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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-10-07 · Heft 41 (7.10.1904) · p. Seite 482

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 41 (7.10.1904)
Date
1904-10-07
Page
Seite 482 (sequence 2)
Language
German
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■v-'jrT ^‘Vj ' „Die Vertreter des Reformjudentums, wie Mahbaum,- Adler, Steinhard rc. betrachten es als Kulturaufgabe, dem Glauben an die. Offenbarung des heiligen Gottesgesetzes .entgegenzuwirken... Gs müßte dochden gesetzestreuen Lehrern recht .unheimlich zu Mute? werden. . Man muß der norddeutschen Verhältnisse kundig sein, um sich, ein Bild von der Größe der Gefahr machen zu können, die in der Verbindung mit jenen Elementen liegt, die, wie Kirschstein: schon vor etwa 30 Jahren in einer Programmschrift der jüdischen Gemeindevolksschule zu Berlin es aussprach,, die biblischen Erzählungen den unteren Stufen als bare Münze darbieten, um den Schülern dann? auf der Oberstufe zu zeigen, daß dies alles Volkspoesien, Märchen und Sagen-sind, wie sie die Literaturen aller Völker aufzuweisen' haben. Soweit der prinzipielle Gesichtspunkt. Die ernsten Gefahren, die sich in praktischer Hinsicht aus der Verschmelzung dieser heterogenen Elemente für das gesetzestreue Judentum ergeben, .sind folgende: Der Verband strebt darauf hinaus, daß eine Zentralstelle mit amtlicher Machtbefugnis geschaffen werde. Dieses Streben geht vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebund aus. Das einzige dem .gesetzestreuen Judentum angehörende Mitglied des Vorstandes des D.-J. G.-B. hat in seiner ersten Rede in diesem Kollegium sein Bedauern ausgesprochen, daß eine solche amtliche Zentralverwaltung noch nicht geschaffen sei. Als wir mit dem unvergeßlichen-Rabbiner Dr. A. in H. bald daraus von der drohenden Gefahr sprachen, die diese Bestrebungen für den Bestand des gesetzestreuen Judentums enthielten, war er voller Besorgnis und bat, alles zu tun, was nur im Bereich der Möglichkeit liege, um dieser entsetzlichen Gefahr vorzubeugen." Also beileibe keine Gesamtorganisation, selbst aus die Gefahr eines Schismas, einer Spaltung des Judentums hin! Und einzig aus dem Grunde, „weil das öffentliche Zusammengehen mit den Neologen die Begriffe verwirrt". Als vor nicht allzulanger Zeit gemeinsame Hilfsaktionen zur Rettung der russischen und rumänischen Juden gerade von den Neologen große ideelle und materielle Opfer, sogar dauernde persönliche Mitarbeit erforderten, da haben diese nicht erst gefragt, welcher religiösen Richtung die bedrängten Glaubensgenossen angehörten; sie haben nicht nur mit der Orthodoxie kooperiert, sondern sich ihr vielfach, wo religiöse Gesichtspunkte in Frage kamen, sogar stets untergeordnet.. Dasselbe gilt von den Bemühungen in der Schächtangelegenheit, die der Verband der deutschen Juden ja zuerst in Angriff genommen hat. So streben die Neologen, die ein Herz für das Gesamtjudentum haben, für den Frieden. Die süddeutsche Orthodoxie aber scheint die Parabel von Kamza und Bar Kamza wieder aufleben lassen zu wollen, die nach dem Talmud schon einmal den Bestand des Judentums gefährdet hat. Statt an die vielen unserer noch harrenden Ausgaben und an die bedrängten Witwen und Waisen der Lehrer zu Denken, gibt sie jetzt schon die Parole aus: Los vom Verband. Und natürlich muß dann auch eine eigene Kasse für die Orthodoxie begründet werden. Jeder Kundige weiß, daß derartige Sonderbündeleien zu einer vollständigen Zersplitterung, ja Vergeudung der Kräfte führen muß. Aber das geniert sie nicht. Ja es wird sogar das Ziel eines religiösen Schismas schon ins Auge gefaßt, worauf die nachfolgenden Ausführungen über Katholizismus und Protestantismus hindeuten : „Oder es vereinigten sich zwei Gesellenvereine, ein katholischer und ein protestantischer, und bildeten zur Besserstellung der Gesellen und zur Förderung ihrer Standesinteressen einen gemeinsamen christlichen Gesellenverein, dessen Vorstand dann den Vereinsmitgliedern auf katholischer Lebensanschäuung basierende Bücher, in welchen dje Protestanten als Ketzer' und der ganze Protestantismus als Vernichtung der Heilswahrheiten des Christentums erklärt werden, und auch zugleich solche Bücher, die von protestantischen Autoritäten versaßt, das Prinzip des Katholizismus vom: christlichen Standpunkte ans als verwerflich hinstellen, als wirksame Mittel zur sittlich-relic giösen Fortbildung der Vereinsmitglieder empfehlen würde" Ob wohl - -ein,überzeugter Katholik dem Vorstand für dieses unparteiische Verfahren den Dank aller Vereinsmitglieder empfehllrr würde% Ob inan sich allseitig mit dieser Tätigkeit des Vorstandes'freuen und befriedigt 'fühlen würde? Sollte man aber entgegnen^wollen, so sehr, klafften . die Gegensätze zwischen den Vertretern des sogenanten Reformjudentums, dessen Ans chauungen in den Werken eines Geiger und Mahbaum zur Aussprache kommen, und den Bekennern^des überliesertemJudentums doch nicht auseinander, wie die zwischen Katholiken und Pro- . testanten bestehenden, so seien z.ur Wiederlegung solcher Mein un g zwei einwandsfreie Zeugen, je einer aus jedem der beiden Lager angeführt: Justizrat Makower in Berlin und Samson Raph. Hirsch, s. A. Jener hat es auf dem Gemeindetag im Jahre 1892 ausgesprochen, daß .„innerhalb des Judentums verschiedene Richtungen bestehen, zwischen welchen eine Kluft liegt, so weit wie zwischen Protestanten und Katholiken." Samson Raphael Hirsch spricht sich hierüber in seiner Schrift: „Das Prinzip , der Gewissensfreiheit und die Schrift des Herrn Rechtsanwalts Makower über die Gemeindeverhältnisse der Juden in Preußen" (Frankfurt a. M. 1874) mit -■* folgenden Worten aus: — konfessionelle Gegensätze, die viel schroffer einander gegenüberstehen, als irgendwelche konfessionelle Geschiedenheit innerhalb der christlichen Kirche." Wir wissen nicht, ob der selige Juftizrat Makower die zitierte Aeußerung wirklich und zwar in dem angegebenen Sinne getan hat. Aber soviel wissen wirgenau, daß er um keinen- Preis der Welt seine Hand zu einem Schisma in Israel geboten hätte. Denn er liebte sein Judentum! Und er hätte sicher in der gegenwärtigen Situation die Lehrer vor allem davor gewarnt, daß sie „im Verein mit der gesetzestreuen Judenschaft Deutschlands — und bildeten, sie auch mur ein Zehntel der Gesamtzahl — mit ihrem gesetzestreuen Prinzip, dem konservativen nach der Terminologie der Behörde, getrennt von der großen Menge, die Berücksichtigung ihres Judentums, das den Regierungen als in unüberbrückbarem Gegensatz zum Reformjudentum stehend sehr wohl stets bekannt war, fordern und um Einrichtungen bitten, die uns vor Vergewaltigung durch die Vertreter der neologen Mehrheit schützen sollen." In seinem, wie. im Geiste aller der Männer, die das Judentum lieben und für dasselbe gelebt und gekämpft haben, erinnern wir zum Schluffe die, welche für derartige die Zersplitterung des Judentums in Permanenz erklärenden Vorschläge eintreten, daran, daß die Zeiten für uns ernst sind, sehr ernst. Jeder Tag kann bei uns und kann von Osten her neue schwere Aufgaben gerade zur Lebenserhaltungder orthodoxen Juden des Ostens bringen. Um diese zu erfüllen, tut Einigkeit vor allem not und jede Zersplitterung ist geradezu ein Unglück in diesen kritischen Zeitläuften. MMe ■ - Die Mache. / Berlin, 4. Oktober, inige Zahlen, die die starke Abwanderung der Juden aus der Ostmark illustrieren sollten, haben in der letzten Woche ziemlich viel Aufsehen gemacht. Die „Nationalliberale Korrespondenz" hat diesen Vorgang zum Gegenstand einer Erörterung gemacht, die neben manchem Schiefen auch einzelne richtige Bemerkungen enthielt: Im ganzen durste man aber den betreffenden Artikel als Anzeichen dafür begrüßen, daß endlich, nach langem Zwischenraum, wieder die Einsicht zum Durchbruch zu kommen anfängt, wie der Staat, wenn er jene den Juden ungünstige Entwicklung in den Ostmarken fördert oder auch nur duldet, seine eigenen Interessen auf das erheblichste verletzt und kräftige Pferde, hinter den Wagen .spannt, der durch die Ansiedlungsgesetze und andere

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