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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1904-09-30 · Heft 40 (30.9.1904) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
68 (1904)
Issue
Heft 40 (30.9.1904)
Date
1904-09-30
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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Diese, Hoffrrungsfreudigkeit. -diese Lebens- und Siegeszuversicht hat die Messiasidee durch die Geschichte getragen. Mit diesem messianischen Ideal,. das die Zähigkeit, die Ausdauer, die Zuversicht glorifiziert, sind die Bekenner des Mofaismus seit dreitausend Jahren erzogen worden. Und dieser Zähigkeit, dieser Lenkung durch optimistische Lebensideale danken sie es, daß sie sich durch die trüben Flutwellen der Geschichte, an denen Hunderte von Stämmen und Nationen zerschellt sind, hindurchgerungen, hindurchgebissen haben. Das klassische Volk der Zähigkeit hat sich das Gottesideal der Zähigkeit, der Weltenergie geschaffen, dessen Führung es vor Untergang bewahrt hat. Herder sagt einmal in den „Ideen zur Geschichte' der Menschheit": „Israel war und ist das ausgezeichnetste Volk der Erde; in seinem Ursprung und Fortleben bis ans den heutigen Tag, in seinem Glück und Unglück, in Fehlern und Vorzügen, in seiner Niedrigkeit und Hoheit, so einzig, so sonderbar, das; ich die Geschichte, die Art, die Existenz dieses Volkes für den ausgemachtesten Beweis der Wunder und Schriften halte, die wir von ihm haben und wissen. So etwas läßt sich nicht erdichten; eine solche Geschichte mit allem was daran hängt und abhängt, kurz, ein solches Volk läßt sich nicht erlügen. Seine noch unvollendete Führung ist das größte Poem der Zeiten und geht wahrscheinlich bis zur Entwicklung des letzten, noch unberührten Knotens aller Erdennationen hinaus. . . . Dieses sonderbarste Volk hat die sonderbarsten Bücher; ein Volk, dessen Religion und Geschichte ganz von Gott abhängt, hat auch Bücher der Art, des Geistes; sene Dinge sind aus diesen, diese aus jenen entstanden, aber alles ist im Grunde nur eins: ein Gepräge, ein Charakter, eine Beurkundigung aller Zeiten, ihr Name ist das Volk Gottes, wie dort von Ezechiels Stadt und Tempel." Entgegen dieser Herder'schen Auffassung lehne ich mit Spinoza jeden Wunderbegriff als as^lam ignorantiae ab. Wie Börne sehe ich das Wunder aller Wunder darin, daß das Wunder kein Wunder für uns mehr ist. Das scheinbare Wunder findet seine volle psychologische Erklärung, wenn man die Messiasidee richtig deutet. Der energetische Monismus versteht unter Messiasidee die Verlegung des Jenseits vom Raum in die Zeit. Die räumliche Jenseitigkeit heißt: Paradies, die zeitliche: Messianisnurs, die Prophezeiung kommender Vollkommenheit „am Ende der Tage", künftiger Glückseligkeit. Das räumliche Jenseits, das Paradies, spielt im Alten Testament eine vergleichsweise geringe Rolle, während das zeitliche Jenseits, der Messianismus, der Leitgedanke der Glanzepoche der antiken Literatur, der Prophetismus ist. Drücken wir uns philosophisch aus. Schopenhauer, der Materialist, sympathisiert mit dem Buddhismus, weil seine Substanz, der blinde Wille, der blöde „Hödur" der nordischen Mythologie, keinen Fortschritt, keinen Aufstieg, sondern nur Rückkehr zur Leidlosigkeit (Nirwana) kennt. Genau entgegengesetzt ist die Weltauffassung des Messianismus. Hier liegt die Erlösung vom Weltelend nicht im Rückwärts, sondern im Vorwärts. Die Weltanschauung des Messianismus ist, philosophisch gesprochen, keine mechanische, sondern eine organische. Für die Verfechter der Prophetenreligion ist das Universum keine tote Weltmaschine, keine von Ewigkeit nach mechanischen Gesetze;: aufgezogene Weltenuhr, sondern ein lebendiger Organismus, das heißt ein nach Sinn und Plan, nach Zweck, und System airgeordneter Zusammenhang. Nach der mechanischen Weltauffassung wird die jeweilige Gegenwart von der Vergangenheit regiert, nach der organischen wird umgekehrt die Gegenwart von der Zukunft beherrscht. Dort setzt sich das Ganze ans den Teilen zusammen, hier dirigiert umgekehrt das Ganze die Teile. Ein klassisches Modell, dafür ist die tierischmenschliche Keimzelle, in welcher embryonisch der künftige; Mensch eingeschlvssen ist, so daß alle seine Glieder allmählich in den Plan hineinwachsen, der in der Keimzelle schon vor- . gebildet ist. Wäre die Welt nun ein toter Mechanismus, wie der Buddhismus als Religion, und der Materialismus als Philosophie lehrt, dann wäre die pessimistische Deutung des Sinnes der Welt irn Rechte. Denn zu einem blinden Wirbel, 31t einer sinn- und planlos fluktuierenden Masse rnüßte der zu Bewußtsein erwachte Menschengeist energisch Nein sagen. Aber je länger die Naturforschung fortschreitet, desto arrs- : gesprochener wendet sie sich von diesem trostlosen Materialismus ab. Clifford, Ostwald, Mach vertreten heute an Stelle des zum alten Eisen geworfener: Materialisnurs die Energetik danach stellt Gott oder das All eine Energiequelle irr: Unendlichen dar, wie wir Menscherr als Mikrokosmen Energiequelle;: im einzelnen und kleinen sind. Jede Energie braucht Widerstände, um sich zu betätigen. Gebundene Energien werden gelöst, Spannkraft verwandelt sich in lebendige Kraft. Ist doch unsere Physik in völliger Umwandlung begriffen. . Die Aetherhypothese wankt. Die Jonentheorie und Elektronen- . theorie machen ihr den Platz streitig. Helium und Radirrm; bringen unsere orthodoxen Atonristen zur Verzweiflung. Die moderne Physik kommt seit Röntgen, Erookes, Tompson, Blondlot, Braun und dem Ehepaar Currie immer mehr zurUeberzeugung, daß Wärme, Licht, Schall, Elektrizität usw. im letzten 'Grunde nur Aenßerungen einer einzigen Urkraft, der Weltenergie, darstellen. Ar: diese in ewiger Veränderung befirrdliche Urkraft klammerr: sich die Energetiker. Uns Optimisten interessiert.weniger unser Großvaterland, sondern, mit Nietzsche zu sprechen, unser Enkelland. Wir wollen rächt aussparrnerr, sondern anschirren. Wir blicke;: rricht rrrit elegischer Gebärde ' und, brechenden; Blick rückwärts in die Lüngstvergangenheit, sondern nüt Augei: voll fieberhafter Erwartung vorwärts irr die entfernteste Zukrrnft, ins Morgenrot ungemessener Voll- . kommenheiten. Wir winseln nicht in greisenhafter Untätigkeit nach Nirwana, wir lechzen rricht nach der Bettelsuppe der Urrtütigkeit, sondern wir gieren nach Taten. Wir sprühe;: und blitzen vor: Energie und Urrternehmrrrrgslust. Die welthistorische Aufgabe, welche der Messiasidee offenkrrrrdig zrrgefällen ist, besteht nur: darin, diesen errergetischcn Optimismus der Menschheit zr: erhalten, um sie vor Erschlaffrmg, vor der Jnfektior: rrrit buddhistisch-Pessürristischen Bazillen zu bewahren. Sie bildet gleichsanr den Jrrrmurrisierurrgsstoff des Menschengeschlechtes gegen jene seelischen Seuchen, wie sie der Pessimis- , mus aller Zeiten und Länder drrrch ein raffirriertes dialektisches Kontagium heraufbeschworen hat. Der Evolutionisuurs, Optimismus und Messianismus sirrd so ein Naturhertversahren im Logischen. Ohne Ideal kann weder ein Mensch rroch viel weniger eine Kollektivität, eine Religionsgemeinschaft leben. Völker ohne Ideale sind die Vagabunden der Soziologie. Wehe den Völkern und wehe den Menschen, die irr ihren Idealen kein seelisches Rückgrat haben, die irr: Mittelpunkte ihrer Vitalität entzweigebrochen oder geborsten sind, die sich ihre Lebensrichtung, ihre Lebensstimmung, ihrer: Lebensstil vor: ihrer: Eingeweider: und rricht vor; ihrer Seele vorschreiben lassen. Die Messiasidee, dieser Evotutionisinus im Gewarrde der religiösen Stirrnrnrng, ist eine Mission, eine Kulturausgabe, eirr .. Instrument, das rnrs die geschichtliche Vorsehung zugewiesen hat, darrrit wir es in der großer: Weltkantate der ewiger: Harmonie virtuos handhaben könnerr. So lange es hölzerne oderpapierene Scheiterharrfer: gibt, so lange Gemeinheit rrnd Niedertracht irr: kleinen, soziales Elend und moralisches Defizit irr: großen vorwalten, so lange ist Messias nicht gekoirrrnerr. Die Messiasidee ist so der perennierende weltgeschichtliche Protest gegen das Nachtasyl seelischer Finsternis.

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