Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- Seite 491 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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491 * zu allerlei Lust und Scherz und Schabernack. Ich brauche wohl nicht erst zu sagen, daß im Mittelpunkt des letzteren Herr- Romeo Wasservogel gestanden hat. Jeder kennt den Schmock aus Gustav Freytags „Journalisten", aber dieser Typus steht nicht mehr vereinzelt da. Neben dem jüdischen steht der getaufte und der christliche Schmock; jeder von den dreien hat seine besonderen Eigenheiten und es verlohnte sich wohl der Mühe, sie zu schildern. Der zuletzt Genannte kolportiert z. B. mit Vorliebe jüdische Witze und heuchelt eine genaue Bekanntschaft mit den jüdischen Sitten und Gebräuchen. Er wird natürlich von Leuten, die den Spaß lieben, in dieser Beziehung sehr oft hineingelegt. Ein solcher antisemitischer Schmock scheint auch der Berichterstatter der Schlesischen Zeitung aus Budapest zu sein, der seinem Blatte mitteilt, daß soeben mit großen Feierlichkeiten der Jom Kippur, das Laubhüttensest der Juden, begangen worden sei, daß ferner alle Budapester Wirte für ihr Stammpublikum an den letzten beiden jüdischen Neujahrstagen große Scheiben Mazzes „diesen ungesäuerten, gebackenen Teig" bereit gehalten hätten. Es ist sicher, daß sich jemand mit dem Mann einen Spaß gemacht hat. Von unserem Romeo Wasservogel sagte mir mein Kupeegenosse, der Direktor eines großen deutschen Stadttheaters, sehr treffend einmal, er habe „kein liter-arisches Blut." Der Witz wurde viel belacht, aber es war mehr als ein Witz. Denn als wir zufällig die einige Tage alte „Neue Frei Presse" zu Gesicht bekamen und darin die Nachricht von dem Tode des gefeierten Rhapsoden Wilhelm Jordan lasen, da band unserem Wasservogel ein anderer das Märchen auf, der verstorbene Nibelungendichter sei ein Jude gewesen. Er möge das nur ruhig seinem Blatte telegraphieren. Als Beweis führte er an, daß Jordan in seiner Uebersetzung des „König Lear" von Shakespeare den Edgar ausrufen läßt: „Oi, mich friert!" Das könne doch nur ein Jude übersetzt haben. Unter solchen Scherzen waren wir an unseren: Reiseziel angelangt, und die Gewalt der neuen Erscheinungen wirkte so mächtig auf uns, daß' wir alles andere vergaßen. An einem sonst klaren, an diesem Tage aber durch viele Regengüsse ganz gelb gewordenen Flusse Miljacka, das heißt die Liebliche, liegt das goldene Serajewo in malerischer Schönheit mit seinen hundert weißen Minarets, mit seinen leuchtenden Moscheekuppeln, mit zahreichen Häusern und Häuschen, die sich teils in die Ebene erstrecken, teils an den grauen, felsigen Bergeshöhen enrporklettern. Die Stadt ist zum Teil echt türkisch, zum Teil echt österreichisch. Aber gerade diese Mischung macht einen sehr guten Eindruck. Selbst auf die Gefahr hin, meinen deutschen Freunden zu mißfallen, n:uß ich doch sagen, daß mich die türkische Stadt in viel höherem Grade interessiert hat als die natürlich überwiegend deutsch-österreichische. Und es war nicht blos das Neue und Fremdartige der Sache, das dieses Interesse hervorgebracht hat. Es ließe sich da manche interessante Parallele ziehen. Wer einmal die heulenden Derwische gesehen und gehört hat und unsere — Chassidiu: aus Polen und Galizien kennt, der hat sich gewiß darüber gewundert, welche Ähnlichkeit nicht nur in den Melodien und in dem Tonfall der Gebete, sondern vor allem in der religiösen Extase zwischen beiden besteht. In Serajewo leben etwa 4000 Inden. Davon sind die Majorität Spagnolen, die Minorität eingewanderte Oesterreicher aus Ungarn, Galizien und allen anderen Kronländern. Unter dem Halbmond haben es die Juden bekanntlich immer recht gut gehabt, und wir treffen sie daher in den Ländern des Sultanats besonders zahlreich an. Unter der österreichischen Herrschaft hat sich nur wenig darin geändert; die Juden genießen Freiheit und Ansehen in der alten bosnischen Residenz. Ich hatte vielfach Gelegenheit, mich davon zu überzeugen. Schon oft habe ich mich, wie'meine Leser aus früheren Jahren wissen, in aller Herren Ländern umhergetrieben, aber fast noch nie hat sich, mir der Gedanke der Zusammengehörigkeit unseres Stammes so mächtig aufgedrängt als in diesem Lande. Es soll nicht verschwiegen werden, daß vor allem ein Mann dazu beigetragen hat, Herr Eh. Weitzner, der dort an der Grenzscheide europäischer Kultur sich das wärmste, ja man kann wohl sagen: glühendste Interesse für Kultur und Literatur bewahrt hat. Er ist einer von jenen Kaufleuten, die einmal in unserem geistigen Leben eine sehr große Rolle gespielt haben, und die mit dem Praktischen Blick für ihr Geschäft die eifrige Teilnahme an unserem Schrifttum in glücklicher Weise zu verbinden wußten. Und die nun leider immer mehr aussterben. Herr W. war mein unermüdlicher Cicerone; ihm verdanke ich auch alles, was ich über die Lage der Juden in diesen: Lande erfahren habe. Er hat übrigens selbst in zwei sehr ansprechenden Aufsätzen für die hebräische Zeitung „Hazose" in Warschau die Geschichte und die Lage der Juden in Bosnien undderHerzogewina eingehend geschildert, und ich kann diejenigen, welche sich mehr dafür interessieren, auf diese treffliche Arbeit einfach Hinweisen. Herr W. führte mich in die neuerbaute Schule und in eine Synagoge der Spagnolen, wo gerade in der Zeit zwischen dem Mincha- und dem Maariw-Gebet ein Chacham den Packträgern, Arbeitern und kleinen Handelsleuten ein Kapitel aus der Moralphilosophie von Bachja, also aus dem Chobot Ha-Lebabot, so rasch vorlas, daß unmöglich einer der übrigens sehr wenigen Anwesenden ein Wort davon verstehen konnte. Ob der ehrwürdige Mann selbst von der Sache etwas verstanden hat, konnte ich im Augenblick nicht feststellen. Auch in den neuen, schmucken und imposanten Tempel der deutsch-israelitischen Gemeinde führte mich mein liebenswürdiger Cicerone. Leider war der Rabbiner Herr Dr. Wessel, von dem ich nur Gutes gehört habe, gerade nicht anwesend. Der Tempel macht einen sehr freundlichen und würdigen Eindruck. Er repräsentiert das Judentum in der Hauptstadt des Landes in wahrhaft vortrefflicher Weise. Ich habe schon erzählt, daß unsere Glaubensgenossen in Serajewo eine angesehene Rolle spielen. Von diesen nehmen einzelne Teil am jüdischen Leben, andere „geben sich nicht zu erkennen." Es nützt ihnen aber wenig, und ich darf wohl einen Scherz wiederholen, der u:ir dort brühwarm, nachdem er eben gemacht worden war, erzählt wurde. Ein ungarischer Jude, der in Serajewo wohnt, teilt im Cafehause seinen: Freunde in tiefster Entrüstung mit, daß sich ein Landsmann von ihnen mit seiner ganzen Familie in der Herz-Jesukirche öffentlich habe taufen lassen, worauf der Freund lakonisch ausruft: „Echt jüdis ch!" — Aber solche Fälle kommen dort Gott sei Dank nur sehr selten vor. Im allgemeinen sind die Spagnolen religiöser als die Aschkenasim; aber auch bei ihnen hat die Frömmigkeit bedenklich nachgelassen, seit ihr letzter Oberrabbiner Abraham Abinun gestorben ist. Dieser ehrwürdige Mann führte ein sehr strenges Regiment, und er soll manchmal seinen Gemeindemitgliedern recht handgreifliche Beweise seiner Liebe gegeben haben, indem er z. B. einen jungen Mann, von den: man ihm berichtete, daß er öffentlichden Sabbat entweihe, zu sich kommen ließ und ihm durch einige schallende Ohrfeigen die Weihe des Sabbats in Erinnerung brachte. Heute entweihen auch schon die reichen Spagnolen den Sabbat, und es ist kaum noch ein anderer Unterschied zwischen ihnen und den österreichischen Juden, als der der Aussprache des Hebräischen. Heute würde es auch kaum ein