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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-07 · Heft 41 (7.10.1904) · p. Seite 492

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 41 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
Seite 492 (sequence 12)
Language
German
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492 solches Aufsehen mehr machen, wenn Ehen zwischen den An-' ' Hangern beider Richtungen geschlossen würden, wie das der Fall war, als zum erstenmal ein reicher Spagnole die Tochter^ eines ungarischen Juden heiraten wollte. Wer unter ihnen übrigens den stolzen Typus! der alten spanischen Juden sucht, der würde damit wohl kein Glück haben. Sie unterscheiden sich im Aussehen nur wenig oder fast gar nicht von den anderen Juden, höchstens durch das Turbantuch, das sie sich hie und da noch um das Haupt winden. Natürlich ist dieses meist geblümt; denn den weißen Turban darf nur der Hadscha, das heißt der Derwisch, der neben dem Toten kauert, oder der Hadschi, das heißt der Moslem, der nach Mekka gepilgert ist, sich stolz auf das Haupt setzen. In der Carsija, dem großen Handwerks- und Handelsviertel der Stadt, deren buntes Treiben einen einzigartigen Anblick gewährt, begegnet man ihnen auf Schritt und Tritt, und zwar sowohl als Handelsleuten, wie als Handwerkern. Hier unterscheiden sie sich wirklich im Aeußern nur wenig von den eingeborenen Mohamedanern; sie sitzen in ihren hölzernen Buden still und würdig hinter den aufgestellten Waren auf dem breiten Teppich, rauchen ihren Tschibuk, langen ab und zu nach dem winzigen Mokkatäßchen zu ihren Füßen, und scheinen sich in der Tat um den Käufer zunächst fast gar nicht zu kümmern. Das Anpreisen und Herbeirufen kennen sie nicht. Sie verkaufen vor allem Tauschier- und Filigranarbeiten, Service, Kaffeemaschinen, Rauchbehälter usw. In seiner bunten Mannigfaltigkeit und seinem lärmenden Getriebe macht dieses ganze Bazarbild auf jeden Fremden einen unvergeßlichen Eindruck, zumal wenn ' man auf einem etwas erhöhten Punkte die wimmelnde Budenstadt vor sich hat, und ihre prächtige Umrahmung von Moscheen, Kirchen, Synagogen, und weiterhin die schweigenden Bergmafsen aus der Ebene aussteigen sieht. Auf dem Wege über die Carsija wundern wir uns über die Menge von Schuhwarenhändlern und Flickschustern, unter denen auch recht viele Juden sind. Wenn wir aber dem unermüdlichen Führer auf gewundenen Wegen zur eigentlichen türkischen Altstadt folgen, den steilen Bergpfad hinan über die scharfen und runden, die kleinen und großen Steine, dann sangen wir seufzend an, die Notwendigkeit des Schuhwaren- Engros-Betriebs in Serajewo zu begreifen. Von hier aus ist der Blick in die Ferne über Berg und Tal, über den Fluß und die schimmernde Stadt, ein wahrhaft bezaubernder. Es herrscht hier eine Ruhe, die nur im Orient möglich ist, und die nach dem Treiben der Carsija geradezu wohltuend wirkt. Ein einziger alter Türke sitzt vor dem Fenster seines vergitterten Selamliks und murmelt aus dem Koran seine Sprüche. Es ist wie das Plätschern eines kleinen Wasserfalls, und dann gesellt sich ihm ein zweiter zu. Und sie fangen an über die Auslegung irgend einer Sure im Koran zu disputieren. Mir ist, als hörte ich den Disput zweier Bachurim in einer polnischen Jeschiwa. Derselbe Tonfall, dieselbe Daumenbewegung, und wer weiß, ob nicht auch derselbe oder ein ähnlicher Gedanke! Plötzlich werden sie still. Es ist 12 Uhr. Von dem nahen Minaret verkündet der Muezzim in dem eigentümlich singendklagenden Ton seinen Glaubensspruch: „La ilaha illa ’llahu!“ Mir aber gehen dabei die Verse Goethes nicht aus dem Sinn: „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Occident, Nord- und südliches Gelände, Ruhn im Frieden seiner Hände. 6. K.. Sabbat.' Von Gustav Steinert. ollendung ward den Himmelschören!— Und die der Chöre Harmonie, Der Sphären heil'ge Melodie, Den Stufensang der Schöpfung hören, Die den Gedanken tief erschauen Im Weltenbild, im Weltenschall, , Und das geschaute weite All Im Geiste wiederholend bauen, Sie steigen aus, ein Feuerwagen, Von Region zu Region, Sie sind's, die von des Höchsten Thron Den Sabbat in die Schöpfung tragen. Sie sind die Ruhe, das Beschließen, Nachdem das Schöpfungswerk getan; Sie bergen den Entwurf, den Plan, In welchem sich die Fernen grüßen. I Wer am Vorabend des siebenten Tages betet und „Wajchullu“ sagt, der wird nach dem Schriftwort gleichsam ein Genosse Gottes beim Schöpsungswerke; denn es heißt: „IVajebuIlu" — sie waren vollendet, was aber auch gelesen werden kann:' „Wajchallu“ — sie hatten vollendet. Sabbat 119. Literarische Mitteilungen. — „Die Wahrheit über das Leben". ^..Verlag von Schmaller & Lubenow, Berlin 1904. Neue Gedanken wird man diesem gut geschriebenen Werke nicht absprechen können. Während der I. Teil „Die Entstehung des Lebens" in ernst philosophischem Gelehrtenstil sich logisch bewegt, muten einzelne Stellen, z. B. in dem Teil „Der Wert des Lebens" und in dem Teil „Der Zweck des Lebens" wie die Lyrik eines echten Dichters an. Der Verfasser'entrollt in kurzen, lapidaren Zügen ein Weltbild vom Urnebel bis zum Menschen, und gibt eine jedenfalls neue und interessante Erklärung über den Wert und den Zweck des menschlichen Daseins. Er versucht die Konflikte zwischen Wissenschaft und Religion auszugleichen, erklärt die Ungerechtigkeit und den Zufall in Plausibler Weise, und bezeichnet im Schlußkapitel den Tod als den Zerreißer aller Schranken/ welche das Individuum von der Unendlichkeit trennen. Man braucht mit dem Verfasser nicht überall einer Meinung zu sein; aber mit diesen Gedanken muß sich ja jeder Gebildete beschäftigen und abfinden. — Hebrew Union College Annnal, Cincinnati 1904. Edif.oHn- Chief: Ephraim Frisch. Eine sehr interessante und reichhaltige Publikation, die die reiferen Hörer des II. U. C. hier herausgegeben haben, mit ausgezeichneten Beiträgen von: Morris Rosenfeld in Newyork, Präsident Dr. K. Köhler in Cincinnati, Professor W: Bacher in Budapest, Professor G. Deutsch in Cincinnati, Professor H. Malter in Cincinnati, Claude G. Montefiore in London, Dr. M. Buktenwieser in Cincinnati, Dr. Gustav Karpeles in Berlin, Professor"-Dr. Louis Großmann in Cincinnati, Professor E. Feldmann in Cincinnati, Professor Dr. M. L. Margolis in Californien, Caspar Levias in Cincinnati, Professor Dr. Emil G. Hirsch in Chicago, Professor Dr. D. Philippson in Cincinnati, S. Mannheimer J in Cincinnati. M. Silber, M. Lovitch, Nathan Gordon, Max Reichler, Ephraim Frisch, Harry W. Ettelson. Das vortrefflich ausgestattete Buch ist mit dem Bilde des Rektors Dr. Köhler geschmückt und gibt ein beredtes Zeugnis von dein Geist der Religiosität und von .dem wissenschaftlichen Streben, der in dem College herrscht.' Eine besondere Abteilung des Jahrbuches ist dem H. U. C. selbst gewidmet und gibt dankenswerten Aufschluß über das geistige Leben dieses amerikanischen Rabbinerseminars. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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