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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-07 · Heft 41 (7.10.1904) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 41 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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68. Jahrgang. No. 41. Der Gemeindevote. Berlin, 7. Oktober 1904, Vellage zur ^Allgemeinen Rettung deK Judentums" SorrelpondenHM und Oschrichtrn. Deutschland. 22 Berlin, 4. Oktober. Das von dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde und der Großloge 11. O. B. B. gemeinsam berufene Kuratorium für Herstellung eines Gesamtarchivs für die Juden Deutschlands hat beschlossen, zunächst einen mit der hebräischen Sprache und der jüdischen Literatur gründlich vertrauten jüdischen Fachmann mit Rundreisen durch die jüdischen Gemeinden Deutschlands zur Feststellung und Prüfung des bei ihnen vorliegenden archivalischen Materials zu beauftragen. Herr Archivar Dr. Zivier in Pleß ist zu dieser Aufgabe vorgesehen. Der Beauftragte wird über jede Reise einen zusammenhängenden wissenschaftlichen Bericht erstatten. Auf Grund desselben soll die Sammlung oder Kopierung des archivalischen Stoffes für das Gesamtarchiv veranlaßt lverden. Zugleich ist die Photographierung sämtlicher für die Geschichte des mittelalterlichen Judentums so bedeutsamen Memorbücher beabsichtigt. Das Kuratorium hat endlich beschlossen, einen jüngeren Historiker für den Posten des Archivars berufsmäßig ausbilden zu lassen. S£2 Berlin, 5. Oktober. Der Vorstand des Jüdischen Genesungsheim zu Lehnitz hat beschlossen, das Heim während der nächsten Monate offen zu halten, da anerkanntermaßen die Erfolge der Winterkuren denen der Sommerkuren in keiner Hinsicht nachstehen. Es soll auf diese Weise einer größeren Anzahl von Rekonvaleszenten und Erholungsbedürftigen, welche in der eigentlichen Ferienzeit nicht abkömmlich waren,- oder wegen Ueberfüllung des Heims keine Aufnahme finden konnten, Gelegenheit geboten werden, die Wohltaten dieser Einrichtung zu genießen. Gesuche, eventuell mit ärztlichem Attest sind an das Bureau, hier, Große Präsidentenstraße 3, I, zu richten. 2/D Berlin, 3. Oktober. Die Mietsunterstütz.ungs-Anstalt der jüdischen Gemeinde „Ohel Jescharim" versendet in diesen Tagen den folgenden Aufruf: Von allen Sorgen, welche die Armen und Notleidenden drücken, ist die Beschaffung der Miete die größte! Das war seit jeher der Fall, und wird auch in aller Zukunft so bleiben; es haben dies unsere Alt-Vorderen gewußt, und deshalb haben sie vor länger als 100 Jahren sich zusammen getan, um nach Möglichkeit Hilfe zu schaffen. Unter dem Namen: Mietsunterstützungs- Anstalt der jüdischen Gemeinde, „Ohel Jescharim", errichteten hochherzige Männer im Jahre 1798 diese Vereinigung, um die durch Krankheit, Arbeits- oder Erwerbslosigkeit oder durch hohes Alter in Not geratenen Glaubensgenossen davor zu bewahren, wegen mangelnder Miete mit Weib und Kind obdachlos zu werden. Willig unterwarfen sie ihre Anstalt der Aussicht der Staats- und Gemeindebehörden, welche darauf achten sollten, daß die überwiesenen Beiträge, Geschenke und Vermächtnisse nur diesem einen Zweck dienen. Durch gründliche Prüfung der eingehenden Gesuche seitens unserer Vorsteher wird die Würdigkeit und Bedürftigkeit der Petenten geprüft und die Höhe der etwaigen Unterstützung bemessen. Brauchen wir zu erklären, daß die Zahl der eingehenden Gesuche mit der Zunahme der Gemeindemitglieder täglich wächst, und daß die von Unserer Anstalt in früheren Jahren gewährten Geldunterstützungen unter heutigen Verhältnissen vollkommen unzureichende sind, und unsere Einnahmen leider lange nicht ausreichen, um allen Ansprüchen zu genügen? Verringern sich doch unsere Einnahmen alljährlich durch das Hinscheiden alter Gönner, und ist es uns deshalb eine heilige Ausgabe, neue Freunde zu werben, diese alte bewährte Anstalt von 1798 hoch zu halten, um sie in verjüngter Kraft unseren Amtsnachfolgern einst übergeben zu können. Darum treten wir vertrauensvoll an Sie mit der Bitte heran, unserer Anstalt beizutreten, um unbeschreibliche Not und Elend lindern zu helfen. Wir ersuchen Sie, uns Ihren Beitritt gütigst auf anliegender Karte aussprechen zu wollen. Das Kuratorium der Mietsuntersttttzungs-Anstalt von 1798, „OhelJescharim". Gustav Loewenberg, Oscar Rathenau, Moritz Heilmann, Emil Pincns, Julius Cohn, Martin Lesser, Arthur Zamory. - a. Elbing, 27. September. Hier ist vor kurzem ein Oberlehrer a. D. Dr. Robert Friese im 88. Lebensjahre gestorben, der sein Vermögen von 69588 Mark der Stadt Elbing zu wohltätigen Zwecken hinterlassen hat. Ein Teil der Zinsen soll zur Bekleidung armer Kinder im Winter, ein Teil zur Versendung schwächlicher Schulkinder in die Sommerfrische verwandt werden. Ausdrücklich ist im Testament betont „ohne Unterschied der Konfession der Eltern, also auch Kinder jüdischer Eltern" (wörtlich) sind darunter zu verstehen. Den übrigen Nachlaß (Bücher, Bilder, Möbel, Noten, Pianoforte, Kleider) und alles, was sich vorfindet, hat er der Gemeinde jüdischer Mitbürger zugedacht (sie!). Friese war evangelisch, Spiritist und hieß hier der Geisterfriese. 1816 in Elbing geboren, studierte er Mathematik und Phhstk, war 1853 Lehrer in Bromberg, 1854 in Posen, 1857 in Breslau Oberlehrer bis er 1882 in den Ruhestand trat. Er beschäftigte sich viel mit den schönen Künsten neben den spiritistischen Studien. s. Stettin, 27. September. Die Stadtverordneten-Versammluug beschäftigte sich in ihrer Sitzung am 1. d. M. unter Vorsitz des Herrn Dr. Delbrück mit einer Vorlage betreffend den jüdischen Religionsunterricht. Der Magistrat ersucht, die Mittel für die Einführung des jüdischen Religionsunterrichts an den höheren Schulen (Stadtgymnasium, Friedrich Wihelms-Realghmnasium und Schiller-Realgymnasium) und an der Kaiserin Auguste Viktoria-Schule bis zur Hälfte der Personalkosten vom 1. April 1905 an durch Etat zu bewilligen. Die hiesige Synagogengemeinde hat den Antrag gestellt, bei den genannten Schulen, die zurzeit von 218 jüdischen Kindern besucht werden, den jüdischen Religionsunterricht einzuführen. Nach einer Verfügung des Unterrichtsministers vom 30. April 1875 kann „schon bei 35 Schülern eine entsprechende Berücksichtigung nicht wohl versagt werden". Demgemäß ist bereits in sehr vielen Städten dem Verlangen der Synagogengemeinden Folge gegeben worden. Die Zuschüsse der Städte dazu sind nach Ausweis der in den Akten befindlichen Aufstellung sehr verschieden. Die einen geben festen Zuschuß, andere einen verhältnismäßigen, je nach der Zahl der zu erteilenden Stunden. Der Staat zahlt in der Regel die Hälfte der Personalkosten. Herr Storch erklärte namens seiner Fraktion, daß die Sozialdemokratie den Standpunkt vertrete, der Religionsunterricht müsse aus den Schulen entfernt werden. Aus diesem Grunde sei er und die Fraktion gegen die Vorlage. Die Versammlung nahm die Vorlage an. 8. Rawitsch, 3. Oktober. Wieder hat der Tod eine empfindliche Lücke in der Reihe der Besten Israels gerissen. Der Rittergutsbesitzer Isidor Rohr auf Langguhte bei Bojanowo (Posen) ist am 26. v. M. nach langem qualvollen Leiden dahingeschieden. Aus einer Familie stammend, in welcher sich wahre Frömmigkeit durch edle Taten kundgab, hat auch er die Tradition seines väterlichen Hauses in seinem Leben nie außer Acht gelassen. So hat er sich fast 25 Jahre hindurch als Vorstandsmitglied mit warmem Interesse und' hingebender Treue den Angelegenheiten der Synagogengemeinde Bojanowo gewidmet. Seine Leutseligkeit und seine aus reiner Menschenliebe hervorgegangene Hilfsbereitschaft kannte keinen Unterschied des Standes oder der Konfession; jedem Bedrängten, bei ihm Hilfesuchenden stand er bei, vielen hat er die Existenzmöglichkeit zurückgegeben. Des Entschlafenen Gemeinsinn befaßte sich aber nicht nur mit dem, was seiner engeren Heimat frommte, sondern galt auch dem Wohle des Kreises Rawitsch, indem er als Mitglied des Kreistages seine Kraft den vielen Ehrenämtern widmete. Nicht unerwähnt darf es ferner bleiben, daß es seine Hauptsorge mit war, daß die vielen Wohltätigkeitsanstalten, die sein verewigter Bruder Moritz gestiftet, wie z. B. das Rohr'sche Krankenhaus zu Posen, die jüdische Altersversorgungsanstalt zu Bojanowo im Sinne des Stifters als dessen unvergängliche Denkmäler auch verwaltet wurden. Diese

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