Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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498 allgemein verständlich gehaltene Schriften über die mannigfachen. religiösen Fragen, welche die heutige Zeit beschäftigen. Einem Buche wie dem Harnackffchen „Wesen des Christentums" hat die jüdisch-religiöse Literatur auch nicht annähernd etwas Ebenbürtiges an die Seite zu setzen. Dieser Mangel darf nun keineswegs unterschätzt werden. Denn die tiefen theologisch-wissenschaftlichen Abhandlungen werden von Laien nur in den seltensten Ausnahmefällen einmal gelesen, und die Lektüre der Bibel allein kann den modernen Menschen unmöglich befriedigen. Der Abstand zwischen jener Zeit, aus welcher die Bibel herausgewachsen ist, und der Zeit, in welcher unsere heutige Jugend groß geworden, ist ein zu gewaltiger. Allüberall sind neue wissenschaftliche Lehren seitdem entstanden. Gebiete, welche früher die ausschließliche Domäne des Glaubens bildeten, werden jetzt von der. exakten Forschung als ihr ureigenstes Herrscherbereich in Beschlag genommen. Bangende Zweifel und lösungheischende Probleme tauchen da für den modernen Menschen auf. Und wer beschwichtigt die Zweifel? Wer gibt Antwort auf die drängenden Fragen? Wem das eigene Innere nicht die richtige Antwort zu geben weiß, der wird sie in Büchern zu finden suchen. Aber — wie gesagt — in der Bibel allein wird er vergeblich nach einer Antwort suchen. Dickleibige theologisch-wissenschaftliche Abhandlungen zu lesen, hat er weder, die Zeit noch das Verständnis. So greift er denn zu leichter allgemeinverftändlicher Lektüre. Und hier ist zurzeit die Gefahr, welche den Seelen der Lesenden von den sogenannten „populären" Büchern droht, eine große. Denn in den meisten dieser Bücher wird nicht eine unparteiische, vorurteilslose Lösung jener genannten Probleme zu geben versucht, sondern jene Probleme werden in diesen Schriften überhaupt nur aufgerollt, um den krassesten, rücksichtslosesten Unglauben zu verherrlichen. Blendend ist vielleicht der Stil dieser Bücher, hinreißend die Sprache —, was Wunder, wenn dann die leicht entflammte Jugend sich begeistert dem gepriesenen Unglauben in die Arme wirft. Manch einer aus dem Kreise der jüdischen Jugend, in dessen Herzen einst Eltern und Lehrer Verständnis und Liebe zur jüdischen Religion geweckt haben, geht auf diese Weise dem Judentum verloren. Will man derartige Verluste verhüten, so gibt es meines Erachtens nur ein Mittel: jene gekennzeichnete, den Unglauben propagierende Literatur muß dadurch unschädlich gemacht werden, daß man ihr flüssig geschriebene, allgemeinverständliche Schriften entgegensetzt, welche die gleichen Probleme unter dem jüdisch-religiösen Gesichtspunkte behandeln. Statt zu den jetzigen „populären" Büchern wird dann die Jugend zu den ebenso leicht faßlichen neureligiösen Schriften greifen, wird aus ihnen die Lösung aller sie bedrückenden Fragen schöpfen. Dann wird auch der religiöse Lesestoff seine Aufgabe — die Liebe zur jüdischen Religion, zum Judentum wachzuhalten — wieder in vollen: Maße erfüllen. 2. An letzter Stelle wenden wir uns jetzt zu einer Betrachtung des Gottesdienstes. Hier sind die Mängel besonders groß und fühlbar. Offen zutage tretend sind hier die Gründe, welche die Jugend veranlassen, sich vom Judentum mehr und mehr zurückzuziehen. Statt daß der Gottesdienst die Liebe zur Religion in den Herzen der Jugend wach erhält, bringt er es durch seine Mängel zuwege, der Jugend das letzte bischen Anhänglichkeit, das sie sich noch zu ihrer Religion bewahrt hat, aus den Herzen zu reißen. Man weiß, es ist ein altes Lied, das Lied von der Reformbedürstigkeit des jüdischen Gottesdienstes. Es ist eine alte Weise, und doch bleibt sie fürs erste immer noch neu und sangbar; jetzt wenigstens noch, wo selbst die allerdringlichften Resormbestrebungen noch auf harten Widerstand stoßen, wo der Streit um die Orgel immer noch nicht verstummen will, wo es immer noch Leute gibt, die ein deutsch gesungenes Wort, eine deutsch gehaltene Predigt als eine Entweihung des Gotteshauses betrachten. Verinnerlichung und Verkürzung, das ist es, was unserem Gottesdienst bitter not tut. Wozu die stundenlangen Andachten, wozu die einförmigen, so oft sich wiederholenden Bittgebete? Glaubt man, daß derjenige, zu dem man betet, die Frömmigkeit nach der Elle bemißt? Oder meint man vielleicht, durch die steten Wiederholungen werde das anfangs kalte und harte Herz wärmer und weicher? Man täusche sich doch nicht! Gerade das ewige Wiederholen des Langschonbekannten macht schließlich das Herz stumpf und unempfänglich; schließlich islls allein nur der Mund, der betet, das Herz weiß nichts davon. Und warum spricht - inan die Gebete in einer Mundart, deren die «reisten — und insbesondere die jetzige Jugend — nicht im geringsten Herr sind? Sollte man nicht die Kinder gerade in derjenigen Sprache zu beten lehren, in der sie die ersten Laute zu stammeln begannen, in der Muttersprache? Ist es nicht das Natürliche, daß jeder zu seinem Gotte ebenso spricht, wie er zu Vater und Mutter redet? Gewiß, unsere Vorfahren beteten hebräisch, aber das Hebräische war auch ihre Muttersprache. Seitdem hat sich die Zeit geändert. Wir sind jetzt deutsche Juden, unsere Muttersprache ist Deutsch. Glaubt man da wirklich, Gott werde unser Gebet, in dieser deutschen Muttersprache gesprochen, nicht wohlgefällig ausnehmen? Kurz und jedermann verständlich muß der Gottesdienst sein; nur dann wird er die Jugend an die jüdische Religion zu fesseln vermögen. Um die Jugend für die jüdische Religion zurückzugewinnen, um der Zukunft des Judentums willen ist also eine Reform desheutigen Gottesdienstes dringend notwendig. Man glaube nicht etwa, die Befürworter jener Reform wollen der jüdischen Religion selbst zu Leibe gehen. Im Gegenteil! Die währen Freunde unserer Religion sind nicht jene, welche die alten, hergebrachten Gottesdienstformen dauernd und unverbrüchlich aufrecht erhalten wollen, sondern die Freunde der jüdischen Religion sind jene, welche nach neuen Formen für den Gottesdienst verlangen. Treffend sprach jüngst — am Vorabend des Versöhnungstages — ein Berliner Gotteslehrer in seiner Predigt den Gedanken aus: „In unserer heutigen Zeit handelt es sich nicht mehr darum, ob das eine oder andere Gesetz gehalten, ob diese oder jene Zeremonie beobachtet werden soll, sondern es geht der ganzen Religion überhaupt an die Wurzel." Ja, in der Tat, wie kaum je zuvor greift jetzt der Unglaube um sich. Die Gottesleugner und Religionsverächter sind zäh und eifrig an der Arbeit, jeden einzelnen, der in seinen: Glauben nicht unerschütterlich fest steht, auf ihre Seite hinüberzuziehen. Soll man da jenen Glaubensfeinden den Kampf erleichtern, indem man um der Beibehaltung bloßer äußerer Formen willen das letzte Fünkchen von Liebe zur Religion in den Herzen der Jugend zun: Erlöschen bringt, indem man die Jugend förmlich zwingt, ins glaubensfeindliche Lager hinüber zu eilen? Es kann keinen: Zweifel unterliegen: Diejenigen, welche an den hergebrachten Formen des Gottesdienstes durchaus nicht rühren und nicht rütteln lassen wollen, sie tragen zum großen Teile die Schuld daran, daß sich das Lager der Ungläubigen mehr und inehr vergrößert. Diejenigen jedoch, welche eine Reform des Gottesdienstes befürworten, sind die währen Freunde und Förderer der Religion. Man tilge die Mängel, welche heute dem jüdischen Gottesdienste anhaften, und der Gottesdienst wird wieder das Mittel sein, in den Herzen der Jugend die Liebe zur Religion wach-