Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-07 · Heft 41 (7.10.1904) · p. Seite 486

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 41 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
Seite 486 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228581-3228623--61159-3274968
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

für die Dürchgangsländer/. feste- und tolerante. Normen geschaffen; werden, um die Emigranten vor Uebergriffen untergeordneter. Organe zu schützen. Kommen solche doch vor, sör sind alsdann die Organe der zu schaffenden Organisation ixvo der Lage, sich der Emigranten anzunehmen; ' e) mit den geeigneten jüdischen Organisationen in den-- jenigen Ländern, die das Ziel der. Auswanderung bilden, Verbindungen anzuknüpfen, um sicher zu stellen, daß die jüdischen Emigranten am Ziele ihrer Reise tatkräftige Hilfe zur Erringung einer neuen Existenz finden; k) außer den Ländern, die jetzt hauptsächlich die Einwanderung aufnehmen, andere Gebiete zu suchen, die in der Lage wären, wenigstens einen Bruchteil des Auswanderungs-. stromes zu absorbieren. So könnte z. B. Italien, das nur ca. 40 000 Juden zählt, sehr wohl viele jüdische Handwerker aus Rumänien aufnehmen, die infolge der Stammes- und Sprachverwandschaft zwischen Italien und Rumänien sich. für die Ansiedlung auf der Apeninenhalbinsel eignen dürften. Dieses . eine Beispiel kann leicht vervielfältigt werden; g) endlich ist als ein ferner liegendes Ziel ins Auge zu fassen die Vorbereitung der Emigranten für ihr neues Heimat-' land durch Sprachunterricht rc. vor der Abreise. Eine Organisation, die diesen Aufgaben nach und nach gerecht werden soll, ließe, sich etwa folgendermaßen bilden : 1. Eine Zentrale, eine Art jüdisches Auswanderungsamt, in einer der westeuropäischen Großstädte. Dieser Zentrale fielen die Aufgaben zu, mit den Transportgesellschaften und Behörden zu verhandeln, die Informationen über Arbeits¬ und Ansiedlungsgelegenheiten in den Zielländern der Auswanderung zu sammeln und diese Nachrichten nach Rußland, Oesterreich rc. weiterzugeben, neue Einwanderungsgebiete zu suchen und deren Verhältnisse zu studieren, sowie endlich alle gesammelten Erfahrungen auf diesen Gebieten allen Teilen der Organisation, resp. der. Oeffentlichkeit bekannt zu geben. 2. In den Ländern, aus denen die Emigranten kommen, je eine Zentrale in den Hauptstädten, also Petersburg, Warschau, Lemberg, vielleicht auch Bukarest, an die das Auswanderungsamt seine Informationen und Instruktionen abgibt. Von dieser Landeszentrale sind dann , in allen wichtigen Plätzen des betreffenden. Landes Auskunftstellen zu schaffen, bei denen der Auswanderungslustige Informationen und Rat aller Art erhalten kann. Meist wird man für die lokalen Auskunftsstellen an die vorhandenen Gemeindeinstitutionen resp. Vereine anknüpsen können, oder Private werden sich freiwillig für die gemeinnützige Arbeit zur Verfügung stellen. Nur in seltenen Ausnahmefällen wird man bezahlte Kräfte verwenden müssen. 3. Auf den wichtigen Grenzstationen Rußlands, auf den Knotenpunkten des Verkehrs der Auswanderungszüge in Mitteleuropa, endlich in den Hafenstädten müssen Komitees öder Agenten vorhanden sein, die sich der durchreisenden Auswanderer annehmem Auch hierfür wird man meist an die vorhandenen Gemeindeinstitutionen- Vereine, Komitees rc. anknüpsen können und fast immer freiwillige Hilfe in ausreichendem Umfange finden. Wenn es nötig ist, müssen jedoch an den wichtigsten Punkten bezahlte Beamte angestellt werden. 4. In den Ländern, die das Ziel der Auswanderung bilden, müssen die dort existierenden Organisationen, die sich schon jetzt für die Emigranten interessieren, dafür gewonnen werden, mit dem Auswanderungsamt diesseits des Ozeans in enge Verbindung zu treten. Wo noch keine solche Institutionen existieren, müssen sie begründet werden, doch wird dies nur in den seltensten Fällen notwendig sein. Die Schaffung einer derartigen umfassenden Organisation, obgleich sie im wesentlichen auf einer Zusammenfassung bestehender Institutionen beruht, ist zweifellos schwierig, vox allen Dingen zeitraubend, und wenn auch allexseits Uebereinstimmung und guter Wille vorhanden sein würden, so würde doch die Durchführung längere Zeit beanspruchen. Allein auch eine weniger umfassende Organisation, z. B. eine derartige Organisation nur in Deutschland durchgeführt, kann so viel Segen, bringen, daß die darauf verwendete Mühe sich reichlich lohnt. III. Einwürfe. Einwürfe zweierlei Art sind bisher gegen ein derartiges Projekt geltend gemacht worden, das, wenn auch ohne die obigen Details, in der jüdischen Oeffentlichkeit wiederholt diskutiert worden ist. Die einen behaupten, daß der jüdische Auswanderer sich durch die Informationen und den Rat der neuen Organisation nicht werde leiten lassen; die anderen befürchten von einer derartigen Organisation der Auswanderung eine Förderung und damit Vergrößerung derselben. Es läßt sich nicht leugnen, daß beide Einwände einen beachtenswerten Kern enthalten; dennoch treffen sie nicht zu. Gewiß wird besonders im Anfang der Rat solcher Auskunftsbureaus zwar viel eingeholt, aber nicht immer befolgt werden. Die Emigrationslustigen werden immer gern von den materiellen Vorteilen Gebrauch machen,, die ihnen durch eine derartige Organisation erwachsen, und besonders die zweifellos zu erreichende Ermäßigung der Schiffahrtspreise werden sie gern benutzen. Allmählich werden sich unsere Glaubensgenossen im Osten auch daran gewöhnen, den Rat der Auskunftsbureaus in anderer Beziehung, besonders bei der Wahl des Auswanderungszieles zu befolgen, wenn sie sehen, daß sie zweckentsprechend zurechtgewiesen werden. ' Sicher ist überdies, daß die anderen .Aufgaben der Organisation, die Überwachung aus der Reife, die Hilfe an der Grenze, an. den Hafenplätzen und am Ankunftsort, die zu erzielenden Vergünstigungen von Transportgesellschaften und Behörden, eineraußerordentlich großen Zahl von Auswanderern zugute kommen müssen, und es wird auf diese Weise viel Geld erspart werden, das jetzt verloren geht. Y Was den anderen Einwand betrifft, daß nämlich diese Organisation die Auswanderung erleichtern und dadurch fördern, daß also die Zahl der Auswanderer steigen werde, so ist dies in gewissem Umfange möglich. Andererseits aber tritt .durch die Arbeit einer derartigen Organisation eine bessere Verteilung der Auswanderer ein, als bisher. Zurzeit . bleiben zwei Drittel der jüdischen Auswanderer nach den Vereinigten Staaten in Newhork sitzen;, in Zukunft würde erstens ein Bruchteil von den Vereinigten.Staaten überhaupt ab gelenkt werden, dann aber auch ein .Bruchteil, und zwar ein recht erheblicher, bereits zu Haus erfahren, daß, je nach der Eigenart der Berufe, andere Städte in Amerika geeigneter zur . Ansiedlung sind, als Newhork; durch Einschränkung der Ausbeutung unterwegs würden die Auswanderer mehr Geld mitbringen als jetzt, sie würden darum eher in der Lage sein, weiter zu reisen, und sie würden der jüdischen Wohltätigkeit .weniger schnell zur Last fallen, wenn sie überhaupt diese noch nötig haben sollten. Durch diese beiden Faktoren würde eine vielleicht eintretende kleine Vermehrung der Einwanderung doch nicht zu einer Vermehrung der mittellosen Auswanderer und zu einer Vermehrung der Lasten der in Betracht kommenden jüdischen Gemeinschaft führen. Betont muß noch werden, daß eine Unterstützung der Auswanderer mit Geldmitteln durchaus n i ch t in dem obigen Plane liegt. Die Mittel, die hierfür nötig wären, ließen sich auf die Dauer überhaupt nicht beschaffen. Dagegen bliebe zu erwägen, ob in seltenen, aber besonders berücksichtigenswerten Fällen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.