Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- Seite 479 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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•479 knirschung ins Gewicht fallen, er erforscht unser Herz uub unsere Nieren und läßt seine Gnade und Barmherzigkeit beit Guten, welche an seine grenzenlose Macht glauben, angedeihen. „Denn bei ihm ist die Quelle des Lebens, und in seinem Glanz sehen wir das Licht. . Du hast schwer gesündigt, das ist wahr, aber der Allmächtige, gelobt sei sein heiliger Name, trocknet mit dev. Wärme seiner Barmherzigkeit den dahinstürzenden Trünenstrom der Leidenden . . . „Vertraue deine Wege dem Ewigen und glaube an ihn, geh, mein Sohn, mit deiner sündigen Seele ain 9. Ab, dem Gedenktage der Zerstörung Jerusalems, und während der Versöhnungstage, ohne zu essen und zu trinken, an das Grab deines Vaters. Flehe dort, bete aus unseren heiligen Psalmen um die Gnade des Allmächtigen, gelobt sei sein heilige. Name ...... Beuge dich auf das Grab deines Vaters, rufe ihn dreimal beim Namen und gelobe beim heiligen Namen des Ewigen, der ein helfender und rettender König und unser Panzer ist, daß du den Glauben deiner Väter bewahren wirst, daß-du ein Sohn deinem Vater sein willst, damit du für ihn ein Kaddischgebet sagen kannst. „O, mein Gott, zürne nicht den Ungläubigen und hasse nicht diejenigen, welche Böses tun, denn wie das Gras werden sie plötzlich abgemäht, und ivie grünes Laub so verwelken sie. . ." Und nun, mein Sohn, geh jetzt, tue was ich dir gesagt habe, der ewige Gott sei mit dir." Wie der Rabbi so redete, richtete sich der sonst so unbeständige und unsichere Blick Jainkels auf den Greis, es schien, als ob ein flüchtiger Funke der Intelligenz in ihm aufgeblitzt wäre, und bei den letzten Worten stürzten Tränen aus seinen Augen. Der Onkel Jainkel ging weg, ohne zu grüßen, doch sah man es ihm an,- daß seine Seele sich sehr erleichtert fühlte... Nach einigen Tagen fand man Jainkel ain Grabe seines Vaters schluchzend. Als der Friedhofsdiener ihn abends dort loegführte, war er schon viel ruhiger und gefaßter, und ein gewisses Verständnis sprach aus seinen Worten. Seit jenem Tage war augenscheinlich in der Seele Onkel Jainkels eine sichtliche Veränderung vor sich gegangen. Seine Handlungen entbehrten nicht mehr ganz der Logik, und man sah ihn von da ab nie anders als mit Tallis, Tefillin und Gebetbuch morgens und abends zur Synagoge gehen. . . Von Nsgula noch tzeringsdork. II. m Feuer seiner Jnliglut lag das alte Tergeste wie eine 'schlafende Schöne da, als wir uns zur Ausfahrt an die dalmatinische Küste anschickten. Niemand hätte glauben mögen, daß hier drei Monate später von den illyrischen Bergen über das Litorale und die istrische Küste ein rauher Nordwind streichen werde, von dem die Einheimischen Schauerliches zu erzählen wissen, die berüchtigte Bora. Angesichts dieser Erzählungen aber kann man es wohl begreifen, wenn der berühmte jüdische Bankier ans Wien, dem dort alle Witze nachgesagt werden und dem Fremdwörter in der Tat fremde Wörter sind, seiner Gattin aus Triest an einem solchen Tage telegraphierte: „Kann nicht abreisen, weil die Debora weht." Nicht einmal ein Borino schreckte uns. Die sonst so tückische Adria lag spiegelblank vor uns, als wir in den Hasen kamen. Dort bot sich mir mitten in dem lustigen Gewimmel der ankommenden und abreisenden Passagiere noch ein recht trauriges Bild, das trotz des herrlichen Wetters geeignet tvar, alle recht zu verstiinmen: Auswanderer aus Galizien und Polen. Wie oft ich auch einem solchen Bilde schon begegnet, immer schneidet es mir durch Mark und Bein. Da saßen sie auf ihren Körben, Kisten, Kasten. Koffern, Betten; Kinder, die kauin den ersten Laut der Muttersprache unter denr Vaterhimmel gelallt haben, und Greise, denen die neue Welt nur ein Grab verhieß. Stumm, gesenkten Hauptes, saßen und lagen sie am Ufer herum. Herzbrechendes Schluchzen klang aus dem Häuschen, wo die Fahrkarten gelöst und die Reise- Verträge durch die Agenten abgeschlossen werden. Ein jtinges Mädchen war die' rührendste Figur in den: Bilde; abseits, ganz allein, tränenlos, kauerte sie auf ihrem eininal sicher -weißen Koffer, worauf geschrieben stand: „Wer aus Gott ver- : traut, hat fest gebaut!" Vielleicht bestimmt, ihr Brautkoffer zu werden, den die Mutter irgendwo bei einem deutschen Kolo- - nisten erstanden, und der nun ihr Reisekoffer ward. Die Jahres- - zahl, die einmal darauf stand, war verwischt; ob vom Regen unterwegs oder von den Tränen daheim, als sie, am Boden - knieend, ihn verschloß? Fahre wohl, armes Kind, mag die Sonne einer neuen Welt deine Tränen niemals fließen sehen. Und nun läutet die Schiffsglocke, der Bootsmann winkt, „. . . ..zieht in Frieden! Gott schütz' euch, Mann und Weib und Greis! ' Sei Friede eurer Brust beschieden Und euren Feldern Reis und Mais!" Wir waren eine lustige Gesellschaft von deutschen Journalisten. Aber das Bild dieser Auswanderergrnppc ist uns - doch noch lange in der Erinnerung haften geblieben, als wir : schon auf der schlanken „Hungaria" ins offene Meer hineinzogen, lindes die Stadt mit ihren Schiffen, Häusern, Kirchen und dem ganzen Karstgebiet in dem sanften Duft des Abends verschwand. Unter diesen Journalisten, die von einem Schriftstellertage in Graz auszogen, etwa 70 an der Zahl, waren — ich inuß dies ausdrücklich konstatieren — kaum zehn Juden. Man sieht auch an diesem kleinen Beispiel, wie läppisch das Märchen von der „Judenpresse" ist. Die milde Luft der träumerisch schönen Jnlinacht, die ruhige See und der sternenbesäete Himmel lockte uns alle auf das Verdeck. Rasch wurden Bekanntschaften gemacht, rasch welche erneuert. Von Politik war nicht die Rede, desto mehr aber von den Landschaften und Städten, die unserer harrten. /Ich hatte inich eben in eine Unterhaltung über diese mit einem 'Kenner des Landes vertieft, als ich plötzlich durch eine Anrede aufgeschreckt wurde. „Romeo Wasservogel!" Mit diesen kurzen, aber inhaltsschweren Worten stellte sich mir ein Herr aus Wien vor, der sich später als der eifrige Reporter dortiger Blätter entpuppte. Ich kamt nicht ' sagen, daß mir die Bekanntschaft angenehm oder interessant gewesen wäre, aber ich beschloß, sie doch nicht zu ignorieren, da mir die Persönlichkeit des Mannes zu denkeit gab. 'Die Gesichtszüge deuteten entschieden auf Tarnopot oder Brody, die Figur aber war elegant und geschmeidig. Es lag -etwas vom Reserveoffizier in dem Manne, und bei der Vorstellung schlug er auch ganz vorschriftsmäßig die Hacken zu- Jammen, aber seine Manieren waren doch nicht reserveofsiziers- -inäßig. Und so konnte ich mir die ganze Geschichte nicht recht zusammenreimen. Erst am anderen Morgen erfuhr ich, daß unser Romeo Wasservogel ein getaufter Jude aus Wadowyce 'sei, dein auf einem Konkordiaball in Wien das Malheur Passiert war, daß er sich einem bekannten jüdischen Reichsrats-