Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- Seite 488 (sequence 8)
- Language
- German
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richtige Liebe zu ihrer Religion in hinreichendem Maße g eweckt, noch wird genügende Sorge dafür getragen, daß der Jugend diese Liebe erhalten bleibe. Erziehung und Unter-; richt, Gottesdienst und religiöser Lesestoff leiden an empfindlichen Mängeln — und diese Mängel bilden eben die Gründe für die betrübende Tatsache, daß die Jugend nicht ein warmes Verständnis, eine innerliche Zuneigung für die jüdische Religion zu empfinden vermag, bilden die Gründe dafür, daß die heutige jüdische Jugend kalt und fremd vom Judentum abseits steht. A. Erziehung und Unterricht. Erziehung und Unterricht hängen zwar beide eng miteinander zusammen, aber die Aufgaben, welche jedem von ihnen Zukommen, sind verschieden; vor allem sind auch die Subjekte beider nicht zu gleichen. Die Erziehung liegt in der Hand der Familie, der Unterricht fällt in das Bereich der Schule. Die Eltern erziehen, der Lehrer unterrichtet. Und wie die Ausgaben von Erziehung und Unterricht sich nicht decken, so liegen auch die Mängel, welche ihnen beiden anhaften, aus verschiedenen Gebieten. 1. Was vorerst die Erziehung anlangt, so kommt es hier stets einzig und allein auf das Subjekt der Erziehung, einzig und allein also auf die Eltern an. Die Erziehung eines Kindes wird eine gute werden, wenn das Leben der Eltern ein einwandfreies ist, die Erziehung wird zum Bösen ausschlagen, wenn das Leben der Eltern ein lasterhaftes war. Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Das Leben, welches die Eltern vor den Augen ihrer Kinder führen, werden die Kinder selbst einst leben. Daher beruht das ganze Geheimnis einer guten Erziehung darin: daß das Tun der Eltern darauf berechnet sein muß, jederzeit den Kindern als leuchtendes Vorbild dienen zu können. Bedenken wir dies, so werden wir die Mängel, welche heute der religiösen Erziehung eigentümlich sind, unschwer erkennen. Ein großer Teil der jüdischen Eltern vermag in religiöser Hinsicht um deswillen keinen guten Einfluß auszuüben, weil die Eltern selbst kein religiöses Leben führen, weil die Eltern selbst dem Judentum fremd oder gleichgiltig gegenüberstehen. Liebe und Verständnis für das Judentum kann aber nur dann durch Erziehung geweckt, werden, wenn die Leiter dieser Erziehung, die Eltern, erst einmal für ihre Person diese Liebe, dieses Verständnis besitzen. Die Sünden der Eltern rächen sich an den Kindern. Weil die Eltern kein innerliches Verhältnis zu ihrer Religion verbindet, darum bleiben auch ihre Kinder dem Judentume entfremdet. Der Mangel, welcher der heutigen religiösen Erziehung zugrunde liegt, ist also ausschließlich auf die Person der Eltern zurückzuführen, läßt sich also nur dadurch beseitigen, daß man vorerst die Eltern wieder dem Judentume zuführt. Nur wenn dies geschehen, wird die Erziehung wieder imstande sein, in den Herzen der Kinder Liebe zum Judentum zu wecken. 2. Was die Mängel des religiösen Unterrichts betrifft/ so sind diese zwiefacher Natur. Einerseits betreffen sie — ähnlich wie in der oben erörterten Frage der Erziehung — das Subjekt der Erziehung, also hier die Lehrer, anderseits berühren sie den Inhalt des religiösen Unterrichts überhaupt. a) Zunächst wollen wir uns mit den Subjekten des Unterrichts, den Lehrern beschäftigen. — Ganz allgemein ist an jeden Lehrer die Ansorderng zu stellen: er muß eine durchgebildete Persönlichkeit sein und er muß seinen Schülern: gegenüber ein genügendes Maß von Autorität besitzen. Achtung und Ehrfurcht muß die Jugend vor ihm zu empfinden vermögen. Denn nur in diesem Fall wird der Unterricht ein ersprießlicher für die Schüler sein können. Das gilt vom Unterricht im allgemeinen, trifft aber in ganz besonderem Maße für den Religionsunterricht zu. Der Lehrer, welcher den Ohren der Jugend ewige Wahrheiten zu predigen berufen ist, welcher den leicht empfänglichen Kinderherzen den Glauben an unsichtbare Mächte, die Liebe zu überirdischen Wesen einprägen soll, der muß sich in ganz besonderem Maße der Achtung und der Ehrfurcht seiner Schüler erfreuen. Genügt nun aber der „jüdische Religionslehrer" diesen Anforderungen? Sehen wir uns einen solchen— und zwar einen Leiter des privaten Religionsunterrichts — einmal an! Jung pflegt er meist zu sein, zwar von idealem Streben beseelt, aber nichts weniger als eine fertige, ausgereifte Persönlichkeit. Aus Mangel an Geldmitteln greift er, der angehende Theologe, zum Stundengeben. Jüdische Wohltäter wollen ihm förderlich sein und weisen ihm ihre Kinder zu, damit er ihnen die jüdische Religion lehre, sie zur Barmizwah vorbereite. So wird der junge Theologe, der selbst noch lernbedürftig, der vor allem das Gelernte selbst noch nicht völlig verdaut hät, zum Lehrer. Er, der selbst noch Unfertige, in dessen Inneren vielleicht selbst noch Zweifel ringen, soll jetzt den Kindern das Gotteswort verkünden. Kann es da anders kommen, als daß die Schüler vor ihrem Lehrer alle Achtung und Ehrfurcht verlieren, daß der „jüdische Religionslehrer" noch Jahre hinaus für die einstigen Schüler eine stets ergiebige Quelle des Witzelns und Spöttelns bildet? Und ist es verwunderliche daß diese mangelnde Achtung und Ehrfurcht vor dem Lehrer den ganzen Religionsunterricht schließlich beeinflußt, daß sie den ganzen Zweck dieses Unterrichts vereitelt? Mit anderen Worten: ist es nicht einleuchtend, daß Lehrer wie die oben geschilderten unmöglich imstande sein können, durch ihren Unterricht Liebe und Verständnis zur jüdischen Religion, zum Judentum zu wecken? Gewiß, es entsprechen nicht alle Religionslehrerdem gezeichneten Bilde, .und fern soll es mir liegen, unberechtigterweise verallgemeinern zu wollen. Aber die Gestalt des undurchgebildeten, unfertigen, autoritätslosen Religionslehrers ist mehr als eine vereinzelte-Ausnahmeerscheinung; es fehlt nicht viel/und sie ist zum Typus des „jüdischen Religionslehrers" geworden. Erst vor wenigen Wochen hatte ich Gelegenheit, mich von der Nichtigkeit dieser meiner Ansicht zu überzeugen. Ich weilte außerhalb meines Heimatortes in einem größeren Kreise von deutschen Glaubensgenossen. Weibliche und männliche Personen waren zugegen, jüngere sowohl wie ältere; aus den verschiedensten Gegenden des deutschen Vaterlandes stammten sie. Man unterhielt sich von diesen: und jenem. Plötzlich kam das Gespräch auf die Religionslehrer: Da ging ein Erzählen und Lachen von allen Seiten an, alte Erinnerungen wurden aufgefrischt, stolz wurde von all den Ungezogenheiten berichtet, die man sich dem geduldigen Religionslehrer gegenüber erlaubt hatte, gescherzt und gespöttelt wurde über den unbeholfenen jüdischen Jüngling, der sich so alles, alles hatte gefallen lassen, immer wieder und wieder wurde das lustige Bild der einstigen Religionsstunden ins Gedächtnis gerufen. — Daß diesem lustigen Bilde ein tiefernstes Problem zugrunde liegt, daran dachte niemand. Man war eben gegen die Mängel des Religionsunterrichts vollkommen abgestumpft; entweder man fühlte sie kaum mehr, oder man hielt sie für etwas Unabänderliches, etwas Selbstverständliches. Und doch wird es endlich Zeit, diesen Mangel des Religionsunterrichts — diesen Fehler, welcher auf die Person