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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-14 · Heft 42 (14.10.1904) · p. Seite 495

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
Seite 495 (sequence 3)
Language
German
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Proletariat: herausgebildet; aber es will ihm keineswegs einleuchten, daß eine Massenansiedlung der Juden in Palästina diesen Zustand zu sanieren vermöchte. Wie leicht könnten so die arinen Juden, deren Not Graf Bülow während eines mehrjährigen Wirkens als deutscher Gesandter in Bukarest aus nächster Nähe teilnahmsvoll nachzugehen Gelegenheit hatte, aus der Skylla in die CharhLdis geraten. „Ich habe nicht leicht," bemerkte der Reichskanzler, der im Herbst 1898 im Gefolge des Kaiser Wilhelm die.Jerusalemfahrt mitmachte, „ein so unfruchtbares Land gesehen wie Palästina. Schon dies spricht gegen die zionistische Utopie. Dazu — woraus ich dem Dr. Herzt gegenüber kein Hehl machte, und woraus er auch nicht viel einzuwenden wußte — die Erwägung, das; der Zionismus höchstens das jüdische Proletariat, keineswegs aber die Wohlhabenden und Gebildeten unter den Juden Europas znr Auswanderung nach Palästina zu bewegen vermöchte. Schnorrer aber eignen sich nicht zur Staatengründung, und nicht einmal zur Kolonisierung. Die deutschen Juden zumal wären durch ihre ganze Geschichte und durch ihr von nicht gewöhnlicher Begabung und Zähigkeit getragenes Eingreifen in das deutsche Wirtschasts-, Geistes- und Kunstleben zu sehr mit Deutschland verknüpft, als daß sie das Bedürfnis empfinden könnten, sich in ein aussichts- und uferloses Palästinaerperiment hineinzustürzen." Gewiß, er könne und wolle sich nicht der Anschauung verschließen, daß der Not der östlichen Juden gesteuert werden sollte — und zunächst von jüdischer Seite —, aber noch immer sei er der Meinung, daß ihnen trotz der Mißerfolge durch Kolonisierung in Argentinien eher Heil erwachsen könne als den durch den mehr von sentimentaler Romantik und keineswegs von Praktischen Erwägungen geleiteten Ausblick nach den Gestaden des Toten Meeres." * In Köln tagte in dieser Woche ein internationaler Kongreß gegen die unsittliche Literatur. In der Versammlung trat, wie dies bei ihrer Zusammensetzung leicht erklärlich, auch etwas Antisemitismus zutage. Ein Dr. jnr. Lautensack aus Montreux hatte einen Brief an den Kongreß gerichtet, in dem von. „inferioren jüdischen Elementen" die Rede war. Der Vorsitzende Pfarrer Weber verlas den Brief, ohne dagegen Stellung zu nehmen. Das veranlasse den Kölner Rabbiner Dr. Frank, am nächsten Tage zu einem Proteste das Wort zu ergreifen, der folgendermaßen lautete: „Gestatten Sie mir, hier öffentlich und vor aller Welt zu erklären, daß nicht allein ich und meine Amtskollegen, sondern — ich rede .hier im Namen des gesamten Judentums — daß wir alle Schulter an Schulter stehen mit denen, die es sich zur Ausgabe gemacht haben, gegen die Verbreitung unsittlicher Literatur zu kämpfen. Von allen orientalischen Völkern werden wir noch heute die Nation der Schrift genannt, und wir wissen es zu schätzen, welchen Nutzen die Schrift, das geschriebene Wort bringen kann, und auch, welche Wirkung das geschriebene Wort hervorznrnsen imstande ist. Die heilige Schrift bringt uns unzählige Gesetze gegen die Unsittlichkeit. Wenn ich nun unsere Sympathie für die große Sache, die hier beraten wird, mitgeteilt habe, dann werden Sie es auch erklärlich finden, daß ich meine Betrübnis ausspreche über einen Satz, der in einem gestern veröffentlichten Schriftstück enthalten ist. Es handelt sich um eine Auslassung des Dr. jur. Lautensack aus Montreux, in der es heißt: „Soviel dürfte feststehen, daß die Dekadenz in Deutschland vielfach auf Einwirkungen von außen zurückzuführen ist — von Westen und von Osten; und zwar besonders von Osten und das unter Miteinwirkung inferiorer jüdischer Elemente." Das hat meine Glaubensgenossen überaus unangenehm berührt. Was soll dieses Betonen jüdischer Elemente? Bedenken wir doch: peceatur extra et intra muros, gesündigt wird bei allen Nationen und in allen Staaten. Da muß ich ganz besonders im Namen meiner Konfession gegen jenes Wort Verwahrung einlegen. Ich will nicht bestreiten, daß es verlumpte jüdische Journalisten gibt, aber sie sind in verschwindender Zahl. Ich führe für nns als Zeugnis an, daß unser Stamm gegen Unsittlichkeit immer vorgegangen ist, ich führe als weiteres Zeugnis unser sittliches Familienleben an. Unsere Feinde mögen uns vorwerfen, was sie wollen, unser Familienleben können sie nicht antasteu. (Sehr richtig!) Gestern morgen wurde hier ganz richtig gesagt: „Der ganze Schwerpunkt der Bestrebungen liegt in der Ehe." Gehen Sie in unsere Synagogen, da find die Geschlechter getrennt, damit nur nicht an geweihter Stätte ein unreiner Gedanke auftauche. Als im Jahre 1895 im großen Gürzenichsaale in einer großen Versammlung der Kölner Bürgerschaft das Wirken im Verein für entlassene Gefangene beraten wurde, da waren die Vertreter der drei Konfessionen anwesend: Weihbischof Dr. Schmitz, Pastor Koblinski und ich. Wir standen auf interkonfessionellem Boden. Damals sagte ich: Mögen Nur auch draußen verschiedene Wege gehen, der Himmel gleicht der Stadt mit hundert Toren, und wir wollen das Wort unseres großen Strategen stets Hochhalten : Getrennt marschieren und vereint schlagen." Die würdige und entschiedene Sprache dieser Erklärung machte einen tiefen Eindruck. Der Vorsitzende, Pfarrer Weber, dankte Herrn Dr. Frank für seine Worte und bemerkte, er müsse zur Verteidigung Dr. Lautensacks sagen, daß dieser wohl gemeint habe, es gebe in allen Konfessionen inferiore Elemente. Das sei auch die allgemeine Auffassung gewesen. Wenn Herr Lautensack das wirklich gemeint hätte, so hätte er wohl nicht ausschließlich von jüdischen inferioren Elementen gesprochen! Am Schlüsse der Tagung, als ein Redner aus Karlsruhe die Bemerkung machte, daß man nur durch das Christentum etwas erreichen könne, bemerkte Rabbiner Dr. Frank sehr treffend: „Der Redner aus Karlsruhe hat gesagt, alles kann nur wirken durch das Christentum. Unser Bestrebest hat gestern schon von leitender Stelle aus den Namen interkonfessionell erhalten Wir alle wollen das Gift zerstören, das unser Volk zerstört. Sie werden mir deshalb nicht verübeln, daß ich meinen Standpunkt wahren muß, und ich möchte für das Wort Christentum hier gesagt wissen, daß unser ganzes Streben durch Religion ein sicheres Ziel erreichen werde. Religion ist ein gemeinsalnes Band und die Grundsäulen der Religion sind Wahrheit, Recht-und Friede." Auch diese Erklärung machte einen sehr guten Eindruck. Der internationale Kongreß hat Herrn Rabbiner Dr. Frank sodann in die „internationale Konunission zur Bearbeitung einer Denkschrift für die diplomatische Konferenz in Bern" gewählt. Auch in der Schweiz wagen sich, wie uns aus Zürich mitgeteilt wird, bereits Stimmen gegen die Einwanderung der russisch-polnischen Juden hervor. Die „Neue Züricher Zeitung" brachte einen Artikel gegen die „russisch-polnische Invasion", in dem von ganzen Wagenladungen polnischer Juden gesprochen wird, die sich in Zürich niederlassen, - und gegen die Negierung und Polizei sowie gegen die Einwohnerarmenpftege den Vorwurf zu großer Toleranz und Nachsicht gegen die Elemente erhoben wird; von berufener Seite ist allerdings sofort in demselben Blatte auf diese übertriebenen Darstellungen geantwortet werden, immerhin aber ist es bemerkenswert, daß auch in der freien Schweiz schon die Einwanderungsfrage debattiert wird. * Anläßlich der Truppeninspizierung in Südrußland ist der Zar vielfach mit den Juden in Berührung gekommen und der von letzteren ihm bereitete herzliche Empfang dürfte vielleicht günstige Folgen für sie haben. In Odessa, Tyraspol und Schmerinka in Südrußland, in Winniza, Pinsk, Mosir, Luminctz, Lida und Wilna haben die jüdischen Gemeinden den Zaren mit Thorarollen empfangen und in ihren Begrüßungsansprachen ihre Bereitwilligkeit ausgedrückt, alles für den Zaren und das Vaterland zu opfern. Da das Tschinowniktum überall die qutonomen jüdischen Gemeinden vernichtet hat und in

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