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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-07 · Heft 41 (7.10.1904) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 41 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 ——D— hielten die Weihereden, während die Gesänge von dem Oberkantor Heymann aus Straßburg und seinem Chor vorgetragen wurden. . — Auch in Weiler bei Schlettstadt wurde am 25. v. M. durch Oberrabbiner Urh und Rabbiner Dr. Bloch-Dambach eine neue Synagoge ihrer Bestimmung übergeben. Diese noch junge kleine Gemeinde hatte bisher nur einen -Betsaal benützt. Sehr bemerkt wurde, daß der üblichen Sitte entgegen der Kreisdirektor weder selbst erschienen noch einen Vertreter geschickt hatte, und daß aus dem Städtchen selbst nur die protestantischen Beamten (Amtsrichter, Polizeikommissar, Zollbeamte und andere), nicht aber der katholische Bürgermeister und Gemeinderat an der Feier teilnahmen. — Hingegen berichteten vor kurzem die Zeitungen aus Rosen weil er, daß der dortige katholische Bürgermeister und Gemeinderat einem aus Nosheim kommenden Leichenzug — eine Frau wurde beerdigt — entgegengegangen sei. Rabbiner Dr. Goldstein-Mutzig dankte in seiner Ansprache auf dem Friedhofe dem Gemeinderat und der Bevölkerung für ihr Erscheinen und hob die schöne Eintracht hervor, die in Nosenweiler stets zwischen Christen und Juden bestanden habe. Jetzt wohnen in diesem Orte keine Juden mehr; nur der mehreren Gemeinden gemeinsame Friedhof erinnert noch an ihren früheren Aufenthalt daselbst. Oesterreich-Ungarn. LI Wien, 3. Oktober. Der gestern abgehaltene Kreisturntag des Turnkreises XV (Deutsch-Oesterreich) beschloß also doch mit mehr als Zweidrittelmehrheit seinen Austritt aus der Deutschen Turnerschaft und die Umwandlung in einen selbständigen Turnkreis. Damit ist die Turnsehde wegen des sogenannten Arierparagraphen nach außen hin zum vorläufigen Abschluß gelangt, allein innerhalb des Turnkreises ist die Fehde noch nicht beendet, da die Vertreter der einzelnen Turngaue teils für, teils gegen den Austritt stimmten. Die Abstimmung ergab 97 Stimmen für und 34 gegen den Austritt. Bekanntlich hatte der letzte, in Berlin abgehaltene Turntag entschieden, daß neben dem Turnkreise XV ein neuer Turnkreis XVa zu schaffen sei. Aus diese Weise wollte man, ohne die am Arierparagraphen festhaltenden deutsch-österreichischen Turnvereine zu verletzen, auch jenen Vereinen, die diesen Paragraphen ablehnen und demnach Juden zu ihren Mitgliedern zählen, die Möglichkeit des Anschlusses an die Deutsche Turnerschaft bieten. Der jetzige Beschluß des Kreisturntags XV ist die trotzige Antwort auf die damalige Entscheidung. — Hier ist vor kurzem der Marine-Elektroingenieur Oberst Moses Burstyn gestorben. Er wurde 1841 zu Lemberg geboren, praktizierte in einer chemischen Fabrik in Meidling und trat 1867 als Assistent in das Seearsenal zu Pola ein. 1885 wurde er zum Vorstand der elektrolytischen Abteilung des Marinetechnischen Komitees ernannt. 1903 erfolgte seine Ernennung zum Obersten-Jngenieur. Dieser Posten wurde, speziell für ihn kreiert. Durch ihn wurde die Elektrotechnik in der österreichischen Kriegsmarine eingeführt. Er war auch der Erfinder des „Burstyn-Trockenelements", das auf den österreichischen Kriegsschiffen eingeführt ist. Unter anderen Auszeichnungen besaß er den Franz-Josefsorden. — Der einzige namhafte Philosoph Ungarns, Dr. Bernhard Alexander, ist zum Christentum übergetreten und unmittelbar darauf vom Minister zum ordentlichen Professor der Budapester Universität ernannt worden. Eine praktische Philosophie! — Der Privatdozent und Adjunkt am zweiten chemischen Laboratorium der Universität in Wien Dr. Cäsar Pomeranz wurde zum außerordentlichen Professor der Chemie an der Universität ernannt. — Dem Rabbiner Dr. Emil Hosmann in Reichenberg wurde der Titel Professor verliehen. Lutzland. L. A. T. Odessa, 1. Oktober. Ein gewisser Basilinsky, ein Jude aus Elisabetgrod, der sich jetzt im fernen Osten auf dem Kriegsschauplatz befindet, schrieb seinen Verwandten, wie die „Elisabetgroder Neuigkeiten" melden, folgendes: „Am 13. Juli 1904. Vier Werst von Chaitschen. Für die Schlacht bei Wafangou den 1. bis 2. Juli erhielt ich das St. Georgenkreuz IV. Klasse. Mein Leben hing an einem Haare. Seit dem 10., 11., 12. ziehen wir uns kämpfend zurück und wollen uns mit den Truppen von Lajaon vereinigen. Den 11. kämpften wir ununterbrochen 16 Stunden. Ich habe keine Zeit viel zu schreiben. Äis jetzt bin ich gesund. Die starken Regengüsse hören nicht auf, was sehr zu bedauern ist. Wir setzen uns in der Nacht in Bewegung. Ich befinde mich in Gefahr. Betet für mich. Seid - gesund. Schreibet. Boris." — In einem anderen Briefe schreibt erfolgendes: „Ich fühle mich recht wohl: bis jetzt konnten sie mich nicht töten — aber, sie werden mich töten. Bei allem Ungemach verhalte ich mich kaltblütig. Ich esse, was ich zur Hand habe, und bin gesund wie ein Ochs. An das Pfeifen der Kugeln bin ich gewöhnt, wie der Maschinist an den Pfiff der Lokomotive. Ich lebe und denke an nichts. So ist es leichter, sagt man. Meine Adresse: Das Mandjurische Detachement des 1. Ostsibirischen Jägerregiments Seiner- Kaiserlichen Majestät. Jetzt befinde ich mich in der Abteilung des Generals Fock, unseres alten Kommandeurs des Prager Regiments.. Bitte mir zu schreiben. Lebet wohl. Euer Boris Basilinsky." — Die Verwandten Basilinskys erhielten die Nachricht, daß Boris durch zwei Kugeln verwundet wurde, daß er im Hospital sich befand und die Krankheit glücklicherweise überstand. Die Wunde heilte zu und er befindet sich wieder in der Front. Er diente früher in Nikolajewsk, und meldete sich als Freiwilliger in Port Arthur: dort trafen ihn die Kriegsereignisse an. — Die Aufnahmeprüfungen im Kiewer Polytechnikum haben bereits begonnen. Freie Plätze für den ersten Kursus der vier Abteilungen gibt es 330; Bittschriften um Ausnahme im ersten Kursus sind 788 eingereicht worden, von denen 217 von Juden. Für die höheren Kurse wurden 164 Bittschriften eingereicht. Die Prüfungen werden vier Tage dauern. Die Norm für die Juden beträgt — 15 Prozent. — In Bälde wird der statistische Sammelband erscheinen, den das Zentralkomitee der jüdischen Kolonisationsgesellschast („Jka") zusammengestellt hat. In diesem Buche befinden sich viele Tafeln, die ein anschauliches Bild über die ökonomische Lage der Juden in Rußland, und über den Zustand ihrer Volksbildung geben. — Die vorletzte Nummer des „Odesskh Listoc" brachte folgende interessante Notiz: „Am 19. August zog auf dem Elisabetgroder Bahnhof ein junger Soldat, der vom fernen Osten in die Heimat zurückgekehrt war, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Dieser Soldat ist der Kleinbürger der Stadt Balta, Samuel Gilstein, der sehr interessante Details von der Schlacht bei Wafangou erzählte, in welcher er drei Wunden, und zwar in der Fußsohle, in der Hüfte und der Brust erhielt. S. Gilstein ist Gemeiner im 35. Ostsibirischen Regimente; er fiel in Gefangenschaft bei den Japanern, von wo er entfloh, und wurde von der Auskundschaftsabteilung aufgelesen. In Liaoujaug dankte ihm der Oberbefehlshaber der Mandjurischen Armee, General Kuropatkin, für seine Tapferkeit, und heftete an seiner Brust den heiligen St. Georgorden IV. Klasse an. Gilstein diente in diesem Regiment drei Jahre. Dem Ansehen nach ist er vollkommen gesund, von athletischer Konstruktion, nur hinkt er etwas. — Wir finden in einer der letzten Nummer der „Odessaer Neuigkeiten" („Odesskija Nowosty") folgende interessante offizielle Mitteilung: „Die Helden." Im Befehle des Statthalters vom 10. Juli heißt es: Kraft der mir Allerhöchst gewährten Macht, belohne ich mit dem Zeichen des Militärordens IV. Klasse (St. Georgenkreuz) für die Gefechte gegen die Japaner den Kanonier Jury Stopjanis und den Jäger Chaim Baraz. Der Gefahr ausgesetzt, von dem Gegner in Gefangenschaft genommen zu werden, befanden sich dieselben bei den Offizieren, die Berichte von der belagerten Festung Port Arthur brachten." — Der jüdische Schriftsteller D. B. Ratner in Wilna erhielt auf Vorstellung des Ministers der Volksaufklärung die große goldene Medaille auf dem Stanislaus-Bande, für seine nützliche literarische Tätigkeit auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte, und insbesondere für seine jüngste Arbeit: „Varianten und Kommentare zum Talmud." Amerika. EL Newyork, im September. Am 30. v. M. starb in Latrobe, Pennsylvania, Dp. Lipmann Mayer, früher Rabbiner in Pittsburg. Mayer war 1842 in Mühlheim in Baden geboren, war zuerst Lehrer im Elsaß, kam 1868 nach Amerika und wurde, nachdem er kurze Zeit in Mobile, Alabama, Rabbiner gewesen, 1870 von der Gemeinde Rodef Schalom in Pittsburg zum Rabbiner gewählt, in wetcher Eigenschast er bis'zu seiner vor zwei Jahren erfolgten Pensionierung fungierte. Seine Frau ist die Tochter des bekannten Pädagogen

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