit Begeisterung von seiner Lehrmethode und zählen die Stunden, in denen sie seinen geistvollen Vortrügen lauschen durften, zu den schönsten, nie in der Erinnerung verlöschenden Stunden ihres Lebens^ Ebenso wie seitens seiner Schüler genießt Trier, dessen Leben, seitdem er in der Oeffentlichkeit steht, wie ein offenes Buch vor jeder mann anfgeschlagen liegt, allgemeine Verehrnn bei hoch und niedrig und erfreut sich, namentlich in den Kreisen des schlichten Mannes, der Arbeiter und Handwerker; für deren Wohlfahrts- und Bildnngsinteressen und Bildungsbestrebungen er nach dem Grundsätze: „k'ortüer in modo, suaviter in re“ jederzeit unentwegt eintritt, einer geradezu beispiellosen Beliebtheit. - Wenn wir die nahezu an Einstimmigkeit grenzende Majorität bedenken, mit der Trier das letzte Mal auf den Prüsidentenstuhl des dänischen Reichstages gewählt wurde, so erfüllt uns dies in Deutschland, wo die Wahl eines Glaubensgenossen zum Vorsteher einer gesetzgebenden Körperschaft unter den obwaltenden Umständen als ausgeschlossen gelten kann, mit einer gewissen Wehmut. Allerdings hatte die Frankfurter Nationalversammlung, deren letztes Mitglied ja vor einigen Wochen in dem Dichter und Rhapsoden Wilhelm Jordan dahingegangen ist, einen jüdischen Vizepräsidenten und zwar keinen geringeren als den unvergeßlichen Vorkämpfer für unsere Staatsbürgerrechte, Gabriel Rießer, doch das war in dem „tollenJahr" 1848, dem Blüten- und Knospenjahr, wie es die Amerikaner nennen, wo die Sonne der Freiheit auch für Deutschland aufzugehen schien. Leider aber ist die damals bereits zu 'einigen schönen Keimen entfaltete Saat gar bald durch den nachfolgenden rauhen Reis fast vollständig wieder vernichtet worden