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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-30 · Heft 40 (30.9.1904) · p. Seite 478

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
Seite 478 (sequence 10)
Language
German
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„Gewiß habe ich um sie gedient, aber Deine Charakteristik paßt nicht auf sie, nicht ganz." „Ich ahnte es, ich ahnte es. Deine Güte, o Herr, ist groß, und die Menschenkinder pichen Schuß unter dem Schatten Deiner Fittiche. Nun?" „Ich will das Mädchen zur Frau nehmen." „Der Ewige ist .allmächtig, gnädig, barmherzig und utxenbtidf» langmütig." „Aber -" „Was aber, sprich doch endlich!" „Das Mädchen ist keine Jüdin." Der Alte brach sprachlos zusammen .... Alte, langbärtige Juden gingen auf und ab im Zimmer Jainkels, welcher mit verfallenem pergamentenem Antlitz, mit wirrem Haupt- und Barthaar und verglasten Augen in seinein Bette lag. Er hatte hochgradiges Fieber. und wehklagte in einem fort. Er zitierte den für die Trauernden üblichen Spruch: „Unter den Trauernden von Zion und Jerusalem tröste dich Gott der Herr." Er wehklagte, indem er Trauergebete inurmelte, daß er keinen Sohn habe, daß dieser doppelt gestorben sei, indem er die Religion seiner Väter verlassen habe . . . Und die Alten wiederholten die Tranergebete lind den tröstenden Segen. Jainkel befand sich nicht mehr unter ihnen. Nachdem er seinen Vater zu Bette gebracht hatte, nach einem Arzt gestürzt ivar imd aiis dessen Munde tröstende Worte vernommen, hatte der Alte die Augen Plötzlich geöffnet. Zuerst war er keines Gedankens mächtig. Er blickte starr vor sich hin, dann erkannte er seinen Sohn, der ihn: den Schweiß von der Stirn wischte. Mit verzerrten: Antlitz erhob sich der Kranke auf seinem Lager, so daß selbst der Arzt entsetzt zurückwich; dann ballte er wütend die Faust und rief seinem Sohne zu: „Gel/ mir aus den Augen! Erschwere nur nicht den Tod, Dü Gottesleugner! Ich fluche Dir!" Dann sank er wieder auf sein Lager zurück und siel in Agonie. Der Sohn fand es am ratsamsten, sich zu entfernen. Die Familienkatastrophe erregte begreiflicherweise große Aufregung im Städtchen. Alle nach der Reihe kamen die greisen, frouunen Alten, die Abgeordneten des „Heiligen Vereins", deren Pflicht es ist, an: Bette des Sterbenden die Kasuätgebete zu sprechen. Auch in der Synagoge klagte man bitterlich. Diejenigen, welche im Gotteshause Gnade und Barmherzigkeit für den Vater Jainkels erflehten, begaben sich dann zun: Kranken. * Als sie dort anlangten, fühlte sich dieser etwas wohler. Er rnachte ein Testament. All sein Hab und Gut bestimmte er für wohltätige Zwecke, für die Pflege der Greise, für die Unterstützung der Kranken, für die Förderung der aru:en Bachurim, zur Hilfe der durchwandernden Bedürftigen, für die „Chewra" und das Jahrzeit-Kadischgebet. Denn er hatte ja keinen Sohn, der an seinem Todestage für ihn beten und das Jahrzeitlicht anzünden konnte! . . Und aufs neue verlor er das Bewußtsein — er hatte seinen letzten Aten: ausgehaucht. Die Greise beteten, sich hin- und herwiegend, wehklagend und murmelnd für sein, Seelenheil, damit der Herr den Verblichener: an den Stufen seines Thrones gnädig ansnehme. Sie wachten die ganze Nacht hindurch, dann wuschen sie den Toten, damit er mit den: Sta::be sich rein vermenge. Dann verbschiedeten sie sich von ihn: mit Gebet und brachten seine sterblichen Ueberreste nach dem Leichenhause. Dort setzten sie sie wieder nieder. Die Versammlung sprach das Totengebet, welches auf großen Tafeln an der Wand des Leichenhauses zu sehen ist, und suchten Jainkel, damit er sein Gewand als Zeichen der Trauer um seinen Vater zerreiße. Der Sohn umllanunerte den schlichten Holzsarg und sagte dann gesenkten Hauptes, kann: hörbar: „Ich bin kein Jude u:ehr." Die Alten starrten ihn mit vor Schmerz verzerrter: Zügen einige Augenblicke an, dann traten ihnen die Tränen in die Augen, und indem sie ihn zur Seite schoben, sagten sie: „Er ist nicht mehr der Sohn seines Vaters und hat daher hier nichts mehr zu suchen. ..." G- Dann ergriffen sie den Sarg und brachten ihn zur Gruft. Als sie von der Beerdigung zurückkehrten, war Jainkel verschwunden. ... Kaum war ein Jahr vergangen, kehrte er jedoch zurück, zerlun:pt, abgemagert und schwankenden Schrittes. Selbst diejenigen, welche scharfblickend waren, erkannten ihn nicht, und nur seine verwirrten Reden verrieten seine Identität. Er war verblödet, ein ungefährlicher Irrsinniger, die Zielscheibe des Hohns und Spottes der Straßenjugend. Man kannte ihn in der ganzen Gegend, obschon sein Benehmen, seine Art und Weise, und sein Aeußeres vielen Verwandlungen unterworfen waren. Bald war er sanft und gesprächig, und erzählte mit großer Zärtlichkeit von einen: Mädchen, dessen Blick warn:, dessen Händedruck heiß, und dessen Kuß glühend . war; bald schinrpfte und fluchte er, und sprach von einen: 'Ungeheuer, das ihn verhext habe, von einem Irrlicht, den: er besinnungslos nachgelaufen sei und worüber er den Glauben seiner Väter vernachlässigt habe. Des Vaters Fluch hatte ihn nicht davon zurückgehalten, die Tochter seines Chefs zu heiraten. Diese liebte ihn aufrichtig, suchte ihn durch ihre Liebe aufzurichten und seine:: umdüsterten Geist aufzuhellen. Sie war m:erschöpflich in der Bekundung ihrer Zuneigung, indem sie sich d^r Hoffnung hingab, daß die vielen Beweise ihrer Zärtlichkeit sein Gemüt beruhigen würden. Jedoch es half alles nichts, sein Geist war gebrochen. Hier war menschliche Hilfe nicht inehr möglich. Ihr Anblick jagte ihn: Entsetzen ein, denn ihr gab der Aern:ste die Schuld, daß sie das Band zwischen ihn: und seinem Vater zerrissen habe. Der Haß gegen sie, welcher aus den Augen des Irrsinnigen nur zu deutlich sprach, ertötete schließlich auch ihre Liebe zu ihm, und in einer verzweiflungsvollen Stunde verließ sie den Unglücklichen. Diese Flucht seiner Gattin gab ihn: den letzten Rest und vernichtete vollends sein seelisches Gleichgewicht. Und siehe da, es geschah das Unerwartete, daß er, der für seine Liebe leichte:: Herzens seinem Glauben entsagt hatte, sich nun für den Märtyrer seiner Konfession hielt und gleich den Märtyrern sich umso krainpfhafter an den Gedanken klammerte, dessen Opfer er zu sein glaubte. Er wurde religiöser Schwärmer, zuerst bewußt zznd dann unbewußt seinen fixen Ideen folgend. Den ganzen Tag sprach er nichts als Gebete, und die Ausübung religiöser Zeremonien war für ihn der höchste Genuß. In diesen: Zustande kan: er nach seinen: Geburtsorte zurück. Es ging ihn: finanziell sehr schlecht, aber es gab immer mitleidige Menschen, die ihn in seiner großen Not unterstützten und ihm Nahrung, Kleidung und Obdach gaben. Eines Tages brachten ihn seine Gönner zun: greisen Rabbi, der im Ruse eines großen Gelehrten stand.. Vielleicht konnte er den: Unglücklichen helfen. Der fronune Greis sagte zu ihn:: „Mein Sohn, der Allmächtige, geheiliget werde sein Name, hat einen Versöhnungstag bestimmt, an welchen: wir, unsere Sünden bereuend, für unsere Läuterung flehend, im Totengewande vor ihn: erscheinen, und der Herr läßt unsere Zer-

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