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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-07 · Heft 41 (7.10.1904) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 41 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
Seite 487 (sequence 7)
Language
German
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Unterstützungen zu gewähren wären, um solchen Auswanderern zu helfen, die einen großen Teil ihrer Reise bereits zurückgelegt haben und, aus Mangel an Geldnicht weiter kommen, Dies geschieht auch -jetzt-schon vielfach. -Indessen ist, -wie noch^ mals hervorgehoben werden soll, der eigentliche Plan der Or-. ganisation von Erwägungen dieser Art ganz, unabhängig. IV. Durchführung. . Eine Durchführung des ganzen umfassenden Planes wäre natürlich nur durch gemeinsame Arbeit aller großen jüdischen Organisationen, die hierfür zuständig sind, möglich. Indessen ließe sich auch'zunächst die Organisation für Deutschland schaffen, und dies wäre eine Ausgabe, die der „Hilssverein" mit den befreundeten deutschen Organisationen leisten sollte. Freilich muß. dann der Rahmen der Tätigkeit entsprechend enger gesteckt werden, und besonders die Zentrale würde ihre Arbeit sehr beschränkt sehen. Sicher würde der Nutzen, einer Organisation für die unglücklichen Emigranten auch in dieser Beschränkung noch sehr bedeutend sein; in jedem Falle müßten die Grundlagen von Anfang an so beschaffen sein, daß im weiteren Ausbau ohne Schwierigkeit eine internationale Organisation für diesen Zweck geschaffen werden könnte ■ . r . Der Plan, eine große Organisation zu schaffen, die' die jüdische Auswanderung aus dem Osten zu überwachen in der Lage ist, und die die einzelnen Auswanderer vor Uebervorteilung rc. zu wahren sich bemüht, ist ein alter. Seiner Verwirklichung näher geführt wurde er bisher nicht. Es kann aber nunmehr die Hoffnung gehegt werden/ daß in gegebener Zeit ein entscheidender Schritt vorwärts gemacht wird, damit dem dringenden Bedürfnis der armen Auswanderer genüge geschieht. Der „Hilfsverein der Deutschen Juden" hat nämlich in der letzten Sitzung seines geschäftsführenden Ausschusses am 21. v. M. beschlossen, die Durchführung des Planes in die Handzunehmen, und zwar wurden den Beratungen die obigen Ausführungen zugrunde gelegt. Wir fügen noch hinzu, daß eine Anzahl deutscher Komitees an unserer Ostgrenze, mit einer Zentrale in Königsberg, die mit dem Hilssverein in Verbindung steht, bereits gebildet worden ist, und daß es nunmehr geboten erscheint, Verhandlungen einzuleiten, um durch eine gemeinsame Kooperation aller großen Organisationen in' Deutschland und außerhalb Deutschlands, die für diese Zwecke in Frage kommen können, die Grundlagen für ein gemeinsames Handeln zu schaffen.^ /- Die Red. Jugend und Judentum. Von Dr. Bernhard Weiß, h ie heutige jüdische Jugend ist dem Judentum fast völlig entfremdet. Diese Tatsache dürfte für jeden, der mit der „Jugend von heute" in Fühlung steht, unbestreitbar sein.' Und ebensowenig wird bezweifelt werden können, daß die Entfremdung, welche zurzeit zwischen Jugend und Judentum besteht, einen immer weiteren Umfang annimmt. Freilich, man darf nicht etwa glauben, daß nur diejenigen dem Judentum „entfremdet" sind, welche sich offen von ihrer angestammten Religion losgesagt haben. Nein, auch die überwiegende Anzahl jener anderen Jugendlichen, welche noch heute dem Namen nach Juden sind, hat in Wahrheit nur wenig mit dem Judentum gemein. Man ist zwar dem Namen nach Jude, aber innerlich steht, man dem Judentum kalt und h Es ist einer der Wackersten aus den Kreisen unserer Jugend, aus einer der besten Familien unserer Gemeinde, der in diesem Aussatz zu uns spricht. Möchte doch diese Stimme gehört werden in den Kreisen, die es vor allem angeht! Die Red. fremd gegenüber, man kennt es kaum. Was einem einzig und. allein noch — äußerlich wenigstens — bei dem alten .Glauben zurückhält, ist : man will Pietät üben gegen die Eltern, ideren Stolz es war> Juden zu sein; man will nicht aus Feigheit, um äußerer Ehren willen dem Glauben der Väter entsagen. Aber wie lang, — und dies äußerliche Band zwischen Jude und Judentum ist gerissen! Eine einzige neue Generation, — und schon weiß man nichts wehr von der Pietät gegen die Voreltern. Eine neue Zeit mit ihren neuen Begriffen, — und man betrachtet das, was man einst als Feigheit ansah, jetzt als Selbstgerechtigleit, als Pflicht, als Mut! Fest steht also, daß die heutige jüdische Jugend in-ihrer überwiegenden Mehrzahl dem Judentum entfremdet ist, fest steht, daß diese Entfremdung von Jahr zu Jahr zunimmt. Diese Tatsachen sind ohne Zweifel betrübend. Betrübender aber will mir scheinen, ist es, daß ihnen von den beteiligten Kreisen so geringe Beachtung geschenkt wird. Warum — so muß sich der aufrichtige Freund des Judentums fragen — spürt man nicht ernstlich den Ursachen nach, welche an der heut zwischen Jugend und Judentum herrschenden Entfremdung schuld sind? Warum sinnt man nicht, Mittel und Wege zu finden, diese Entfremdung zu bekäinpfen? Weiß man denn nicht, daß — wie auf politischem, so auch auf religiösem Gebiete — demjenigen die Zukunft gehört, auf dessen Seite die Jugend steht? ' , Soll das Judentum eine Zukunft haben, so muß zunächst die Jugend zurückgewonnen werden. Und um die Jugend znrückzugewinnen, ist es nötig, sich vor allem über die Gründe klar zu werden, welche die heutige jüdische Jugend zu ihrer betrübenden Haltung bestimmen. Auch der Arzt vermag gegen .eine Krankheit erst dann ein Heilmittel zu verordnen, wenn er die Ursachen der Krankheit kennt. So soll denn im folgenden vornehmlich den Gründen nachgegangen werden, welche die gekennzeichnete, heut bestehend Entfremdung herbeigeführt haben. An der Hand der einzelnen Gründe werden sich dann die Heilmittel gegen die Krankheit von selbst ergeben. > Vorerst aber noch eine kurze Vorbemerkung! Warum gerade der Schreiber dieser Zeilen zur Behandlung der aufgeworfenen Fragen berechtigt zu sein glaubt, ist: er zählt selbst zur „Jugend von heute", seit geraumer Zeit hat er Gelegenheit, die geistigen Strömungen innerhalb der gebildeten jüdischen Jugend, und insbesondere der akademisch gebildeten jüdischen Jugend, zu verfolgen. Wenn also auch die kommenden Ausführungen gar manchen Leser, vor allem dem älteren auf den ersten Blick vielleicht ein wenig übertrieben und einseitig dünken, — er halte sich überzeugt: nicht Vermutungen, sondern Tatsachen sind es, welche vorgetragen werden. Um das Verhältnis des Menschen zu seiner Religion zu einem warmen und innerlichen zu gestalten, bedarf es eines Doppelten. Einmal: das Verständnis, die Liebe zur Religion muß-geweckt werden. Und zum anderen: dieses Verständnis, diese Liebe muß erhalten werden. Der erste Zweck, d. h. die Erweckung des religiösen Verständnisses wird durch die religiöse Erziehung und , durch den religiösen Unterricht erreicht. Der Erstrebung des zweiten Zweckes, d. h, der Erhaltung der religiösen Liebe dient der Gottesdienst und dient die Lektüre religiöser Schriften. Von diesem Gedankengange müssen wir ausgehen : er wird uns unmittelbar auf die Gründe führen, welche die Schuld daran tragen, daß die heutige Jugend dem Judentum ent- . fremdet ist. Es wird nämlich — dahin geht unsere Ansicht — I: weder in der jüdischen Jugend das richtige Verständnis, die

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