Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 41 (7.10.1904)
- Date
- 1904-10-07
- Page
- Seite 483 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Maßnahmen nach vorwärts gezogen werden soll. Gerade well jener Artikel in diesem Sinne begrüßt werden kann, ist vielleicht auch der Zeitpunkt gekommen, wo man wieder hoffen darf, auch-mit; dem Hinweis auf eine andere, in dem obenerwähnten Artikel nichts genannte, aber wohl ausschlaggebende und durch einen Federstrich des Ministers des Innern behebbare Ursache jener Verminderung gehört zu werden. Von sachkundiger Seite werden darüber die folgenden, durchaus zutreffenden Bemerkungen gemacht, -! die sicher in den Kreisen, die die Frage ohne konfessionelle Voreingenommenheit beurteilen, volle Billigung finden werden:' - Die Ursache der starken Abwanderung der Juden aus der Ostmark liegt in' der systematischen Verhinderung einer Einwanderung von Juden der östlichen Staaten nach Preußenverbunden mit der polizeilichen Ausweisung solcher dennoch eingewanderter Juden und der Ablehnung ihrer Gesuche um Aufnahme als preußische Staatsangehörige. Bis zum Anfang der achtziger Jahre ließ' die Verwaltung mit gewissen Beschränkungen zu, daß der Abfluß von Juden aus den Ostmarken nach Westen sich durch Zuwanderung über die östliche Grenze bis'zu gewissem Grade ausglich. Dann, der gegen die Juden beginnenden Strömung nachgebend, sperrte sie die Grenze für Neueinwanderer, wies selbst Familien, die 20 Jahre, ohne den geringsten Anstoß zu geben, in Deutschland gelebt hatten, über die Grenze zurück und fahndete auch in der Folgezeit auf jeden russischen oder österreichischen Juden, der etwa den staatsgefährlichen Versuch machen wollte, aus preußischem Boden sich dauernde Beschäftigung zu suchen. Im Laufe der Jahre ist an manchen Orten, die Handhabung dieser Maßregeln vielleicht etwas milder geworden; sachlich werden sie aber auch heute noch durchgeführt. Jetzt beginnen die unerwünschten Folgen sich in den Ostmarken zu zeigen. Daher wird von neuem kühl zu erwägen sein: ist die Einwanderung von Juden über die Ostgrenze dem Staat überwiegend schädlich oder überwiegend nützlich? Schädlich wäre sie insofern, als durchschnittlich die Juden der östlichen Nachbarländer kulturell zwar höher stehen als die Landbevölkerung der deutschen Ostmarken, aber doch etwas niedriger als durchschnittlich die Juden Deutschlands. Mithin ist zuzugeben, daß in geringem Umfang der Staat und in etwas höherem die betreffenden Gemeinden gewisse Aufwendungen, namentlich auf dem Gebiete der Schule, zu machen hätten, um den Kulturstand der Einwanderer zu heben. Ebenso ist Zuzugeben, daß durch eine solche Einwanderung vorübergehend auch Erhöhungen der Armenlasten eintreten können; doch würden diese sich durch Bindung der Einwanderung an bestimmten Mindestbesitz sehr herabmindern lassen, und ein Teil der verbleibenden würde tatsächlich der bürgerlichen Gemeinde durch die jüdische kirchliche Gemeinde abgenommen werden; endlich würde die zweite Generation bereits reichlich mehr einbringen, als die erste an Zuschuß erfordert hat. Nützlich wäre die Einwanderung, weil — was nicht allgemein bekannt — jene östlichen Juden, seit sie zur Zeit der Kreuzzüge aus ihrer alten deutschen Heimat vertrieben sind, bis heute ihre deutsche Muttersprache (wenngleich in besonderem Dialekt) bewahrt haben, mithin bereits in der ersten Generation durch ihre Einwanderung die Zahl der deutsch sprechenden Einwohner der Ostmark vermehren würden. Dazu kommt, daß es für den handelsarmen Osten auch volkswirtschaftlich nur erwünscht sein kann, wenn mit jenen östlichen Juden, die allerdings jetzt zu einem großen Teil Arbeiter und Handwerker sind, doch auch zahlreiche Kaufleute über die Grenze ziehen. Jeder über die Grenze hereinziehende Kaufmann bringt aber ferner auch das in seinen bisherigen geschäftlichen Beziehungen liegende Kapital teilweise in das Inland hinein und bereichert damit die deutsche Volkswirtschaft. Wer sich in England, in Nordamerika und in Südafrika etwas genauer umsehen will, wird dort manchen osteuropäischen Juden oder Abkömmling eines solchen finden, der heute zugunsten der englischen oder nordamerikanischen oder südafrikanischen Volkswirtschaft dem deutschen Handel einen recht unbequemen Wettbewerb macht, während, wenn Deutschland, das jenem osteuropäischen Juden ursprünglich näher lag, gastlich ihm seine Arme geöffnet hätte, seine Arbeitskraft, sein' Scharfsinn und sein Vermögen heute dem deutschen Staate zu gute kämen. Wie lange wird es noch dauern, bis Rußland seine die Juden knebelnden Gesetze lockert? Dann wird -8ie deutsche Muttersprache der Juden in Rußland aufhören, und ^aüch der russische Handel wird unter den Händen der russischen Juden ein gefährlicher Wettbewerber des deutschen werden. Selbst abgesehen von der Polenpolitik, erscheint es als eine Verblendung, wegen gewisser Unbequemlichkeiten der Uebergangszeit diesen Schatz an Arbeitskraft und Vermögen, den man durch das Band der Sprache schon halb besitzt, und der nur auf die Erlaubnis wartet, um ganz' herüberzukommen, sich ohne jede Auswahl mit aller Macht vom Leibe zu halten und ihn seinen Mitbewerbern zuzujagen — eine Verblendung, die nur zu erklären ist durch ein Nachgeben gegenüber kirchlichen Einflüssen oder durch Vorurteile der Nasse. Aber niemand kann zweien Herren dienen, dem Staat und der Kirche, und Pflicht des Staatsbeamten ist es, im Fall des Widerstreits das staatliche Interesse dem kirchlichen voranzusetzen. Und nicht woher der Körper abstammt, sondern unter dem Einfluß welcher Sprache und zugehörigen Schrifttums der Geist erzogen ist, entscheidet für die Zugehörigkeit zum Volke. Die Verwaltung des Staates der Hohenzollern hat in vergangenen Jahrhunderten diesem Staat nicht zu dessen Schaden den Gewerbefleiß der vertriebenen Hugenotten und der vertriebenen Salzburger zugeführt. Möge sie sich weitsehend genug beweisen, um auch den aus ihrem Lande gedrängten russischen Juden die Aufnahme in die von ihnen begehrte neue Heimat nicht zu verschließen. Mako wer, Rechtsanwalt. * Wir erhalten - von befreundeter Seite die nachstehende Zuschrift: Für die ohnehin geplagten jüdischen Auswanderer aus dem Osten sind in letzter Zeit noch neue schwere Unzuträglichkeiten an den deutschen Grenzen entstanden. Ein erbitterter Konkurrenzkampf, der gegenwärtig zwischen den deutschen Schiffahrtsgesellschaften. und der englischen Cunard-Linie wütet einerseits und die infolge dieses wirtschaftlichen Kampfes verschärften polizeilichen Vorschriften andererseits sind die Ursachen dieser Schwierigkeiten. Es ist vorgekommen, daß Einwanderer, die Schiffskarten für deutsche Linien nicht hatten, - an der Grenze in Deutschland zurückgewiesen worden sind. Die Vorfälle mit jüdischen Auswanderern in Königsberg, Eydtkuhnen und Leipzig sind durch die Tagespresse hinlänglich bekannt geworden. 'Der „Hilssverein der Deutschen Juden" hat sich die erheblichste Mühe gegeben, um unter Ausrechterhaltung der nötigen hygienischen Vorsichtsmaßregeln im Interesse des Staates diesen Auswanderern den Durchzug durch Deutschland zu ermöglichen. Die Verhandlungen schweben noch, aber sie haben bisher zu einem Resultat nicht geführt. Unter diesen Umständen müssen Auswanderer aus Rußland, aus, Galizien, -aus Rumänien, die Fahrkarten für die deutschen Dampfergeseüschasten nicht besitzen, auf die großen Schwierigkeiten, die ihnen beim Eintritt in das deutsche Staatsgebiet bevorstehen, aufmerksam gemacht werden. Diese Auswanderer werden an der Grenze, zurückgewiesen, selbst wenn sie Ueberfahrtskarten nach Amerika für die Cunard-Linie besitzen, und selbst .dann, unter Umständen, wenn sie über erhebliche Barmittel verfügen. Somit ist allen denen, die die Hamburg-Amerikanische Paketfahrt-Aktiengesellschast, den Bremer Lloyd und die ihnen alliierten Linien nicht benutzen wollen, drin gen d zu raten, so lange bis eine befriedigende Lösung der Schwierigkeiten erzielt worden ist, den Weg durch Deutschland unter keinen Umständen zu nehmen. - * Der neue russische Premierminister hält noch' immer Reden und läßt sich noch immer, interviewen. In einer Unterredung mit dem Petersburger Korrespondenten der »^ssoeiateä?r6ss" sagte er, daß die Jndenfrage..das wichtigste Problem für Rußland sei,, und daß er an dieser das größte Interesse nehme. Und dann weiter: