Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 497 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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497 - Wurde Witwe Cliquokl getrunken — demselben-Lueger, der da gesagt hatte, er habe sich, die Augen zugehalten, als er den Kongreß begrüßte, denn- -bekanntlich stellen zur Gilde der Journalisten die Orientalen,..vulbo Sennten genannt, ein stattliches Kontingent. Und aüf den. Toast Wilhelm Singers folgte--die Antwort Luegers,, in der viel von Orientalismus b-te Rede ist, als z. B. von orientalischem Quietismus, der da in dem Wortegipfelt, . „seinen Lieblingen gibts der Herr im Schlafe." -Und die' Journalisten hörten zu und sie lachten und waren sehr guter Dinge, .; v Ich denke, man kann die orientalische Selbstentäußerung, mu nicht ein stärkeres Wort zu gebrauchen, nicht weiter treiben, alsdies von Seite der orientalischen Journalisten Lueger gegenüber geschehen ist. Man kehre den Fall-um, und denke an eine Versammlung von Antiorientalisten, die von dem Kultusvorsteher einer Großgemeinde etwa begrüßt wird. Wie ist doch dies Judentum so reich an Gegensätzen! Nirgends kann man dies so gut beobachten als in den verschiedenen Badeorten, die von unseren -Glaubensgenossen bekanntlich gerne aufgesucht werden. Wenn man dann aus einem solchen Badeorte zurückgekehrt ist, und sich am Jom- Kippur in einem müßigen Stündchen, während von unserem Nachbarn die Selichot fleißig „gesagt" werden, der Erinnerung hingibt,-dann versteht man das tiefsinnige Wort : „Rechne es uns, Herr, - nicht als Sünde an, was wir in unserer Torheit gesündigt haben." In einem vielbesuchten Bade Niederösterreichs, in dem es stark nach Schwefel riecht, kann man derartige Torheiten, an denen unsere Glaubensgenossen nicht ganz unschuldig sind, mit viel Muße und wenig Behagen beobachten. Dort herrscht starrste sogenannte Orthodoxie. Vergitterte Weiberschul, Tallis über dem Kopf, endlos wiederholte Tephilla, Talnmdschiursehr koscheres Rind- und Gänsefleisch, und dann wieder jüdische Damen in den unmöglichsten sezessionistischen Toiletten, wandelnde Juwelierläden mit Ungetümen von Hüten auf den Häuptern. Gegensätze treten uns hier entgegen, wie die, welche durch den orientalischen Journalisten, der Lueger begrüßt, versinnbildlicht werden. —. Wenn inan aus der erwähnten Synagoge, oder besser „Schul" in den Stadtpark tritt, dann erkennt man, welche. Gegensätze dieses Leben, besonders für den Juden, zeitigt. In der „Schul" dunkelstes Mittelalter, mit Almemor, Gebeten ohne Ende, einem polnischen Chasan mit den obligaten Meschorerim, im Kurpark der jüdische Jüngling, der natürlich ein Atheist, Jbsenianer und Nietzscheaner geworden, und nun mit der sehr bleichen jüdischen Jungfrau oder dergleichen über „Fräulein Julie" von Strindberg geistreichelt, die soeben auf einem sehr intimen Theater aufgeführt worden ist. -Man denke sich besagten Jüngling und die bleiche Jungfrau in der „Schul" naserümpfend anhören, wie der Gott unserer Väter angerufen wird! Solche Betrachtungen mögen uns ein Lächeln abzwingen, aber ein angenehmes wird es nicht sein. Ueberall gewaltige Gegensätze. Orgel, Predigt, Damenchor und dann: wieder mittelalterliche Piutim, für die kein Mensch ein Verständnis hat. An diesen Gegensätzen krankt unser Judentum, durch sie leidet unser Gottesdienst. Die alten Gebete mögen.-unsere Alten befriedigen, die in einein anderen Milieu ausgewachsen sind, unsere Jugend befriedigen sie nicht nur nicht, sie treiben sie förmlich aus der Synagoge. Daß man dies an „maßgebender Stelle" noch immer nicht einsehen will, darin liegt das Nebel. Auf diesen: Gebiete wird etwas geschehen müssen, wenn man es nicht wird erleben wollen, daß in einigen Jahren schon unsere Synagogen ganz leer stehen. Prächtige : Tempel werden jetzt' allüberall errichtet; was aber notwendiger ist, als Marmor, Gold,- Orgel, elektrisches - Licht; und Damenchor, das ist eine - gründliche Revision unserer Liturgie. — Immer, wenn diese heilige Bet- und Bußezeit kommt, erkennen wir dies' mehr und mehr. Die Zeit schreitet fort und in unserer Mitte herrscht bedenklicher Stillstand. Das wollen die oberen Faktoren nicht einsehen- bis sie durch betrübende Tatsachen in erschreckender Meise werden daran gemahnt werden. Ob es dann nichtzu spät sein wird?' Die „orientalische Beschaulichkeit" ist heute wirklich nicht am Platze. Wir leben in der Zeit der Kongresse. Sollen wir nochmals den Ruf nach einem Judenkongreß erheben, dem die Pflicht obliegen möge, für das Haus Israel zu sorgen? Wir haben dabei wirklich opferwillige, klar denkende, mutige, geistig hochstehende Juden im Auge, denen es darum zu tun ist, im Judentum zu retten, was noch zu retten ist. Wir müssen uns die Jugend wieder zurück erobern. Wir müssen unser altes Judentumunserer Jugend zu erhalten trachten. Der Nationalismus allein tut es nicht. Ein Judentum, das nicht stark in der Religion wurzelt, ist ein Phantom, das gleichsam unter den Händen zerfließt. Es muß möglich sein, einen'Ausgleich zwischen den Gegensätzen herzustellen, die das Judentum in feindliche Lager spalten. Das Erbübel des Judentums, Rechthaberei und Streitsucht, muß bekämpft und endlich einmal ein Band hergestellt werden, das uns alle verknüpft. Ich sehe nicht ein, warum ein solcher Kongreß nicht auch, sagen wir etwa in Wien, tagen könnte. Alles schließt sich heute zusammen, alles kommt zusammen, um über gemeinsame Fragen zu beraten und zu beschließen. Und wir Juden könnten dies nicht? „Es sei wie es ist, oder es sei nicht," dieser altrömische Satz darf für das Judentum nicht gelten. Diejenige!: aber, die auf diesen Satz eingeschworen sind, wissen nicht, wie sehr sie sich gegen das Judentun: versündigen. - Iwri. Jugend und Judentum. Von Dr. Bernhard Weiß. B) Gottesdienst und Lesestoff. Erziehung und Unterricht sind, wie wir schon eingangs hervorhoben, nicht allein dafür verantwortlich zu machen, daß i die heutige Jugend dem Judentums fremd gegenübersteht. Es genügt nicht, in den Herzen der Kinder Liebe und Verständnis zum Judentun: zu wecken, sondern es muß auch Sorge getragen werden, daß diese Liebe späterhin erhalten bleibe. Mit anderen Worten: selbst eine mustergültige Erziehung, ein einwandfreier Unterricht werden nicht zu hindern vermögen, daß das Interesse der Jugend an ihrer Religion dann allmählich erkaltet, wenn Gottesdienst und Lesestoff an. Mängeln leiden. Und sie leiden an Mängeln; — das werden wir jetzt sehen. 1. Nehmen wir das minder Gewichtige, den Lesestoff, vorweg. — Tie Mängel, welche auf diesem Gebiete zutage g treten, sind weniger darin zu suchen, daß der vorhandene religiöse Lesestoff reformbedürftig ist, als vielmehr darin, daß es an einer gewissen Gattung von Schriften in der jüdischreligiösen Literatur überhaupt fehlt. Zwar bestehen neben den: Buch der Bücher — jenem alten und doch ewig jungen Er- J bauungsquell — tiefwürdige wissenschaftliche Abhandlungen H über die verschiedensten theologischen-Probleme, der Vergangen-; heit und der Gegenwart.; Nicht, aber gibt es leichtgeschriebene