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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-07 · Heft 41 (7.10.1904) · p. Seite 485

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 41 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
Seite 485 (sequence 5)
Language
German
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Emigranten zu. Die Vereinigten Staaten bilden zurzeit das Harrptziel der Auswanderung für die Juden Rußlands, Oesterreichs und Rumäniens. Im Jahre 1902—03 gingen nach den Vereinigten Staaten 76 295 Juden, davon 47 689 aus Rußland, 18859 aus Oesterreich-Ungarn, 8 562 aus Rumänien und nur 1185 aus sämtlichen anderen Ländern. Als Auswanderungsziele zweiten Ranges kommen Kanada und Südafrika und im Orient Aegypten in Frage, aber zerstreut geht die Auswanderung auch nach den Ländern Europas, der asiatischen Türkei, Südamerikas und Australiens. Man wird nicht wesentlich fehlgehen, wenn man die Gesamtziffer dieser -zerstreuten Auswanderung aus 25 000 Seelen und dementsprechend die Zahl der Juden, die alljährlich aus Rußland, Oesterreich und Rumänien emigrieren, auf rund 100000 Seelen schätzt. Nach dem Bericht des amerikanischen Einwanderungskommissars bestehen diese Emigranten zum größten Teil, soweit sie erwerbsfähig sind, ans gelernten Handwerkern, und zwar in viel höherem Prozentsatz als die nichtjüdischen Einwanderer. Dagegen befinden sich ebenfalls in erheblich höherem Prozentsatz als bei den Nichtjuden Frauen und Kinder unter den jüdischen Emigranten. Die Auswanderung vollzieht sich im allgemeinen ohne Organisation oder Beeinfiussung von irgend einer jüdischen Seite her. Die einzige Ausnahme bildet die von der Jewish Colonisation Association protegierte Emigration, welche die Mehrzahl der rumänisch-jüdischen Auswanderer nach Nordamerika befördert und dann auch kleine Gruppen alljährlich aus Rußland nach Argentinien, Kanada rc. entsendet. Wollte man diese organisierte Auswanderung auf zirka 1000 schätzen, so wäre diese Ziffer zu hoch gegriffen. Eine zweite Gruppe der Emigranten bilden diejenigen, welche von Verwandten, die schon in Amerika oder sonst irgendwo sich niedergelassen haben, die Schiffskarte erhalten. Diese wissen bereits, wohin sie gehen sollen, finden am Ziel tatkräftige Hilfe zur Begründung einer Existenz vor und sind auch unterwegs durch den Besitz der Schiffskarte vor der ärgsten Ausbeutung, nämlich derjenigen durch die Unteragenten der Schiffsgesellschaften, geschützt. Bei weitem die zahlreichste Gruppe bilden aber diejenigen Emigranten, die nach Verkauf aller ihrer Habe sich aus die Wanderschaft begeben, ohne über das Reiseziel und den Neiseweg im klaren zu sein. Sie sind die Opfer jeder Art von Ausbeutung, so bei dem Kauf der Schiffskarten, die sie meist in der Heimat erwerben, dann an der Grenze, welche sie oft auf illegalem Wege überschreiten müssen, beim Geldwechseln, in den Hafenstädten beim Verladen des Gepäcks rc. Ihre geringen Mittel reichen kaum bis Newyork; sie können gar nicht daran denken, entlegenere Reiseziele aufzusuchen; vielmehr suchen sie Anhalt bei ihren Landsleuten aus der Heimatstadt oder Provinz, die sie schon in Newyork vorfinden, und fällen zum Teil der jüdischen Wohltätigkeit in den Vereinigten Staaten zur Last. Sehr häufig reichen die Mittel der Auswanderer nicht einmal bis Newyork; sie würden unterwegs liegen bleiben und auf den öffentlichen Bettel angewiesen sein, wenn sie nicht von den jüdischen Gemeinden und Vereinen in den Städten, die sie unterwegs berühren, unterstützt würden. Täglich kommen solche Unglückliche in die Bureaus, wo inan die traurigsten Fälle mit ansehen muß, ohne nach Lage der Dinge durchgreifend und planvoll helfen zu können. In welcher Weise die Schiffsagenten die Notlage der Emigranten ausbeuten, dafür ist folgendes Vorkommnis in Königsberg ein entsprechender Beweis: Am 26. Juli trafen dort 48 russische-Juden ein, welche nach Newyork via Dänemark reisen wollten und Schiffskarten nach Kopenhagen besaßen. Als sie schon auf dem Darnpfer waren, der sie nach Dänemark führen sollte, wurden sie von der Polizei zwangsweise in die Qnarantänestation in Insterburg zurücktransportiert. Dort wurde ihnen eröffnet, daß sie nur durch die Hamburg- Amerika-Linie oder eine der afsiliierten Linien weiter befördert werden dürsten, andernfalls würden sie nach Rußland zurückgebracht werden. Die Leute sahen sich genötigt, die Karten der Hamburg-Amerika-Linie zum Preise von 176 Mark pro Person zu erheben, während die Route über Kopenhagen nur 70—80 Mark gekostet hätte. Da viele-der , Auswanderer nicht genügende Mittel besaßen, so mußte eine Sammlung für sie in Königsberg veranstaltet werden. Solche Vorkommnisse sind leider nicht selten, und sie erregen nur Aufsehen, wenn sie gleich ganze Gruppen betreffen, während das einzelnen Familien zustoßende schwere Ungemach unbeachtet bleibt. Wenn man in Betracht zieht, daß es sich bei dieser Emigration sicher um mindestens 60000 Seelen handelt, so versteht man sofort, um wie große Geldsummen es sich bei einerderartigen Massenbewegung handelt, und daß selbst durch kleine Ersparnisse Hunderttausende Mark, vielleicht Millionen, den armen auswandernden Juden erhalten bleiben können. Sie würden sich dann in Newyork um so länger selbst erhalten können, und der ohnehin so stark in Anspruch genommenen jüdischen Wohltätigkeit diesseits des Meeres wie in Newyork wird ihre Last doch etwas erleichtert. . Ersparnisse, bedeutende Erleichterungen sowie Rechtsschutz können aber den armen Emigranten nur auf eine Weise gesichert werden, nämlich durch eine planmäßige Organisation der Auswanderung. II. Organisation. Die Aufgaben der zu schaffenden Organisation sind außerordentlich mannigfaltige und große, und es wird im Anfang vielleicht nicht möglich, jedenfalls nicht ratsam sein, die Erfüllung aller dieser Aufgaben sofort und gleichzeitig in Angriff zu nehmen. Aber diese Ziele müssen doch von vornherein bei der Schaffung des ganzen Apparates in Betracht gezogen werden. Die für die Emigration zu bildende Organisation hat: . a) Dre Auswanderer in ihrer Heimat mit den erforderlichen Auskünften zu versehen; sie hat diejenigen, die noch kein festes Reiseziel haben, dahin zu dirigieren, wo sie für ihren speziellen Beruf den besten Markt finden, ganz zur Auswan-! derung ungeeignete Elemente nach Möglichkeit zurückzuhalten, > -geeignete Reisewege zu empfehlen rc. Sicher werden besonders im Anfang nur sehr wenige! darauf hören, wenn ihnen die Auskunftsbureaus von der Emigration abraten, aber wenn es mit der Zeit gelingt, für diese Auskunsts.organe das Vertrauen der jüdischen Massen ztt gewinnen, so wird es ihnen möglich sein, auch einen wesentlich retardierenden Einfluß auszuüben und die ungeeignete Emigration wenigstens teilweise hintenanzuhalten. b) Den Auswanderern, sobald sie ihre Heimat verlassen haben, auf der Reise, besonders in den Grenzstationen ltnd Hafenplätzen, zur Seite zu stehen und vertrauenswürdige Personen dort zu bestellen, die die nötigen Auskünfte erteilen können, sowie die Emigranten vor der Ausbeutung durch Agenten, Geldwechsler rc. zu schützen; c) mit den Dampfschiffahrtsgesellschaften und Eisenbahnen zu verhandeln, um möglichst billige Preise für die Reise zu erzielen; 6) durch Verhandlungen mit den zuständigen Ministerien dafür zu sorgen, daß für die Behandlung der jüdischen Auswanderer in den Staaten, die sie passieren müssen, unter Respektierung aller gebotenen hygienischen Vorsichtsmaßregeln

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