Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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68. Jahrgang. No. 40. Der Gemeindevote. Berlin, 30. September 1904. Vetlage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums". lkorrekponden?en und Machnchtm. Deutschland. 8. Berlin, 26. September. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat auf Grund einer Depesche für die durch die Krawalle in Smiela Geschädigten sofort telegraphisch zur Linderung der ersten Not 2000 Mark überwiesen. Nach den bisherigen Feststellungen sind die Ruhestörungen sehr ernste gewesen. 98 Häuser und 142 Läden und Buden, die Juden gehören, sind demoliert und geplündert worden. Graf A. Bobrikow, der dort Großgrundbesitzer ist und sich der Juden sehr annimmt, hat es auch übernommen, die sachgemäße Verteilung der eingelaufenen Gelder zu besorgen. Ihm gebührt der aufrichtige Dank aller Humandenkenden. Da die Not, die infolge des Brandes in Wilkomir entstanden ist, sich als eine außerordentlich große herausgestellt hat, so hat der Hilfsverein der deutschen Juden auch für diese Notleidenden weitere 2000 Mark bewilligt, in Summa mithin 36OO Mark. Außerdem hat das Frankfurter Hilfskomitee für die osteuropäischen Juden dem Hilfsverein für den gleichen Zweck weitere 1000 Mark zur Verfügung gestellt, sodaß auch diese an die Abgebrannten gesandt werden konnten. n. Berlin, 21. September. Einen würdigen und in jeder Beziehung wohlgelungenen Verlauf nahm der vom „Hilfsverein für die jüdischen Taubstummen ■ in Deutschland" im großen Saale des „König von Portugal" veranstaltete Gottesdienst an den hohen Feiertagen. Dank der umsichtigen und hingebungsvollen Leitung des Herrn Jlia Ber, des bekannten Leiters des Jüdischen Arbeitsnachweises, gestalteten sich die gottesdienstlichen Zeremonien in weihevoller Feierlichkeit und in ungestörter Harmonie. Die anwesenden Damen und Herren, deren Zahl etwa 250 betrug, konnten — infolge der eigens zu diesem Zwecke besorgten Gebetbücher mit entsprechenden Anweisungen — dem Vorbeter immer gut folgen. Verschiedene besonders erhebende Gebete wurden von einem Taubstummen verdeutscht, in der Gebärdensprache vorgetragen. Ebenso wurden die eindrucksvollen Predigten des Herrn Josef Lin, des Bibliothekars der „Jüdischen Lesehalle und Bibliothek", auch in der Gebärdensprache wiedergegeben. Das tiefe Interesse der Taubstummen an dem Gottesdienste zeigte sich äußerlich darin, daß sie am Versöhnungstage vom frühen Morgen bis zum Schluß ohne Unterbrechung im Betlokal blieben. Und so trug diese beispiellose gottesdienstliche Veranstaltung dazu bei, eine große Anzahl von Glaubensgenossen, die sonst infolge ihrer physischen Gebrechen vom jüdischen Geistesleben so gut wie isoliert sind, dem Judentume innerlich näherzubringen. i. Berlin, 24. September. Der aus einem längst empfundenen sozialen Bedürfnis hervorgegangene humanitäre Verein, Israelitisches Lehrerinnenheim, hat seit seiner Begründung vor sechs Jahren einen erstaunlich .raschen Aufschwung und Erfolg gezeitigt. Der edle Zweck desselben, würdigen alleinstehenden, gealterten Lehrerinnen und Erzieherinnen, die in langer, privativer Wirksamkeit keine staatliche Versorgung erreichen konnten, ein sorgenfreies, lebenslängliches Altersheim , zu schassen, hat einen freudigen Anklang bei allen Menschenfreunden gefunden. Dank der regen Teilnahme vieler edler Gönner und ihrer Stiftungen sowie der Jahresbeiträge der außerordentlichen und ordentlichen Mitglieder ist vor einem Jahre, das im behaglichen Villenstil erbaute Heimathaus für israelitische Lehrerinnen in Groß-Lichterselde W., Karstr. 112 a, seiner Bestimmung übergeben worden. — Das dem Hause angegliederte Erholungsheim für noch aktive, erholungsbedürftige Lehrerinnen zu vorübergehendem Aufenthalt, erfreut sich des Zuspruchs vieler Damen. Den gegenwärtigen Mitteln entsprechend haben bereits 14 Damen in der musterhaft geleiteten und organisierten Anstalt Aufnahme gefunden. Aus allen Teilen des deutschen Reichs gehen Gesuche der Aspirantinnen ein. Es bedarf jedoch noch sehr verstärkter Mittel, den vielen Ansuchenden - die lebenslängliche Versorgung im Heim zu ermöglichen. Zur Zeit bestehen bereits Ortsgruppen in Frankfurt a. M., Hannover, Königsberg i. Pr., Grätz, Stettin und Leipzig und wohlwollende Glaubensgenossen, welche dazu beitragen wollen, den jüdischen Lehrerinnen und Erzieherinnen einen ruhigen, sorgenfreien Lebensabend zu bereiten sowie Lehrerinnen und Erzieherinnen, die für sich die aktive Mitgliedschaft erwerben wollen, werden gebeten, sich diesen Ortsgruppen anzuschließen oder sich, wo solche nicht vorhanden sind, an die Berliner Vereinsleitung, Geheimrat Dr. Wiesenthal, Am Karlsbad 4, zu wenden. 8. Berlin, 23. September. Der Geheime Sanitätsrat Dr. Adolf Abraham ist in der Nacht zum 22. d. M. im eben begonnenen 79. Lebensjahre hier gestorben. Dr. Abraham zählte zu den Senioren der Berliner Aerzteschast. Er übte seit 1849 die ärztliche Praxis aus. Sein Name ist eng mit der Geschichte des ärztlichen Standes in Berlin verknüpft. Dr. Abraham nahm den regsten Anteil an den hiesigen ärztlichen Vereinsbestrebungen der 50 er Jahre, die in die Begründung der Berliner medizinischen Gesellschaft ausmündeten. In Anerkennung dieser Bemühungen wurde er in*den Vorstand der Gesellschaft abgeordnet, zu dessen ältesten Mitgliedern er gehörte. Als langjähriger Bürgerdeputierter betätigte er sich auch vielseitig im Dienste der städtischen Verwaltung. Er gehörte u. a. der Schuldeputation, dem Vorstande der städtischen Blindenanstalt, der Einkommensteuer-Veranlagungskommission an. Auch an jüdischen Angelegenheiten nahm der Verstorbene jahrelang regen Anteil. Er war der Begründer und lange Zeit der erste Vorsitzende des Hilssvereins für jüdische Studierende, ferner war er 40 Jahre lang Mitglied des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes der jüdischen Gemeinde. Ehre seinem Andenken! 8. Berlin, 26. September. Nach kurzem schweren Krankenlager verstarb am 20. d. M. Hierselbst Herr Max Lande. In ihm verliert die Verwaltung der jüdischen Neformgemeinde einen tätigen und treuen Mitarbeiter. Seit einer Reihe von Jahren dem Repräsentantenkollegium dieser Gemeinde angehörend, nahm er nicht nur lebhaften Anteil an den Beratungen im Plenum, sondern entfaltete auch eine sehr rege Tätigkeit in den verschiedenen Kommissionen, in welche er durch das Vertrauen seiner Amtsgenossen entsandt war, so besonders in der Schulkommission, der Kommission für gottesdienstliche Angelegenheiten und der Unterstützungskommission. Neben seiner Tätigkeit innerhalb der engeren Glaubensgemeinschaft widmete er auch seine unermüdliche Arbeitskraft dem kommunalen Leben. In ihm beklagt der Vorstand des Bezirksvereins im Stralauer Stadtviertel den schmerzlichen Verlust seines langjährigen ersten Vorsitzenden; in der Geschichte dieses Vereins wird er als einer der Besten verzeichnet stehen. Mit anerkanntem Eifer widmete er seine Zeit aber auch noch einer großen Reihe gemeinnütziger Vereine. Seit vielen Jahren gehörte er dem Vorstand der Sanitätswache VI an. Auch der Verein der Volkskindergärten in Berlin betrauert in dem so früh Verblichenen sein langjähriges Vorstandsmitglied, dessen opferwilliger Arbeitskraft der Verein außerordentlich viel zu danken hatte. — Die Beerdigung fand am vorigen Freitag statt. In großer Zahl hatten sich die Freunde und Verehrer des Verblichenen eingefunden, die Vorstände und viele Mitglieder aller derjenigen Vereine, denen er seine segensreiche Tätigkeit gewidmet hatte. Prediger Dr. Lev in hielt die Gedenkrede; nach ihm sprach namens des Vorstandes des Stralauer Bezirksvereins Herr Melville. Chorgesang vom Blochschen Gesangverein äusgeführt, leitete die Trauerfeierlichkeit ein und schloß dieselbe. — Ehre seinem Andenken! Kp. Ans der Provinz Posen, im September. Der weithin bekannte Inhaber der Firma „Hartwig Kantorowicz" in Posen, Herr Edmund Kantorowicz, ist im Alter von 58 Jahren gestorben. — Der jüdischen Gemeinde in Argenau ist von einem von dort stammenden Amerikaner ein größerer Betrag überwiesen worden, der zur Instandsetzung des Friedhofes, zur Einführung einer elektrischen Beleuchtungsanlage in der Synagoge und zu einer Spende für das