Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 496 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ganz Rußland niemand -mehr da ist, der im Namen des russischen Judentums sprechen könnte, so bestanden die Deputationen aus den Aeltesten der einzelnen ‘ Bethauser sowie den Vorständen der von den Behörden genehmigten jüdischen Wohltätigkeitsvereine. In Odessa wurde der Zar auch von einer. .Deputation der jüdischen Kolonisten aus Cherson; und Jekaterinoslaw begrüßt. Der Zar.äußerte seine Freude, die Vertreter der jüdischen Bauern zu sehen und ließ die jüdischen Kolonisten grüßen. Ebenso freundlich wurde der Vorstand des Odessaer Vereins für Kolonisation Palästinas, bestehend aus den Herren Grünberg, Bärbasch und Ettinger, behandelt, die der Zar aufforderte, die jüdischen Kvlonisten in Palästina von' ihm zu grüßen. Die Vorstände der übrigen Vereine und Institutionen, welche von den das Arrangement; leitenden Beamten bezeichnenderweise alle ganz im Hintergrund auf- ■, gestellt wurden, mußten sich mit einein kurzen Dank oder einem freundlichen Lächeln begnügen. Eine erfreuliche Ausnahme machten die Vorstände der .einzelnen. Odessaer Synagogengemeinden, zu denen der Zar folgende für das.gesamte russische Jildentum bestimmte bedeutsame Worte sprach: . ,!; »Ich ., freue mich konstatieren zu. können, das; bie Juden Rußlands', alle auf dem Lande lastenden Sorgen voll .und ganz teilen." ' ..... ' Sülche? Worte des mächtigen Herrschers sind geeignet, bei '.den russischen Juden neue Hoffnungen zu erregen. Wenn der Zar einsieht, daß die Juden alle Pflichten der Staatsbürger -erfüllen und die Lasten des Landes unverkürzt tragen Helsen, .so muß er auch dafür sorgen, daß sie alle Rechte eines russischen Staatsbürgers genießen. Die vom Fürsten Uchtomsky geleiteten „St. Petersburgskija Wjedomosti" ziehen auch aus den Worten des Zaren die logischen Konsequenzen und fordern die' russischen Antisemiten allen Ernstes aus, angesichts der Zarenworte ihre Hetzereien gegen die Juden einzustellen. Das 'Organ des Fürsten Uchtomsky schreibt: ’ „Die Judenfrage in Rußland ist in eine neue Phase getreten Die unwissenden und bösartigen Menschen, welche vielfach von einflußreicher Seite offensichtlich ermuntert, einem ganzen Volksstamme die ebenso freche wie verlogene Beschuldigung ins Gesicht schleuderten, den Interessen des Vaterlandes entgegen zu wirken, bauen auf -Grund dieser Anklagen ein ganzes Programm auf. Diese hartnäckigen. und' bösartigen Hetzer werden nun ihr Handwerk an den Nagel hängen müssen. Fortan werden nicht mehr die Völkerschaften Rußlands treue Söhne desselben gemeinsamen Vaterlandes gegen einander Hetzen können. Wenigstens werden sie sich nicht mehr einbilden können, daß ihre wilden Anschauungen und ihre systematisch betriebene giftige Verleumdung in den höchsten Regiernngskreisen gebilligt und da fast offiziell gefördert werden." är Gegenüber einer -Kopenhagener Meldung des „Morning Leader" vom 3. d. M., wonach die Firma Rothschild eine neue russische, durch das Tabäksmonopol gesicherte Anleihe übernommen haben soll, nnd zwar unter der Bedingung, daß bie Behandlung ' der Juden in Rußland. eine bessere werde, wurde die . „Russische Telegraphen-Agentur" von autorativer Seite ermächtigt, folgendes zu erklären: '! „Die kritische Lage, in der sich die Finanzen Japans befinden, veranlaßt europäische Freunde desselben, Gerüchte von einer ähnlichen Geldnot. Rußlands zu verbreiten. Nur auf ein solches Manöver ist die Meldung des „Morning Leader" zurückzuführen. Abgesehen davon, baß ein Tabaksrnonopol in Rußland nicht besteht.und die. Einführung :eines solchen gegenwärtig schwierig wäre, zeugt die Verbreitung einer solchen Nachricht mehr vvrN Feindschaft gegen Rußland als von 'Kenntnis 8er sestgegründeten'rüssischeir Finanzen, dereü Läge auch in Zukunft 'nicht gefährlichwerden kann! Der Umstand, daß" die' angebliche - finanzielle Unternehmung von Bedingungen Politischen Charakters, nämlich' hinsichtlich einer Aenderung der russischen Politik in der Judensräge abhängig gemacht wird: beweist klar die' ausschließliche politische Absicht bei der Verbreitung jenes Gerüchts?'das von Kreisen äusgeht, welchen der friedliche- Kurs der jetzigen inneren Politik Rußlands nicht erwünscht ist: weil, er ihren Interessen widerspricht." : " Das Londoner Haus Rothschild hatte übrigens schon vorher die Nachricht dementiert, bei der sicher jedem Unbefangenen das Sprichwort von dem Fuchs, dem die Trauben angeblich zu sauer sind, eingefallen ist. Was übrigens die „Russische Telegraphen-.Agentur" betrifft, . so klingt - aus ihr zuweilen noch ein Ton, wie.zu des seligen Plehwe Zeiten. Sie leistetesich am 8. d. M. folgendes Stückchen: - - Petersburg, 7. Oktober. Die „Russische Telegraphen-Agentur" ist von zuständiger Stelle ermächtigt, zu erklären, daß die Petersburger Nachricht der „Köln. Ztg." : über Ausschreitungen, welche die: Einziehung von Reservisten : an vielen Orten Südrußlands zur Folge hatten, zwar wahr,; aber übertrieben sei. Die Ausschreitungen haben. nicht an vielen, sondern nur an vier Orten stattgefunden. Außerdem ist die Veranlassung zu den Ausschreitungen, welche zur Verwüstung eines- oder zweier Kolonialwarenläden geführt haben, unrichtig gedeutet worden.. - Sie ist damit - zu. erklären, daß' die große Ansammlung von Reservisten. an Gestellungsorten israelitische Händler veranlaßte, die Preise stark zu steigernwodurch eine Erbitterung der Reservisten hervorgerufen wurde! Die Ausschreitungen wurden überall im Keime gleich erstickt. Uebrigens fällt die Verantwortung für die Erregung der Leidenschaften größtenteils auf jüdische Sozialisten, welche überall an Sammelpunkten der Reservisten Pr o kl am a t i o n en gegen, den Kri e g verbreiteten, aber nichts anderes hierdurch erreichten, als. nur den Zorn, der Christen gegen sich zu erregen. Natürlich: Wenn die Muschiks die Juden mißhandeln und ausplündern, so sind immer die Juden schuld daran gewesen. Das kennt man ja schon von Kischinew her! Fürst Swiatopolk- Mirski würde gut daran tun, auch der',,Rnssischen Telegraphen- Agentur" sein Augenmerk'zuzuwenden. Sie schadet Rußland viel mehr, als sie.ihm nützt. Lriek aus Orlterrrich. Ende September. as muß ein herrlicher Anblick gewesen sein. Es war auf dem diesjährigen internationalen Preßkongreß. Aus aller Herren Ländern waren sie gekommen, die Herren Journalisten, um „über die Würde der Presse" und andere Standes- und Berufsangelegenheiten zu beraten. Es wurde fleißig gearbeitet und pokuliert und bankettrert. „Dies Volk, es kann sich nicht anders freuen, als bei Tische", der Satz, erfüllt mir immer ein, wenn ich von den vielen Kongressen lese, welche die Menschheit jetzt beglücken. Dermatologen, Journalisten,. Naturforscher, Ophtalmolvgen, Juristen, sie alle, alle kommen zusammen und beraten mit Ernst und Würde; es scheint mir aber, daß der letzte Zweck aller dieser Beratungen doch Vas Bankettieren und Pokulieren ist. .Nirgends aber trinkt und ißt man so gut, wie in Wien; dies können alle Journalisten, die zu ernster Beratung zusammenkamen, bestätigen. Undnun kommen wir zu dem „herrlichen. Anblick". ' - .. Die Stadt Wien, d. h. der hochgewaltige Bürgermeister dieser Stadt, Dr. Karl Lueger, das feuchtfröhliche Oberhaupt von Wien und Umgebung, hatte die Journalisten zu einen: Bankett geladen, und der Präsident des Kongresses, Wilhelm Singer, huldigte dem Bürgermeister beim Champagner — es