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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-14 · Heft 42 (14.10.1904) · p. Seite 494

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 42 (14.10.1904)
Date
1904-10-14
Page
Seite 494 (sequence 2)
Language
German
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Dichtungen wird immer ein hervorragendes Mittel bleiben, die Dichter dem Volke nahe zu bringen und das Volk der Dichtkunst zu gewinnen. Wie notwendig dies gerade für jüdische Kreise ist, die noch 'immer so wenig Kenntnis von der Poesie des Judentums haben, braucht wohl an dieser Stelle nicht erst auseinandergesetzt zu werden. Die Pflege der-Rezitation als Erläuterung zu den literarhistorischen Vorträgen kann nicht warm genug empfohlen werden. Aber auch von Volksunterh al tun g sab enden ist aus dem Kongreß zur Verbreitung der Volksbildung die Rede gewesen. Sie sind seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit steigendem Erfolge'gepflegt und durch die deutschen Gaue verbreitet worden. Sie haben ein glänzendes Ergebnis gehabt. Der Grund dieser Erfolge ist als ein doppelter festgestellt worden, einmal in der Durchführung der einheitlichen Idee, die den Abend leiten soll, und dann in der Herstellung der rechten Verbindung, die die Gebenden und Nehmenden, das Publikum und die Darsteller innig verschmilzt: ein Programm, ein Rahmen, in den sich gedankenschlüssig Deklamationen, Vorträge, Gesänge einpassen, einheitlich wirkend, eine Stimmung, ein Hauch des Geistes, den Abend beherrschend! Solche Volksunterhaltungsabende könnten in unseren Literaturvereinen eine wahre Pflanzstätte für das jüdische Empfinden und für die Kenntnis unserer Geistesgüter werden. Das ist eine ideale Ausgabe, deren praktischer Lösung sich namentlich diejenigen unter uns mit vollem Eifer widmen sollten, welchen daran gelegen ist, daß wir die Jugend für die Interessen der Literaturvereine gewinnen. Herr Rabbiner Dr. Samuel in Essen hat bereits vor einigen Jahren in seiner Gemeinde einen verheißungsvollen Anfang damit gemacht. Er hat für diesen Zweck die Sonntagsnachmittage ausgewählt und als Programm: Fragen - Beantwortung, Zeitungsschau, gehobene Geselligkeit bezeichnet. Der Erfolg war ein außerordentlicher, und es ist dringend zu wünschen, daß diese Idee ' überall, namentlich in größeren Städten, wo viele junge Leute und junge Mädchen in kaufmännischen und industriellen Betrieben tätig sind, die für-höhere ideale Zwecke nur auf diese Weise gewonnen werden können, Nachahmung finden möge. Es ist selbstverständlich, daß über all diesen neuen Projekten die große einheitliche Grundidee der Literatnrvereine und ihr Hauptzweck ja nicht in den Hintergrund gedrängt werden darf. Nach wie vor muß es ihre einzige Aufgabe bleiben, die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur in weite Kreise zu tragen und diesen Kreisen zugleich einen Einblick in das jüdische Schrifttum zu gewähren. Bleiben die Vereine diesem Ziele treu, so werden sie über kurz oder lang einen heilsamen Umschwung.in dem Geistesleben der deutschen Juden hervorgebracht haben, einen Umschwung, dessen erste Anzeichen schon heute überall da erkennbar hervortreten,, wo ein Literaturverein seit längerer Zeit besteht und gedeihlich wirkt. Der Erfolg hängt aber in den meisten Fällen von den geistigen Leitern des Untermehmens ab. Es ist eben hier genau I so, wie in allen anderen Vereinen. Einige Männer müssen an der Spitze stehen, die ein besonders warmes Interesse an der Sache haben und die diese auf jede mögliche Weise zu erhalten und populär zu machen sich bestreben. In erster Reihe sind dies ja Rabbiner und Lehrer. Wenn sich aber in der Gemeinde außer diesen noch Männer von Herz und Geist finden, denen die Ziele eines solchen Vereins sympathisch sind, müssen sie unter allen Umständen herangezogen werden. Damit hängt aber schon die Schwierigkeit des Bestandes eines solchen Literaturvereins in kleinen Gemeinden zusammen, wo oft nicht leicht die geeigneten Persönlichkeiten zur Leitung desselben sich finden. Wenn ein Rabbiner oder ein Lehrer aus einer Gemeinde weggeht, der dort den Mittelpunkt des geistigen Lebens gebildet, da wird natürlich ein Stillstand eintreten und der Verein, wie dies ja wiederholt der Fall gewesen ist, vielleicht einen Winter hindurch pausieren. Aber das schadet nichts. Kommt dann der neue Rabbiner oder der neue Lehrer und weckt mit frischem Eifer das nur scheinbar erstorbene Interesse, so wird er sicher aus erhöhte Teilnahme in seinem Kreise stoßen, zumal wenn er es versteht, die oben angeführten Hilfsquellen für die Erweckung dieses Interesses namentlich bei unserer Jugend nutzbar zu machen. Auch die Institution der F o r t b i l d u n g s k u r s e wird noch wesentlich zu erweitern sein. Das gilt natürlich nur für größere Städte. Aber gerade dort sind solche Fortbildungskurse für der Schule entwachsene Jünglinge. und Mädchen ein dringendes, unabweisbares Bedürfnis. Unsere Literaturvereine sollten es sich zur heiligen Aufgabe machen, dieses Bedürfnis zu befriedigen. Es gibt nur noch wenige Großgemeinden in Deutschland, die keinen Literaturverein besitzen, aber es ist dringend zu wünschen, daß auch diese fehlenden sich bald in Reih und Glied stellen und an der Erfüllung unserer großen Aufgaben Mitarbeiten. Die Literaturvereine haben wie jede neue Institution mit verschiedenen Gegnern zu kämpfen gehabt. Aber sie haben durch ihre Existenz die Vorwürfe, welche gegen sie erhoben wurden, schon widerlegt, und sie werden auch fernerhin die Mißstände, die der Institution noch anhasten, zu beseitigen sich bemühen. Dadurch aber wird ihre sittlich soziale Bedeutung im Bildungs-' und Geistesleben der jüdischen Gemeinschaft immer höher steigen, und ihre Leiter werden immer mehr bemüht sein, das Gefühl der Verantwortung der Gesamtheit gegenüber zu erhöhen und ihre Kraft zu stärken. Wir werden nie vergessen, daß alles Wissen, alles Erkennen sonst sehr leicht trivial und wirkungslos wird; nur wenn es den innern Sinn vertieft und belebt, wenn es ihn zu einem höheren Sein umbilden hilft, trägt es die Bürgschaft ewigen Lebens in sich. Dir Mache. Berlin, 11. Oktober, ras Bülow hat sich über den Zionismus ausgesprochen, und seine Aeußerungen sind schon um der politischen Stellung des Reichskanzlers willen von Bedeutung. Der bekannte Wiener Schriftsteller Siegmund Münz hatte in diesen: Sommer Gelegenheit, den Reichskanzler in Norderney zu sprechen und bei dieser Gelegenheit kam auch die Rede ans den Tod Herzls und dadurch auf den Zionismus als solchen. Münz berichtet darüber in der „Neuen Freien Presse" folgendes: . „Der Reichskanzler erinnert sich, den nun Verstorbenen zweimal gesehen zu haben, einmal im kaiserlichen Zeltlager in der Nähe von Jerusalem, das zweite Mal in Berlin. Beide Male hatte Dr. Herzl dem Grafen Bülow seine Aufwartung gemacht, um zuerst den Staatssekretär des Aeußereu in ihm und dann den Reichskanzler für die Förderung des zionistischen Gedankens zu gewinnen. Graf Bülow war jedoch keineswegs in der Lage, Dr. Herzl in dessen Propaganda zu bestärken und ihm irgendwelche verheißungsvolle Förderung seines Projektes in Aussicht zu stellen. Bei Anerkennung der hervorragenden schriftstellerischen Begabung des Verstorbenen, dessen gefällige und eindrucksvolle äußere Erscheinung dem Kanzler in lebhafter Erinnerung geblieben, vermochte dieser jedoch nicht dem Zionismus viel Geschmack abzugewinnen. Graf Bülow hatte offenen Sinn für den Druck, unter dem die in Massen zusammengepferchten Juden des Ostens leben, ja er sucht sogar in einem Gespräche den Ursachen nachzuforschen, die es bewirkt haben, daß sich gerade im Osten solch ein in trostlosen Verhältnissen befindliches jüdisches

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