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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-14 · Heft 42 (14.10.1904) · p. Seite 499

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
Seite 499 (sequence 7)
Language
German
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WWBWDWNMWNWDWW zuhalten. Ein gesunder Gottesdienst wird zwischen Jugend und Judentum wieder ein gesundes, inneres Verhältnis herbeiführen. Erziehung und Unterricht, Gottesdienst und religiöser, Lesestoff kranken an den gekennzeichneten empfindlichen Wurzeln, und diese Wurzeln sind die Ursache dafür, daß die heutige jüdische Jugend dem Judentum fremd gegenübersteht, — das ist, mit kurzen Worten gesagt, die Quintessenz der vorstehenden Ausführungen. Man wende nun gegen ihre Richtigkeit ein, was man wolle — man bestreite beispielsweise, daß Mängel wie die angedeuteten bestehen, man bestreite, daß die heutige Jugend in ihrer Mehrheit dem Judentum entfremdet ist, — nur eines wende man nicht ein. Man sage nicht: die heute zwischen Jugend und Judentum bestehende und stetig wachsende Entfremdung sei gar nicht ans die oben angeführten Mängel zurückznführen, sondern sie sei das -notwendige Ergebnis der neuen Zeit, die unter 'dem allesbeherrschenden Zeichen der Wissenschaft, steht; es sei naturgemäß, daß der Glaube — also auch der jüdische Glaube — verschwinde, da das Wissen seine weltumspannende Herrschaft antritt. Nein, man erhebe diesen Einwand nicht; denn er ist so falsch und irrig, wie einer nur irgend sein kann. Glauben und Wissen schließen einander nicht im mindesten aus, sie sind nicht Gegensätze, sondern notwendige Korrelate. Gerade jene Zeiten, .in welchen die Wissenschaft in besonderer Blüte steht, sie können den Glauben, die Religion am allerwenigsten entbehren. Alles Wissen ist Stückwerk, und je höher man auf der Leiter der Erkenntnis steigt, um so empfindlicher wird man sich der unübersteigbaren Schranken bewußt, welche dem menschlichen Wissen gestellt sind, um so larer wird man zu der Erkenntnis kommen, daß — wie der größte deutsche Dichter und Denker einmal gesagt hat — „die Existenz durch die inenschliche Vernunft dividiert, nicht ohne Rest aufgeht." Nicht der Geist der neuen Zeit, nicht neue wissenschaftliche Lehren haben die jüdische Jugend ihrer Religion entfremdet, sondern die Mängel, die der Erziehung und dein Unterricht, dem Gottesdienst und dem religiösen Lesestoff, anhaften, sie tragen an dieser Entfremdung die Schuld. Beseitigen wir diese Mängel, und wir werden sehen, daß zwischen Jugend und Judentum bald wieder die warmen Bande der Liebe und der Anhänglichkeit geknüpft sind. Hermann Trier. Von Dr. S. Carpin. ©oeben bringt Wolffs Telegraphenbureau die Mitteilung aus Kopenhagen, daß Trier als Präsident des Folkething wiedergewählt wurde. Wer ist Hermann Trier, dürfte gar mancher unserer Leser, dem dieser Name vorläufig noch eine unbekannte Größe ist, mit leisem Kopfschütteln fragen? Der Name Trier ist in Westdeutschland nicht gerade selten. Gehörte doch Trier, bevor die großen Judenverfolgungen des Mittelalters mit den Kreuzzügen und in noch furchtbarerer Weise beim Auftreten des „schwarzen Todes" einsetzten, zu den blühendsten jüdischen Gemeinden in der Rheingegend. So bürgerte sich der Name Trier als Staunnname bei manchem Flüchtling aus der alten Bischossstadt ein. In Berlin führte ihn unter anderen der Begründer eines der bedeutendsten Bankgeschäfte. Auch der seit einigen Jahren im Vordergrund des politischen Inter¬ 499 —— ' esse stehende Name Drehfuß, der in Elsaß-Lothringen und Frankreich so verbreitet ist, hängt nach einer im ersten Augenblick verblüffenden etymologischen Erklärung keineswegs mit der Sitzgelegenheit für die mythische Priesterin des Apollon im höchsten griechischen Heiligtum, die delphische Pythia, zusammen, sondern ist aus Verstümmelung von Treviraeus, d. i. Trierer entstanden. Hermann Trier nun, mit dem wir uns im folgenden beschäftigen, ist weder Deutscher noch Franzose, sondern ein sehr angesehener dänischer Glaubensgenosse; offenbar aber stauunt er aus einer Familie deutschen Ursprungs. Sein Urgroßvater erlangte jedoch bereits 1774 das dänische Bürgerrecht. Hermann Trier gehört als Politiker der liberalen Partei an, die nach jahrelangen, an unsere preußische Konfliktsperiode mit der ständigen Budgetverweigerung erinnernden Kümpfen gegen das Ministerium Estrup seit zirka vier Jahren ans Ruder gelangt ist. Leider aber hat sich auch hier wieder die alte Regel bestätigt, daß der Liberalismus in der Opposition vielfach ein ganz anderes Antlitz zeigt, als wenn er selbst das Heft in den Händen hat. Der beste Beweis für diese traurige Erfahrung ist das von dein sogenannten liberalen Ministerium Dauntzer eingebrachte und vorläufig durch die Obstruktion der Sozialdemokratie zur Strecke gebrachte Prügelstrafgesetz. Beiläufig bemerkt, gehörte bei uns in Deutschland zu den lebhaftesten Fürsprechern der Prügelstrafe außer dem früheren Reichstagsabgeordneten und Chefredakteur der „Deutschen Tageszeitung," dem Bundeshäuptling Dr. Oertel, dem diese eigentümliche Schwärmerei in parlamentarischen Kreisen das wenig schmeichelhafte Beiwort „Knuten-Oertel" eingebracht hat, der vor wenigen Monaten eines seligen Todes verblichene Exparlamentarier und Kreuzzeitung-Redakteur Wilhelm Freiherr von Hammerstein. Eine eigentümliche Ironie des Schicksals hat es gefügt, daß dieser froh sein mußte, sein gesetzgeberisches Lieblingsprvdukt nicht in die Praxis umgesetzt zu sehen. Zu den energischsten Gegnern nun dieser erzreaktionären Reform gehört als einer der wenigen aufrichtig Liberalen im Folkething, der dänischen Kammer, Hermann Trier, der ihr als Präsident bereits seit drei Jahren vorsteht. Schon seit 1895 war er zweiter Vizepräsident und an dem Tage, wo der erste Vizepräsident I. E. Christensen Kultnsminister wurde, avancierte er zum ersten Vizepräsidenten. Da nun der erste Präsident Haysbro bei der Konstituierung des neugewählten Parlaments wegen vorgerückten Alters auf seine Würde verzichtete, war Hermann Trier der gegebene Mann für diesen Posten. Seine ganze Persönlichkeit macht ihn in hervorragendem Maße dazu geeignet, eine derartige Stelle, man könnte fast sagen, in jeder Versammlung, deren Mitglied er ist, einzunehmen. Abgesehen von seiner stattlichen Erscheinung und seiner lauten, klangvollen Stimme sind es besonders seine Charaktereigenschaften, die ihm volles, unbegrenztes Vertrauen seiner Mitbürger und Kollegen sichern. Dieses Vertrauen hatte ihm schon vor seiner Wahl zum Landtagspräsidenten die Stellung eines Vorstehers der Vürgerrepräsentanz (Stadtverordnetenkollegium) 1898 eingebracht. Dabei ist Hermann Trier kein Parteiführer im eigentlichen Sinne des Wortes, ja er kam sogar erst verhältnismäßig spät in die Politik hinein, und zwar auf dem Umwege seines sozialen Wirkens als Präsident des 1882 neugegründeten akademischen ,8tu6entensamümäet-, dessen Zweck unter anderem darin bestand, ein Zusammenwirken von Studenten und anderen Gesellschaftsklassen, wie Bauern, und Arbeitern, zu ermöglichen. Die erste Frucht dieses gemeinsamen Wirkens war die Gründung der Studentenvereinigung „Abendunterricht „ für Arbeiter", als deren Präsident Hermann Trier gewählt wurde, ein Amt,

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