Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 68 (1904)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- Seite 477 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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flutung" der Schweiz wach, und veranlaßten im Sommer des Jahres eine neue Judendebatte auf der Tagsatzung, deren Ergebnis eine "allgemeine Einladung an die Kantone zu gewissen Vorsichtsmaßregeln war. Infolge dessen verboten unter anderem Bern und Basel 1809 den Juden, ohne amtliche Handelsscheine in ihrem Gebiet irgend eine Art Handel oder Gewerbe zu treiben. — Es hat bekanntlich noch ein halbes Jahrhundert gedauert, bis die letzten Beschränkungen der Juden in der Eidgenossenschaft gefallen sind. 'apgiLiLecnfr TOS?® Duke! Imnkkl. Von Samuel Haber. Autorisierte Uebersetzung aus dem Magyarischen. O/nkel Jainkel geht raschen Schrittes voran, ohne sich nach rechts und links umzusehen, mit Tallis und Tefillin angetan und in der Hand den „Siddur", das Gebetbuch, dessen Blätter. durch öfteren Gebrauch schon ganz zerknittert sind. Ihm ist es gleich, ob er zum Morgengebet geht, oder ob er sich zur Abend- und Nachtandacht in die Synagoge begibt; er ist nie ohne Tallis und Tefillinbeutel zu sehen. -Im übrigen kümmert er sich wenig um das, was um ihn her vorgeht. Er achtet nicht darauf, daß seine Haare nicht gekämmt sind, und daß sein banger Bart jede Pflege vermissen läßt. Sein Rock hat augenscheinlich schon manchen Sturm erlebt, und seine geflickten Beinkleider sind ganz ausgefranst. Er ist ein so treuer Besucher des Gotteshauses wie die übrigen vier, fünf, denen von der „Kille" monatlich zwei bis drei Gulden gezahlt werden, damit sie das für den öffentlichen Gottesdienst notwendige „Minjan" täglich stellen. Onkel Jainkel verrichtete mit großer Inbrunst sein Gebet in lautem, weinerlichem Tone, schaukelte sich dann wiederholt und wandte sich bei den wichtigeren.Abschnitten gen Morgen. Er würde die Synagoge nicht verlassen, wenn ihn der „Schames" nicht anriese: „Reb Jainkel, Reb Jainkel, ich muß die Schul' schließen." Dann geht Onkel Jainkel hinaus, mit Tallis, Tefillin und Gebetbuch, ohne eigentlich zu wissen, wohin. Die Geschichte dieses Armen ist recht traurig. Sein Vater war ein sehr frommer Mann. Von früh bis in die Nacht studierte er im Talmud, woraus er alle seine Weisheit schöpfte. Selbst in seinem Schnittwarengeschäft kümmerte er sich mehr um die alten Folianten, als um seine Waren und die Kunden. Er hatte einen einzigen Sohn, Jainkel, bei dessen Geburt seine Frau starb. Da er nicht mehr heiratete, wurde der Kleine zu seinen Großeltern gebracht, wo er ohne Mutterliebe auswuchs und durch seine tollen Streiche den Verwandten manchen Kummer bereitete. Das Leben und Treiben im großelterlichen Hause gefiel dem zwölfjährigen Jungen nicht, und eines Tages war er plötzlich verschwunden und, obschon die Familie alles aufbot, um ihn ausfindig zu machen, war keine Spur zu entdecken. Sein. Vater suchte und fand nur im Talmudlernen Trost und Vergessenheit. Eines Tages tauchte jedoch Jainkel plötzlich auf, der aber schon damals seinen Namen modernisiert hatte; er nannte sich Joseph. Mit Bewunderung betrachtete ihn der Alte, denn er war ein schöner, stattlicher junger Mann geworden. Auch hatte er sehr angenehme Umgangsformen angenommen, als wäre er ein geborener Aristokrat. Ebenso war er modisch gekleidet und trug selbst im Morast des kleinen Dorfes Lackschuhe. Dieser junge Kavalier verfügte auch über eine wohlgefüllte Börse. Wie war doch der Vater glücklich über diese Wandlung! „Mein süßer, süßer Sohn Jainkel, wie habe ich Dich beweint und betrauert, und wie bin ich jetzt namenlos glücklich. Dich wiederzuhaben!" Er streichelte seine Wangen, glättete sein Haar und drückte seine Hände. „Erzähle mir doch, wie es Dir gegangen ist, und warum Du Deinem alten Vater nie ein Lebenszeichen gegeben hast?" „Armer Vater," seufzte der Angekommene, „ich habe Dir .eine wichtige Nachricht zu überbringen. Ich will heiraten." „O, Du hast recht, mein Sohn, Du mußt eine Familie gründen, damit das Geschlecht des Reb Mordechai nicht ausstirbt, und daß jemand da ist, welcher das Andenken unserer Ahnen ehrt.. Ist die Braut schön? Ist sie aus einem guten Hause? Gelobt sei der heilige Name Gottes!" Der Jüngling seufzte: „Verzeih mir, geliebter Vater." „Gewiß verzeihe ich Dir, Du Böser, erzähle nur weiter. Nicht wahr, der Vater des Mädchens ist ein großer, frommer Mann, ein „Morenu", ein eifriger Schriftgelehrter oder vielleicht gar ein Rabbiner aus einer berühmten Rabbinerfamilie, denn Du bist doch ein prächtiger Junge!" „Ach leider —" „Was leider," rief der Alte ärgerlich aus. „Allerdings habe ich in der Ehe nicht viel Freude gehabt, aber das hat der Allmächtige so gewollt, gelobt sei deswegen sein Name. Deshalb kann ich in Deiner Freude neil aufleben. Also heraus mit der Sprache!" „O, geliebter Vater!" Der kräftige junge Mann umschlang den Hals des Alten; er konnte vor Schluchzen nicht zu Worte kommen. „Komm, mein Sohn, denke, wie Gott den Elenden aus dem Staube emporhebt. Wer wüßte nicht, daß die Hand des Ewigen all das vollführt hat, in dessen Hand die Seele eines jeden lebenden Wesens und der Atem jedes Sterblichen ist. Gehen wir in die Synagoge. O, wie wird man Dich anstaunen." „Lieber Vater," sagte der Sohn stammelnd, „es sind jetzt fünfzehn Jahre, seitdem ich das Elternhaus verlassen. Ein bis zwei Jahre habe ich im Elend zugebracht, auf der Jeschiwa, bis ich eingesehen, daß -ich auf solche Weise mir keine Zukunft gründen werde." „O, verlaß mich nicht, Gott Israels," stöhnte der Alte, sein Antlitz verfärbte sich und seine Knie schlotterten. „Ich weiß nicht, ob ich weiterreden soll." „Der Allmächtige, der mir bisher geholfen, wird mir noch die Kraft geben, diesen Schmerz zu ertragen. Gelobt sei sein heiliger Name." Ermutigt fuhr Jainkel fort: „Ich kam nach einer kleinen Stadt, wo ich endlich Arbeit fand und sie annahm. Jahrelang habe ich gekämpft und gerungen, nichts war mir zu schwer, ich habe es vollbracht. Meine Zähigkeit hat mich erhalten. Dann kam ich nach einer größeren Stadt. Auch dort erhielt ich eine Anstellung, und mein Fleiß und meine Ausdauer brachten mich immer mehr vorwärts. Ich gab von meiner Tüchtigkeit und meiner geschäftlichen Befähigung meinen: Chef solch glänzende Beweise, daß er mir die Leitung seines Geschäfts übertrug und mich mit Geldern und Geschenken überhäufte. Ich wurde wie ein Kind des Hauses geliebt und lernte auch seine Tochter kennen und —" „Nun, wenn sie eine fronnne Jungfrau ist, eine gottesfürchtige Seele, um die Du gedient hast —"