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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-07 · Heft 41 (7.10.1904) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 41 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
Seite 484 (sequence 4)
Language
German
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„Die Iudensrage ist ernsten Charakters. Ich habe sie sorgfältig und aufs getreueste studiert. Für die Juden der höheren und bessergestellten Klassen haben wir viel getan. Der vom Zaren jüngst erlassene Mas erweiterte die Rechte, die sich für die Juden an Wohnsitz? und Beschäftigung knüpften, aber es ist die Lage der ärmeren Klassen, die am dringendsten Abhilfe erfordert. Sie sind auf das Wohnen in Städten und Ortschaften innerhalb der „Zone" beschränkt, wo sie leben, wie sie eben können. Ich wünsche ernstlich, ihnen bessere Möglichkeiten, zu leben und zu arbeiten, zu schaffen. Allgemein gesprochen ist das kaiserliche Manifest von 1903 mein Leitfaden. Gewissensfreiheit und Dezentralisation sind seine Grundsätze, und wenn es in liberalem Geiste ausgelegt wird, sollten wir Ruhe, Fortschritt und Entwicklung in Rußland haben." Die Glückwunschadrefsen der Vertreter aller größeren jüdischen Gemeinden Süd-Rußlands hat der höfliche Minister in jedem einzelnen Falle in freundlichen Worten beantwortet. Englische Blätter wußten noch zu Melden: „Da es als sicher betrachtet wurde, daß der Zar bei seiner militärischen Besichtigungsreise im Süden auch nach Kischinew kommen würde, machten die Juden große Anstrengungen, um den Fürsten Swiatopolk-Mirski zu veranlassen, den Zaren nach Kischinew zu begleiten. Es wird jedoch als ausgeschlossen betrachtet, daß der Minister im Gefolge des Zaren, der für nächste Woche erwartet wird, nach Kischinew kommt." Inzwischen ist die Reise des Zaren selbst nach Kischinew ausgegeben worden, und das ist ganz gut so. Am Ende hätte der Beherrscher aller Reußen dort zum erstenmal das Schauspiel einer Judenhetze mitansehen müssen. Denn da gegenüber „anderslautenden Meldungen" die „Russische Telegraphen- Agentnr" erklärt hat, daß in Kischinew „in letzter Zeit weder antisemitische noch andere Unruhen stattgefunden haben," so muß man nach den Erfahrungen der letzten Zeit fast das Gegenteil glauben. * In dem Antwortschreiben an die Führer der republikanischen .Partei, die ihm seine Nominierung als Kandidat auf die Präsidentschaft angezeigt haben, widmet Präsident Noosevelt der Frage der Anerkennung der amerikanischen Auslandspässe durch die rumänische und russische Regierung einen sehr breiten Platz. Bereits in der Einleitung wendet er sich gegen die Gegner, welche unter Hinweis auf die Erfolglosigkeit der bisherigen Bemühungen der jetzt am Ruder sich befindenden Partei Nachlässigkeit in der Behandlung der Frage vorwerfen. Der Präsident verweist demgegenüber auf die Ueberreichung der Petition amerikanischer Bürger gegen die Massakres in Kischinew und aus die Zirkularnote an die Signatarmächte betreffend die Behandlung der Juden. in Rumänien: „Keine Regierung der Welt," fährt dann Mr. Roosevelt fort, „ist lebhafter für die Sache der allgemeinen Verbrüderung der Menschen eingetreten, hat so heftig gegen die gesamte Menschheit schändendes Unrecht protestiert, wie die gegenwärtige Verwaltung des Landes!" Zur Frage selbst übergehend, schreibt der Präsident: „Die Grundlage unserer Regierung bildet das allgemeine Prinzip, daß jeder Mensch, gleichviel welches Geschäft er treibt, und welcher Religion oder Rasse er angehört, das Recht hat, nach seinem persönlichen Wert als Mensch, und nicht nach zufälliger Stellung oder Geburt behandelt zu werden. Alleinselbst bei uns zu Hause ist es nicht immer möglich, dieses hohe Ideal zu erreichen, desto schwieriger ist die Anerkennung dieses Ideals von fremden Staaten zu erzwingen. Hier stößt man auf Schwierigkeiten, die nahezu unüberwindlich. Denn es gibt noch in der Kultur zurückgebliebene Völker, welche von den bei uns als Axiom anerkannten Prinzipien noch unendlich weit entfernt sind. Die größte Schwierigkeit bereitet uns die Behandlung der im Auslande geborenen amerikanischen Bürger respektive der in Amerika selbst geborenen Bürger eines bestimmten Glaubens. So weigert sich Rußland unsere jüdischen, die Türkei einige Sekten unter unfern christlichen Brüdern ins Land hineinzulassen. In seinem Rundschreiben an die auswärtigen Vertreter der Vereinigten Staaten. vom 27. März 1899 schrieb unser Staatssekretär Hah: „Dem Gesetze der Vereinigten Staaten entsprechend, können wir zwischen im Lande geborenen und nachträglich naturalisierten Bürgern keinen Unterschied machen und.müssen dementsprechend auch vom Auslande für beide Kategorien von Bürgern eine gleiche Behandlung fordern." Solche Anweisung erhalten unsere Agenten im Auslande immer wieder Und wieder. Immer wieder wird ihnen eingeschärft, daß naturalisierte Bürger der Vereinigten Staaten von den fremden Regierungen die gleichen Rechte wie die im Lande selbst geborenen zu beanspruchen haben. In den verabfolgten Auslandspässen wird keine'Religion oder der Geburtsort des Inhabers erwähnt und es ist eine für alle diplomatischen Beamten und Konsuln feststehende Regel, die Inhaber dieser Pässe ohne Unterschied der Religion mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu schützen. Diesen Tatsachen gegenüber muß ich die Forderung unserer Gegner, behufs Erlangung der Gleichberechtigung für unsere ins Ausland reisenden Bürger mit einigen Mächten in Verhandlung zu treten, entweder auf Unkenntnis der Tatsachen oder Unehrlichkeit zurückzuführen. Keine Aenderung der Methoden oder der Art der darüber bisher geführten Verhandlungen vermag den Gegenstand zu fördern. Die Bemühungen des auswärtigen Amtes werden auch in der Zukunft fortgesetzt werden. Die gegenwärtig am .Ruder sich befindende Negierung hat bei jeder passenden Gelegenheit der Ueberzeugung des amerikanischen Volkes Ausdruck verliehen, daß jede Unterdrückung Andersgläubiger eine Ungerechtigkeit gegen Gott und die Menschheit ist. Wir sind in der Aeußerung dieser Ueberzeugung des amerikanischen Volkes bis zu den äußersten Grenzen diplomatischer Usancen gegangen." Aus dieser Ausführlichkeit, mit der Präsident Roosevelt auf die Fragen eingeht, ist vor allem zu ersehen, daß die Angelegenheit der Anerkennung der amerikanischen Auslandspässe keineswegs wie die inspirierten russischen Blätter glauben machen wollen, eine von den Juden künstlich aufgebauschte Affäre ist. Im Gegenteil scheint die Päffesrage die öffentliche Meinung in Amerika nicht minder wie die Einwanderungsfrage zu beschäftigen. Die russische Regierung würde daher gut tun, wenn sie die Angelegenheit etwas weniger leichtherzig behandeln wollte. Rußlands Riesenleib bietet zu viel Angriffsflächen und da kann es ihm schon passieren, daß ihm Präsident Roosevelt gelegentlich doch einen empfindlichen Stoß versetzt. sme Die jBrganifation der Milchen Auswanderung aus Mteuropa. I. Gegenwärtige Situation, ie Auswanderung von Juden aus Rußland, Oesterreich und Rumänien ist schon jetzt außerordentlich beträchtlich und wächst von Jahr zu Jahr. Gerade in den letzten Jahren hat eine Reihe von Ereignissen, deren Aufzählung im einzelnen sich erübrigt, weil sie allgemein bekannt sind, dazu beigetragen, den Auswanderungsstrom zu verstärken. Es ist als Beispiel nur zu erinnern an Kischinew und Homel. Aber es muß auch darauf hingewiesen werden, daß die wirtschaftliche Not, die die russisch-polnischen Jndustriebezirke infolge des japanisch-russischen Krieges heimsucht, besonders stark auf die Juden drückt und daher die Auswanderung derselben auf Jahre hinaus vergrößern wird. Genaue statistische Zahlen über die Auswanderung fehlen zwar, doch lassen die Ziffern,' welche der Einwanderungskommissar der Vereinigten Staaten von Nordamerika veröffentlicht hat, ziemlich sichere Schlüsse auf die Gesamtzahl der

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