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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-30 · Heft 40 (30.9.1904) · p. Seite 480

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
Seite 480 (sequence 12)
Language
German
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ZW WWtzDDMWNM -WMUNKWMWWWWWWM^MWMMW^M^^WWMA^WMWZ' 480 abgeordneten in derselben Weise vorgestellt hatte wie mir und. daß dieser ihn erst von oben bis unten betrachtet und dann: ausgerufen habe: „Sieh Dir an da, Haschel Parch!" (Das d). bitte so hart wie möglich auszusprechen, der Mann verdientst nicht besser.) Der getaufte Reserveoffizier-Reporter wurde, wieman sich denken kann, die Zielscheibe unserer spottlustigen Gesellschaft schon dadurch, daß er auch diesmal ein kleines Malheur hatte: Er-war nämlich der einzige auf dem ganzen Schiffe, der seekrank wurde. Als er sich im entscheidenden' Momente entfernte, rief einer aus: „Er geht in sich", und ein' anderer sagte: „Er kann das Schaukeln doch nicht vertragen": So verfolgten unzählige Witze den unglücklichen Romeo während, der ganzen Fahrt. In angeregter Stimmung erreichten wir unser südlichstes Reiseziel: Ragusa, die Perle der Adria. Schon in dem melodischen Tonfall des Wortes, sagte ein poetischer Reisegenosse mit Recht, klingt das rythmische Rauschen des schwarzblauen Meeres. Süßer Blütenduft umfing uns, und in seiner ganzen Zauberschönheit stieg es vor uns auf das romantischste Stückchen Erde, das Afrika in Europa. Fest umgürtet von einer Stadtmauer aus alten Tagen, die ihm jahrhundertelang die Feinde zu Lande und zur See fernhielt, so entsteigt Ragusa dem Meer,- so liegt es am Fuße und an den bekränzten Abhängen des San Sergio. Wie in den herrlichen Tagen ihrer Glanzzeit als Republik liegt die Stadt vor uns. Wirschreiten durch bw engen Straßen, überall sehen wir wilde Oleander, bunte Aloen? den Granatbaum, Palmen, Zitronen- und Orangenbäume? Nizza und Mentone, Monte Carlo und Monaco bieten weniger an landschaftlichen Reizen als Ragusa, so sagt ein Schildere^ dieses Landes, und er hat Recht. Die bunte Gewalt der neuen Erscheinungen bewegte mich dämmernd und ahnungsvoll wie Märchenschauer. Ich mied das Gewühl der zudringlichen Tagesmenschen während der ganzen Tage unseres Aufenthalts in Ragusa und — wie seltsam es auch klingen mag — die ganze Pracht und Herrlichkeit stimmte mich doch zu tiefer Trauer. Mir ging in einem fort ein Name durch den Kopf, ein Name, den ich irgendwo gelesen hatte, und vergeblich quälte ich mich mit dieser Erinnerung,' die mich überallhin verfolgte: in den Rektorenpalast, in den Dom, auf die Wälle, auf die herrliche Palmeninsel Lacromm Immer und. überall klang mir der Name im Ohre: aus dem Geläute der Glocken, aus dem Gesang der Kinder, aus dem Gesumme der Menschen hörte ich die ganzen Tage über nur den Namen Tolentino! Erst in der Nacht, in dunkler, wundervoller Nacht, in einer Nacht, wie sie nur der Süden erzeugt, fiel es mir ein, daß ich wenige Wochen vorher das Manuskript eines Aufsatzes gelesen hatte, den ich den Lesern in einer der nächsten Nummern vorzuführen beabsichtige und der den Titel führt: „Das Blutmärchen von Ragusa". Ja, das war's! Das Blutmärchen von Ragusa verfolgte mich, solange ich in dieser alten Zauberstadt weilte. Immer und überall stiegen vor mir die Gestalten jener Märtyrer auf, die einst in finsteren Tagen unter dem Jubel des berauschten Pöbels durch diese Straßen geführt wurden, um weggejagt oder hingemordet zu werden, „weil sie einen Ehristenknaben getötet....." - Und doch waren sie hier einst geachtet und geschützt; denn! vier Jahrhunderte lang war Ragusa der Mittelpunkt einer bedeutenden Industrie und in der Handelsgeschichte des Mittelalters spielt es eine große Rolle, sicher nicht ohne die Mit-, arbeit seiner Juden. Allerdings liegt diese Geschichte der Juden in Ragusa im tiefen Dunkel. Wir wissen nicht, ob unter den Flüchtigen aus Epidaurus, die im 7. Jahrhundert diese Stadt gegründet, auch Juden waren. Aber im Mittelalter haben sie sicher hier gelebt und, wer weiß, ob nicht die beiden Boten, Mar Saul und Mar Joseph, die der König der Giblim im 10. Jahrhundert zu Chasdai Jbn Schaprut nach Cordoba schickte und die dann den berühmten Chazarenbrief an den König Joseph mit sich nahmen, die Ahnen jener armen Juden waren, die noch heute in den malerischen Straßen von Ragusa allerlei Waren feilbieten. Tolentino! Tolentino! Der Name geht mir nicht aus dem Sinn. Da sage noch einer, daß die Geschichte der Juden nicht reich sei an Wundern und Märchen. Fast ein halbes Jahrtausend ist seit jenem Unglückstage vorübergerauscht — und noch heute führt der Vorsteher der kleinen Spagniolengemeinde zu Ragusa den Namen — Abraham Tolentino, und der Neligionslehrer der kleinen Gemeinde nennt sich Jakob Tolentino! Glaubet mir, es steckt in unserer Geschichte viel, viel mehr als sich unsere Wasfervogels und alle, die nach ihnen desselbigen Weges ziehen, jemals haben träumen lassen. 6. K. Litersrilchk Mitteilungen. Der Aufenthalt Israels in Aegypten im Lichte der ägyptischen Monumente, von Professor der Aegyptologie Dr. W. Spiegelberg. Straßburg i. E. 1904. Schlesier & Schweikhardt. Der bekannte Aeghptologe der Straßburger Hochschule sucht in dieser Abhandlung den historischen Kern der in den alttestamentlichen Quellen enthaltenen Nachricht von dem Aufenthalt Israels in Aegypten zu ermitteln und beleuchtet an der Hand der zeitgenössischen ägyptischen und keilschristlichen Urkunden den geschichtlichen Hintergrund dieser Begebenheit. Dieses Thema, eine alte Streitfrage der Theologie und Geschichte, hat für die weitesten Kreise der Gebildeten Interesse und wird hier in anregender Form mit einer kühlen Objektivität erörtert, die wir allen nichtjüdischen Historikern auf diesem Gebiete wünschen würden. — Jeder Leser kennt sicher das köstliche Büchlein „Aus dem Notizbuch des Onkels Jonas", das mit einer Kraft und Wahrheit, wie sie nur selten in unserer Nomanliteratur zu finden, das jüdische Leben in der Provinz Posen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts schildert. Es ist nicht zu viel, wenn man den leider jung verstorbenen Autor dieser Geschichten den jüdischen Fritz Reuter nannte. Nun ist der rührige Verleger des Buches, Herr Siegfried Cronbach, Berlin, auf die gute Idee gekommen, es illustrieren zu lassen und er hat als Illustrator den Zeichner der „Fliegenden Blätter", C. Bechstein für die künstlerische Arbeit gewonnen. Das Buch ist jetzt in prachtvoller Ausstattung und mit den meist sehr gelungenen Illustrationen im obengenannten Verlag erschienen. Es wird sicher von neuem seine Zugkraft bewähren, da es sich in dieser Ausstattung ganz vorzüglich zu Festgeschenken eignet. Von besonderem Interesse. dürste es sein zu konstatieren, daß auch vorurteilslose und humane Nichtjuden den Humor dieser Geschichten ersaßt haben. So schrieb der bekannte Geheimrat Prof. Foerster dem Verleger über dieses Buch: Sehr geehrter Herr Cronbach! Es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen im Namen eines Familien- und Freundes-Kreises zu danken für die Herausgabe der kleinen Erzählungen Ihres Herrn Bruders. Wir haben uns herzlich erfreut an dem echten Humor und der poetischen Feinheit, welche darin walten und diesen kleinen Schilderungen einen wahrhaft menschenfreundlichen, menschenverbindenden Charakter geben. In vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebenster Professor W. Foerster, Sternwarte. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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